;tuttgarter Uni-Kurier Nr. 65/ Dezember 1994
1it Seilen vermaßen die Stuttgarter Wissenschaftler den Grundriß Freibur«
Sonderforschungsbereich „Natürliche Konstruktionen“:
Auch der Broadway ist ein
historischer Trampelpfad
Jen Methoden und teilweise raffinierten Techniken der mittelalterlichen Stadtplaner waren in diejem
Sommer Professor Klaus Humpert und seine Mitarbeiter vom Städtebaulichen Institut auf der
Spur. Dabei bedienten sich die Stuttgarter Architekten genau jener Möglichkeiten, die auch ihren
nittelalterlichen Vorgängern zur Verfügung standen: Mit Seilen und Traktoren vermaßen sie den
3rundriß der alten Zähringerstadt Freiburg im Maßstab 1:1 auf einer rund 40 Hektar großen Brachläche,
„Bei einer genaueren Untersuchung ist das Bild der ‘historisch gewachsenen Stadt des Mit-'elalters’
nicht länger zu halten“, bringt die Institutsmitarbeiterin Dr. Anette Gangler den aktuellen
“orschungsstand auf den Punkt. Ganz offensichtlich liegen einer Stadtanlage aus jener Zeit ausgewogene
und komplexe Vermessunagen zuarunde.
Nicht nur Schriftstücke oder mündıch
Überliefertes, sondern auch
Stadtgrundrisse können demnach
ıls wichtige historische Quellen die-1en”,
betont die Diplomingenieurin.
m Rahmen eines großen Forschungsprogramms
wurden 60 Bal
Ungsräume vermessen und die Da-'en
im Computer erfaßt. „Das
Nachstum dieser Städte erscheint
ıls Selbstbildungsprozeß”“, erläutert
Ir. Gangler, während den Zährin-Jer-Gründungen
des elften und
wölften Jahrhunderts hochkomplexe
Pläne zugrunde liegen: „Hier wer
len mathematische Gesetze ange-Mandt,
wie zum Beispiel der Satz
les Pythagoras oder Kreisbögen-Serechnungen.“
Der Einfluß aus Italen
ist gerade bei den Zähringer-;tädten
groß, wie ein Vergleich der
3rundrisse von Siena und Freiburg
'sigt.
ın einem einwöchigen Feldversuch
gelang es den Architekten des
ädtebaulichen Instituts, den Frei-Jrger
Grundriß mit 400, 600 und
000 Fuß langen Seilen im Maß-4b
1:1 auf 40 Hektar Brachland
ächzubilden. Inzwischen sind auch
"ittelalterliche Städtegründungen
ie München und Berlin von den
>uttgarter Ingenieuren im Compu-Sr
erfaßt und mit Hilfe von grafi-‘hen
Methoden verglichen worlen.
„Unsere Ergebnisse wurden
N der Fachwelt gut aufgenomen“,
berichtet Dr. Gangler, wenn
Ch hie und da Skepsis laut wurle,
„Denn die Interpretierbarkeit vor
KOmetrischen Resultaten kann un-Srschiedlich
sein.“
Erst seit zwei Jahren befassen
'Ch die Städteplaner in Stuttgart
Mt dem Projekt der historischen
‚ädte im Rahmen des Sonderfor-Chungsbereichs
230 „Natürliche
ONstruktionen“, der vor mehr als
Shn Jahren von Professor Frei Otto
* Leben gerufen worden war. Seit
nn Zeit befaßten sich die Archi-®kten,
Stadtplaner, Physiker, Biolo-Jen
und Philosophen der Universität
"utigart und Tübingen schon mit
En anderen Thema, den histori-BR
Wegenetzen. Welchen Einaut
aben sie auf den Städtebau,
Ai Eine der zentralen Fragen. ;
in a Klaus Humpert ging dabei
£N anthronalaaischen Grund:
Ner macht schon gerne Umwege? Der Mensch bevorzugt den direkten Weg.
3gen des Laufverhaltens der Menchen
aus. „Der Mensch navigiert
jenau”, erklärt seine Mitarbeiterin
)r. Anette Gangler. Dies sei die Ba:
is aller Naturwege. Die Stuttgarter
‘tädteplaner haben diese Erkenntisse
auf den GrundriRß der Stadt
reiburg angewandt, indem sie das
istorische Wegenetz der Breisgau-1etropole
zur Zeit der Städtegrünung
aufgezeichnet haben. Ausge-‚end
von diesem Netz planten die
ähringer ihre Stadt. Darüber hinus
fanden die Forscher auch einen
‚orrömischen Fernweg durch den
tuttgarter Talkessel, den sie ausgeend
vom Asperg weiterverfolgen
onnten.
Beim Grundriß der badischen
tadt Denzlingen fiel ihnen auf, daß
er Ort genau entlang eines Bach-1ufs
entstanden ist. Schon zur Zeit
‚er Römer befand sich dort ein Entvässerungskanal,
der die Straße
‚or Hochwasser schützen sollte.
Auf diese Weise entdeckte Prof,
{umpert, wie die Römer den
°chwarzwald überquert haben”,
nacht Dr. Gangler deutlich. Diesen
Jberweg konnten die Städtebauer
‚on Freiburg bis nach Hüfingen verolgen.
„Die Römer haben ihre Weı1e
so angelegt, daß sie teilweise
Jaturwege benutzt haben.” Diese
ntsprechen genau dem Verhalten
les Menschen beim Laufen. Fünf
\spekte spielen dabei eine Rolle:
)ie Wege müssen kurz, zeitsparend
ıcher und bequem sein. „Außerıem
gabeln sie sich stets in einem
A-Grad-Winkel.“ Dr. Anette Ganaer
läßt es aber offen, ob es sich daei
um ein immanentes biologisches
Prinzip handelt.
Manchmal werden jedoch auch
gewußt Umwege in Kauf genomnen.
„Der dadurch entstandene
"eitnachteil wird jedoch heutzutage
durch die Motorisierung aufgehoen.“
Doch letzten Endes spiegeln
ich die genannten fünf Punkte auch
ı der „Typologie der Trampelpfa-‚e“
wieder. In Parks und Gartenanagen
werden von den Besuchern
\bkürzungen gefunden, was nicht
mmer im Sinne der Landschaftsar-;hitekten
ist. „Ist ein Blumenbeet
der Pfütze im Wege, wird leicht
ıachnavigiert‘”, so Dr. Gangler. Eins
‚teht aber für sie fest: „Das beste
3eispiel für einen ‘historischen
'rampelpfad’ ist der New Yorker
3roadway, der sich wie ein gewunjenes
Band durch das Schachbrettnuster
von Manhatten zieht.“
Kontakt:
dr. A. Gangler, Städtebauliches In-;titut,
Keplerstr. 11, 70174 Stuttyart,
Tel. 0711/121-33 56, Fax 07 1/
21-3225
Stellenangebot
nstitut für Theoretische Chemie
‚ucht ab sofort
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55, 70049 Stuttgart.
Forschung & Wissenschaft 13
3uchtip:
Sozialer
Wohnungsbau
revisited
seinem Skizzenblock eine Art von
Expedition in die eigene Vergangenreit
unternommen und die Bauten
Jes eigenen Büros aus jener Zeit
viederbesucht, „um zu sehen, ob
‚nanche der Urteile über das Elend
ler Siedlungen zu bestätigen wäen“.
Von den kleinen Häusern für
Jüchtlinge aus den frühen Fünfzi-7ern
über die Werksiedlungen der
‘päten Fünf- und frühen Sechziger
)is zu den Hochhauskonzepten im
)bergang der sechziger und siebzijer
Jahre sowie den Terrassensiedungen
und Zeilenbauten aus jener
Jeit führte seine Zeitreise. Und imner
wieder stellte der Autor fest, wie
vandlungsfähig sich die frühen Bauen
erwiesen haben und wie sehr
lie heutigen Bewohner von der
Vohn- und Lebensqualität ihres Zu-1aauses
überzeugt sind,
Aufgabe des mit zahlreichen Abjildungen
und farbigen Skizzen ver-;ehenen
Architektur-Bandes ist die
Veu- beziehungsweise Wiederbevertung
der Leistungen des Wohıungsbaus
in der Vergangenheit.
)as Fehlen von Konzepten für den
1eutigen Wohnungsbau und die
Stadtplanung beklagt der Autor
nehrfach. Neben Verweis auf die
‚eistungen der Vergangenheit gibt
Hans Kammerer auch einen Hinweis
auf die Zukunft: „Wir sind ziemlich si-5>her,
daß wir wieder einer Zeit gnädi-Jer
Hochhaus-Duldung entgegengeen.
Die Stadtplaner haben ihre Meiung
so oft geändert wie die Architekturkritiker.
Man kann ruhig auf
1euerliche Revisionen warten.“
eng
zs fehlen Wohnungen. Allüberall.
Joch paradoxerweise sei vom Wohnungsbau
keine Rede mehr, sagt
Jer Stuttgarter Architekt Prof. Hans
Xammerer in seinem Anfang diesen
Jahres erschienenen Buch „Wohnen
ınd Wohlstand“. Seine Begründung,
warum das so ist: Uns geht es zu
Jut! Der gegenwärtige und seit Jah-'en
bestehende Trend bevorzuge
3indeutig das freistehende Einfamiljenhaus.
Und dies, obwohl auf diese
Neise nur ein banales Gebaue, ein
inkontrolliertes Wachstum der Städ-'e
mit übermäßigem Flächenverrauch
und eine beispiellose Zersie-Telung
der Landschaft entstanden
'el.
Unter dieser Diagnose hat der Auor
sich ein eigenwilliges und gegen
Jen Strom der Meinungen ankämp-'endes
Ziel gesetzt. Eine Bestandswufnahme
und Neubewertung des
Vohnungsbaus der fünfziger und
jechziger Jahre. Das verbreitete
ichlagwort, der Wohnungsbau nach
Jem Krieg habe die Zerstörung der
leutschen Städte im Krieg erst voll
ndet, ist für Kammerer ein die tatächlichen
Probleme des Wiederauf-)aus
verkennendes Vorurteil. Viele
jamals entstandene Siedlungen
sind weder in der Qualität noch in
ler statistischen Bilanz im nachfol
jenden reichen Vierteljahrhundert
3arreicht worden.“
Entstanden ist auf diese Weise ein
nutiges und selbstbewußtes, zT.
auch kämpferisches und polemisches
Werk. Hans Kammerer hat zusammen
mit einem Fotografen und
Kontakt:
Hans Kammerer, Wohnen und
Wohlstand, avEdition, Stuttgart
1994, 142 Seiten, 147 Fotos, 43
Aquareile, gebunden, 78,80 DM
ISBN 3-929638-02-9}
zin Blick zurück:
Die Anfänge des Historischen
Instituts (Fortsetzung)
‚on Professor Auaust Nitschke
Aus Anlaß seiner Emeritierung im Sommersemester 1994 hat Prof. Dr. Aujust
Nitschke einen Rückblick über die Geschichte des Historischen Instituts
jeschrieben. Der erste Teil des Textes ist in der letzten Ausgabe des Uni-Kuiers
(Nr. 64/November 1994, S. 2ff) abgedruckt. Mit dieser Fortsetzung endet
ler Rückblick.
Da die Ingenieure und Naturwis-‚enschaftler
selbstverständlich mit
jelen Mitarbeitern und einem hoıen
Etat umzugehen gewohnt waen,
schufen sie für uns Zustände,
lie ihnen armselig vorkamen, die jeloch
im Vergleich mit den politikvissenschaftlichen
und historischen
astituten der alten Universitäten pa:
1diesisch anmuteten. Dort war es
ach dem Kriege durchaus noch
blich, daß fünf Professoren für Gechichte
einen einzigen Assistenten
atten. Dieser durfte die Briefe tip-‚en,
die ihm die Professoren diktieran.
Ich selber hatte als Assistent
jerade auch noch Sekretärstätigkeian
der Art ausgeführt. Daß wir in
;tuttgart nun jeder eine eigene Seretärin,
einen eigenen Assistenten
ıder mehr, falls wir dies beantragan,
bekommen konnten, wagten
vir unseren Kollegen an den Uni-’ersitäten
gar nicht zu gestehen.
Gelegentlich wurde ich als Histo-.ker
vom Rektorat aufgefordert,
ıich in besonderer Weise für die
dochschule einzusetzen. So fragte
nich Magnificenz Leonhard einmal,
»b ich nicht bereit sei, dafür einzureten,
daß die Krankenhäuser des
(atharinenhospitals, die von der
;tadt betreut und finanziert würden,
ine Fakultät bei uns bildeten. So tat
ıh mich mit Freunden und Bekannen
zusammen, und wir schufen eien
Verein zur Gründung einer Meizinisch-Technischen
Fakultät an
‚er Universität Stuttgart, was uns
ien Unwillen der Hohenheimer, der
Arger der Ulmer und den Zorn der
übinger Universität einbrachte. Die
linikdirektoren in Stuttgart hatten
wir überhaupt nicht informiert, und
uch die Stadt konnte diesen unser
an Vorschlag, der dem damaligen
)berbürgermeister Klett freilich zu-:aß
kam, aus den Tageszeitungen
‚rfahren. Dies charakterisiert die etvas
„unkonventionelle” Vorgehensveise,
die damals noch möglich
var und die einem Historiker manherlei
Chance bot, seine Hoch-'Chule
zu Erweiterungen anzuregen.
ı dieser Atmosphäre kam es auch
um Ausbau der Abteilung für Geiteswissenschaften
und damit zur
'erufung von Herrn Jäckel als Ordi
arius für Neuere Geschichte und
‚ur Berufung von Herrn Hermann
Is Ordinarius für Geschichte der
„aturwissenschaften und Technik
.nd somit zur Gründung des Historichen
Instituts. Die Forschung: Wer
ich - wie ich damals — für Vorleungen
und Übungen in Gebiete,
lie er bisher nicht kannte, einarbeiet,
will mehr von diesen Gebieten
fahren. So wurden im Historichen
Seminar Stuttgart zwar —-neiner
Ausbildung entsprechend -
r die Darstellung des Frühen Mitglalters
in der Propyläen Weltge-Chichte
Fragen der Reichsbildung
ınd Rechtsbildung weiter unter-‚ucht,
doch gleichzeitig begannen
;tudien zur Zeitgeschichte und zur
laturwissenschaftsgeschichte in
\ntike und Mittelalter. Das Interesse
‚er Studenten brachte diese Erweirung
der bisherigen Arbeitsgebiete.
(Fortsetzung auf Seite 14)