Volltext : Stuttgarter Uni-Kurier (61/65, 1994)

12 Serie: Wissenschaftlerinnen an der Uni Stuttgart
Skizzen und Lebenswege (6):
Wissenschaftlerinnen an der
Universität Stuttgart

Stuttgarter Uni-Kurier Nr. 65/ Dezember 14.

Dynamische Energiesimulation
in der Architekturlehre
‚Die Architekturlehre hat zum Ziel,
lie Studierenden auf alle Aspekte
hrer Tätigkeit als Planende der ge
jauten Umwelt vorzubereiten“,
neinte Melita Tuschinski. „Dieser
Anspruch schließt auch das Beyußtsein
 der Auswirkungen jeder
intwurfsentscheidung auf das wärnetechnische
 Verhalten der zukünfigen
 Gebäude mit ein.” Am Institut
ar Bauökonomie von Prof. Horst
üsgen lehrt die Architektin die
irundlagen der Energieökonomie
‚nd die manuelle Berechnung des
leizwärmebedarfs und der Jahreseizkosten
 von Gebäuden. Im zweien
 Studienabschnitt setzt sie im
kahmen des Lehrkonzeptes „Biokliı1atisches
 Entwerfen“ die dvnami-“ehlt

 diesem häufig die Zeit für die
wissenschaftlich qualifizierende Ar
7eit” bemängelt die Architektin

Verzicht auf Kinder zugunsten
ler Karriere: „Das muß nicht
jein!”
hren Sohn Alexander sieht sie als
än „dynamisches Langzeitprojekt“
Ohne die Unterstützung meines
Aannes hätte ich meinen Beruf
ach der Geburt unseres Sohnes
icht in diesem Ausmaß ausüben
Snnen”. Ihr Mann arbeitet als Realchullehrer
 mit Drei-Viertel-Deputat.
Aorgens bringt die Architektin ihrer
john in den Kindergarten und mit-19s
 holt ihn der Vater wieder ab.
Wenn etwas Unvorhergesehenes
jazwischen kommt, kann ich Alexinder
 auch mal an die Uni mitnehnen,
 um meinen Verpflichtungen
am Institut nachzukommen“ freut
ich die Architektin. Als sie vor zwei
Jahren eine wichtige Lehrveranstal-:ung
 eigentlich hätte verschieben
müssen, weil Alexander krank war
antschloß sie sich, ihren Sohn in
den Seminarraum mitzunehmen.
„Während er im Kinderwagen neben
 der Tafel schlief, habe ich drei
Stunden lang vorgetragen. Am Ende
der Veranstaltung haben mir insbesondere
 die Studentinnen gedankt“
arinnert sich Melita Tuschinski. Der
nstitutsleiter, Prof. Horst Küsgen,
selbst Vater von erwachsenen Kin
Jern, schätzt ihre Leistungen und
Arbeitseinstellung.
„Das Leben einer berufstätigen
rau ist auch ohne Kind ausgefüllt”.
Derichtet Melita Tuschinski aus eijener
 Erfahrung, denn sie ist erst
ıit 35 Jahren Mutter geworden.
Karrieren sind häufig auf ein Single-)asein
 zugeschnitten, daher verzichen
 erfolgreiche Frauen oft auf nachvuchs”,
 sagt die Architektin bejauernd.
 „Das muß nicht sein! Doch
lazu sollten die Berufsbilder aufgelok-'ert
 werden, um Frauen mehr Freiaum
 für Familie und Karriere zu las-‚en”,
 stellt sie fest. Für die Kollegin-Jen,
 die wie sie eine wissenschaftli-;he
 Karriere anstreben, fordert sie die
Schaffung reeller Voraussetzungen
ür die wissenschaftliche Qualifizieung
 im Rahmen der Arbeit an den
nstituten, wie es auch in der Promojonsordnung
 als Regelfall daraestellt
vird.“
Melita Tuschinski lebt das selbst
‚or: parallel zu ihren Lehr- und Vervaltungsaufgaben
 am Institut, entvickelt
 sie im Rahmen ihres Promoonsvorhabens
 „Ein interaktives
‚ernsystem für bioklimatisches Entverfen”
 unter Einsatz eines Autoren
iystems und mit Zugriff auf CAD,
»tmulation und Fachdatenbanken.
\ls Anlaß für die Themenwahl sieht
ie die Notwendigkeit der Reduzie-Ing
 der Umweltbelastung durch
eizungsabgase durch energiegeachte
 Architekturkonzepte, sowie
lie persönliche Relevanz durch die
/erbindung zum eigenen Arbeitsbe-'eich,
 dem Einsatz von computerunerstützten
 Hilfsmitteln in der Archiekturlehre.
 Wissenschaftlich betreut
/on Prof. Horst Küsgen (Institut für
3auökonomie) und Prof. Dr. Rul
3unzenhäuser (Institut für Informaik)
 konzipiert sie ein offenes, com-)uterunterstütztes
 Lehr- und LernsY-‚tem
 für die Architekturlehre. Die
intwicklung und Implementierung
les neuen Hilfsmittels soll der Förerung
 des Medieneinsatzes in der
ehre sowie der Vermittlung von
Aethoden zum selbständigen UMmjang
 und Erwerb von Wissen die-‚en.
 Als übergreifendes Ziel gilt 507
vohl die Erprobung eines Lehrsytems
 mit fächerübergreifender
'hematik als Modell für den Einsatz
ın anderen Hochschulen als auch
lie Herstellung der Verbindung Zur
orschung und Praxis, durch den
xperimentellen Einsatz neuer Co
Jteranwendungen und die Bereit
tellung eines Hilfsmittels für die /®
enslange Weiterbildung.
Sahastian Srcr

Nach der Reihenfolge ihrer Berufe befragt, steht für Melita Tuschinski, wissenschaftliche Angestellte
 am Institut für Bauökonomie, inzwischen fest: „Ich bin in erster Linie Architektin und dann
erst Mutter!“ Nach Praxiserfahrung im In- und Ausland setzt sie in der Hochschullehre innovative,
Somputerunterstützte Lehrkonzepte um und stellte die Ziele, Methoden und Ergebnisse des „Bioklimatischen
 Entwerfens“ auf Tagungen vor. Als Vertreterin des akademischen Mittelbaus brachte
sie in Kommissionen auf Universitäts- und Fakultätsebene ihre Erfahrungen und Lösungsvorschläge
 zur „EDV in der Lehre” ein und führte das Pilotprojekt der Kommission INFIDEL „Fachdatenbanken
 in der Architektur“ 1993/94 erfolgreich durch. Ihr sechsjähriger Sohn Alexander bleibt trotzdem
 das „wichtigste, dynamische Lebensprojekt“ von Melita Tuschinski. Sie bedauert es, wenn
Frauen der Karriere wegen auf Kinder verzichten, weil die Flexibilität der Arbeitswelt eingeschränkt
ist. „Frauen sollten neue, individuelle Modelle erproben, um ihre persönlichen und beruflichen Ziele
in Einklang zu bringen“. Da Melita Tuschinski an die Notwendigkeit und Wirksamkeit zusätzlicher
Maßnahmen glaubt, engagiert sie sich aktiv in der Senatskommission für Frauenförderung der Universität
 Stuttgart. Als Mittelbauvertreterin fordert sie verbesserte Möglichkeiten der Qualifizierung
des akademischen Nachwuchses.
Geboren in Schäßburg/Siebenbürgen
 wuchs sie als Tochter einer
Deutschen und eines Rumänen auf.
„Von meinem Elternhaus habe ich
die Toleranz im Blut mitbekommen
meint die Diplomingenieurin heute.
‚Ich bin wegen meiner deutschen
Herkunft nicht diskriminiert worden”,
 betont sie. Die eingeschränkte
Reisefreiheit hat sie als großen
Nachteil empfunden. In ihrer Heimatstadt
 besuchte sie die deutschsprachige
 Volksschule und das naturwissenschaftlich-technische
 Josef-Haltrich-Gymnasium.
 „Seit der
fünften Klasse wünschte ich, später
Architektur zu studieren“, erinnert sie
sich. Nach dem Abitur und einer
Ausbildung als technische Zeichne
rin heiratete sie Paul Tuschinski.
Nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung
 studierte sie Architektur an de
lon-Mincu-Hochschule in Bukarest.
Die anschließende, vierjährige Praxiserfahrung
 als Entwurfsarchitektin
am Institut für Forschung und Entwerfen
 der Wasserwirtschaft (ICP-GA)
 in Bukarest weckte auch ihr Interesse
 für eine lebenslange berufli-Che
 Weiterbildung.
Nachdem ihre Mutter erkrankte
Ind nach Deutschland übersiedelte,
beantragten Melita Tuschinski und
ıhr Mann ebenfalls die Ausreise. Als
Hochschuldozent wurde Paul Tuschinski
 von der Universität Bukarest
 darauf sofort entlassen. Bis zur
Übersiedlung nach Baden-Württem
Derg erteilte er ein Jahr lang Deutsch:
unterricht am Goethe-Institut in Bukarest.
 Inzwischen kennt Melita Tuschinski
 außer der deutschen auch
die amerikanische Lebensart. „In
verschiedenen Kulturen und Denkweisen
 gelebt zu haben, bedeutet
für mich eine Steigerung der Offenheit
 und Toleranz durch die Relativierung
 der eigenen, anerzogenen
 Werte”, resümiert die Architek:
tin. In ihren Sprechstunden und als
Mitglied der Fulbright-Kommission
in Bonn ermutigt sie Studierende,
sich durch ein Auslandsstudium
neue Perspektiven der beruflichen
und persönlichen Entwicklung zu
aröffnen

Jie Voraussetzungen für den EDV-Einsatz am Institut für Bauökonomie hat Melita Tuschinskv selbst geschaffen.
(Foto: Schmale!

5ulbright-Stipendiatin in die USA
ınd schloß nach fünf Semestern
Jas Studium an der School of Ar-;hitecture
 der University of Texas at
Austin als „Master of Architecture“
ab.
In Austin lehrte der inzwischen
'erstorbene Professor Charles W.
Aoore, der sich selbst gern als
Großvater der Postmodernen Ar-;hitektur”
 bezeichnete. Als Schüleın
 in seiner Postgraduierten-Mei-‚terklasse
 konnte Melita Tuschinski
ıuf Exkursionen durch Texas, Louijana,
 Arizona und Mexiko „Archiektur
 live erleben” und in Work-‚hop-,
 Stegreif- und Wettbewerbsantwürfen
 ihre Vorstellungen umjetzen.
 „Von Charles Moore habe
ch gelernt, Architektur zu lehren“
)erichtet die Architektin. „Später,
ıls Entwurfsbetreuerin an der Uni-‚ersität
 Stuttgart, war ich bestrebt,
)jeim Entwerfen auch das Selbstverrauen
 der Studierenden in ihre eijenen
 räumlichen und visuellen Erebnis-
 und Gedächniswelten zu förlern“,

Auf die Lehre legte man an der
Jniversität in Austin großen Wert.
Auch die Meinung der Studierenlen
 war gefragt. Sie können, wie
ıuch an anderen Universitäten der
JSA, die Vorlesungen und Semina:
e ihrer Hochschullehrer bewerten.
Zu Beginn meiner Betreuertätigkeit
ın der Universität Stuttgart, habe
ch den Studierenden nach Abchluß
 der Veranstaltung von mir
ntwickelte Evaluierungsformblätter
orgelegt, um dadurch meine pädalogische
 Tätigkeit als Entwurfsbe-’euerin
 zu verbessern“, berichtet
Aelita Tuschinski. Darin sieht sie eie
 effizientere Einbindung der Meiung
 der Studierenden zum Ablauf
ler Lehrveranstaltungen: „Im Gejensatz
 zum amerikanischen Mojell,
 welches vorsieht, daß die ausjefüllten
 Evaluierungsformblätter diekt
 an die Universitätsleitung weiergegeben
 bzw. ausgewertet werlen
 und die Lehrenden erst im
achhinein über die Ergebnisse und
Onsequenzen der Umfrage inforyert
 warden”

„Als ich in Austin studierte, hatte
BM im Rahmen eines Förderprojekes
 das erste Computerlabor der
JSA für Studienanfänger der Archi
ektur vollständig ausgestattet“, beichtet
 die Architektin. Parallel zum
traditionellen Entwerfen mit Papier
ind Bleistift konnten die Studierenlen
 experimentell, computerunter-;tützte
 Visualisierungsmöglichkeiten
Grafik, Video, CAD) einsetzen. Zu
lieser Zeit, hatte sie ihre EDV-Leilenschaft
 schon entdeckt. Ihre Be-»bachtungen
 zur Einführung compuerunterstützte
 Hilfsmittel in der Lehe
 hat sie als „Zukunftsvisionen aus
lien USA” in der Zeitschrift „Comuterbildung”
 beschrieben. Die euopäischen
 und deutschen Bemüungen
 zur Verstärkung des Medien-Ansatzes
 im Unterricht machte sie
ı dem Beitrag „European and Gerıan
 Efforts to Meet the Challenge
ı£ New Technology Education“ in
The Educational Facility Planner
nternational” in den USA bekannt.
‚EDV, der Umgang mit Computern
wird heute noch häufig als Männerlomäne
 gewertet. Computerzeit-Chriften
 und -firmen senden mir
'es Öfteren Informationen: An Herrn
1. Tuschinski zu. Meist rufe ich zuck
 und frage, ob ich wirklich ihre
inzige Abonnentin/Kundin bin“
chmunzelt die Architektin.
Ihr Interesse für Computer und
Mmweltreievante Fragestellungen in
ler Architektur führten Melita Tu- -
schinski in Austin in die Lehrveran-;taltungen
 von Prof. Francisco Aruni-Noe.
 Der Physiker hatte schon
'or Jahrzehnten eines der ersten dyjamischen
 Energie-Simulationspro-Iramme
 für Gebäude entwickelt
DEROB). Durch die Entwicklung ei-Ss
 neuen Handbuches und der
’ädagogischen Dokumentation für
‚EROB V“, im Rahmen einer Stulienarbeit,
 legte Melita Tuschinski
len Grundstein für ihre heutige Leh-€
 an der Universität Stuttgart. Den
/omputer nutzte sie seither sowohl
ı der Praxis von Architektur- und
1genieurfirmen in den USA als
ıuch bei der Mitarbeit in Architekırbüras
 in Deutschland

iche Energiesimulation als compuerunterstütztes
 Hilfsmittel, zur Vorıbberechnung
 des Heizwärmebelarfs
 und der thermischen Behagchkeit
 in Gebäuden ein. Beispielıafte
 Studienarbeiten einer men-‚Chen-
 und klimagerechten Archiektur
 sind die Projekte „Ökologicher
 Kindergarten in Stuttgart”,
5olar-Architektur-Studio” und die
‚jeminarbeiträge zu „Untersuchung
er thermischen Behaglichkeit in
'estehenden Glasanbauten”, „Redeign
 von Wohnhäusern” und „Enerjetische
 Analyse historischer Fachverkhäuser”.
 Diesen Lehransatz
tellte Melita Tuschinski auf Tagunıen
 in Florenz, Cardiff und Lyon vor.
„Der experimentelle Einsatz unterhiedlicher,
 neu entwickelter Simuations-
 und Berechnungssoftware
ür Gebäude, verleiht der computerınterstützten
 Lehre die Vermittlerolle
 zwischen Architekturforschung
ınd -praxis” berichtet die Architekin
 aus ihrer Erfahrung. Die Voraus-;etzungen
 für ihre aktuelle Lehrtätig
teit schuf Melita Tuschinski durch
lie Einrichtung und Betreuung des
3au6ökLabs am Institut für Bauöko-1omie:
 „Angefangen von der Koneption,
 Antragstellung, Beschaffung
ler Hard- und Software, der Instalation
 der Anwendungsprogramme,
ler Vernetzung und Wartung der
lechner, bis hin zur Vorbereitung
nd Durchführung der praktischen
.DV-Übungen, ergeben diese Erfahungen
 keine wissenschaftliche
Jualifikation.” Genau wie ihre Kollejinnen
 und Kollegen des Mittel-)aus,
 die auch mit befristeten Ar-‚eitsverträgen
 eingestellt sind, werst
 Melita Tuschinski diesen Zu-;tand
 als Mangel der Personalstrukur
 einer Universität. „Der EDV-Ein-;atz
 in der Lehre erschließt neue
\ufgabengebiete, welche eine zeitli-‘he
 Kontinuität erfordern. Die Bereuung
 von Rechneranlagen an den
ıstituten sollte von entsprechenden
’ersonalkapazitäten gewährleistet
ein. Als zusätzliche Verpflichtung
u den Lehr- und Verwaltungsaufga-'en
 des akademischen Mittelbaus
+ befristeten Arheitsverträgen

Aufbaustudium in Stuttgart
und Austin/Texas
dei ihrer Ausreise aus Rumänien
hatte Melita Tuschinski auch den
Wunsch, bei Professor Frei Otto,
Jessen Forschung und Lehre der
„Natürlichen Bauformen“ ihr durch
Veröffentlichungen bekannt waren.
sich weiterzubilden. Nach Zulassung
 ins fünfte Fachsemester studierte
 sie zwei Jahre lang an der Ar
chitekturfakultät und untersuchte im
Rahmen einer Studienarbeit am Institut
 für Leichte Flächentragwerke
„Die Natur und Richtungen der
Oberflächenspannungen in pneumatischen
 Strukturen“. Sie erinnert sich
sehr lebhaft an „die inspirierende
Xperimentier-Atmosphäre, an die
Montagsgespräche über den Stand
der Erkenntnisse” und plant, durch
energetische Untersuchungen natürlicher
 Baustrukturen in Zukunft daran
 anzuknüpfen. 1985 aina sie als
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.