14 Internationale Beziehungen
Stuttgarter Uni-Kurier Nr. 65/ Dezember 194.
sowie die Energiegewinnung aus
der Wasserkraft des Euphrat. Höhe-Junkt
der Exkursion war ohne Zweiel
die Besichtigung des Atatürk-Staudamms.
Dieser 1614 m lange
Steinschüttdamm mit einer Damm-1Ööhe
von 169m staut den Euphrat
auf, um einerseits ein Wasserkraftwerk
mit 2400 MW installierter Leistung
zu betreiben und um andererseits
Wasser für die Bewässerung
ainer Fläche von über 150000 ha zu
speichern. Vor dem Hintergrund
Jieser Daten und der Tatsache, daß
allein mit diesem Kraftwerk 17 Prozent
des türkischen Strombedarfs
gedeckt werden kann, werden die
gigantischen Ausmaße sowie die
anorme Bedeutung dieses Bau-Nerks
für die Entwicklung der GAPzegion
deutlich. So wird auch teilweise
verständlich, daß ökologische
3edenken und die Probleme, die
Jurch die Umsiedlung von 45 000
Menschen aus der durch den Ataürk-Stausee
überfluteten Fläche
antstehen, von den türkischen Verantwortlichen
eher als zweitrangig
ängestuft werden. Etwas im Schat-‚en
des Atatürk-Staudamms, jedoch
licht weniger bedeutend sind die
benfalls besichtigten Urfa-Tunnel,
wei jeweils 26 km lange Tunnel-Shren
mit einem Durchmesser von
‚62m zum Transport des Wassers
ıus dem Atatürk-Stausee zu den bei
ler Stadt Sanli-Urfa beginnenden
ffenen Bewässerungskanälen.
Schließlich wurden auch verschiejene
Bauwerke des Bewässerungs:
iystems der südlich von Sanli-Urfa
jelegenen Harran-Ebene sowie ein
andwirtschaftliches Versuchs- und
\usbildungszentrum, in dem Unter:
‚suchungen zur optimalen Bewässeung
verschiedener Pflanzenkulturen
ınd Ausbildungsprogramme für die
insässigen Bauern durchgeführt
verden, besucht. Nach dem Besuch
ler historischen Handels- und Uni-'ersitätsstadt
Harran nahe der syri-;chen
Grenze gab schließlich der
besuch eines Betonfertigteilwerkes
zinblick in die Großserienfertigung
/on Bewässerunagsgerinnen
die Probleme, die die Trinkwasser
/ersorgung und Abwasserentsor-Jung
einer Zehn-Millionen-Metropr
8 aufwirft. Nach der Besichtigung
nehrerer historischer Aquädukte
ınd Talsperren in Begleitung von
’rof. Cecen, dem Nestor der türki-‚chen
Wasserwirtschaft, wurde die
3austelle für eine der 12 geplanten
<läranlagen des Großraumes Istanul
in Tuzla besucht. Leider herrsch
ıufgrund von Zahlungsschwierigkei.
en des Bauherrn seit acht Monaten
3austop, so daß es außer der Baujrube
des Zulaufbauwerkes, den
ertiggestellten Nachklärbecken und
lem riesigen Gelände nicht allzuvie
‚u sehen gab. Die anschließende
sesichtigung des Fertigungswerkes
2 dem die Stahlrohre für die
»geauslaßleitung in das Marmara-Neer
mit einem Betonmantel verseıen
werden, verdeutlichte erneut,
ım welche Größenordnung es sich
)ei der Abwasserreinigung für zehn
Millionen Menschen handelt. Letzter
echnischer Besichtigungspunkt waı
lie Industriesammelkläranlage der
stanbul Organized Leather Manuactures
Association. Diese erst vor
venigen Wochen in Betrieb genom-1ene,
mit modernster Reinigungsechnik
ausgerüstete Kläranlage hat
lie Aufgabe, die Abwässer von
ıber 200 lederverarbeitenden Berieben,
die außerhalb der Stadt
stanbul auf einem Gelände von 652
ıa angesiedelt werden, zu reinigen.
dieser Weg der konzentrierten An-‘jedlung
einer abwasserintensiven
ndustriebranche und der gemeinsaıen
Reinigung der Teilstromabwäsar
dieser Betriebe stellt ein vorbild-»hes
Konzept dar.
Was wäre eine Reise nach Istan-‚ul
ohne den Besuch der Sehenswürdigkeiten
dieser Stadt? So wurde
schließlich die Exkursion durch
iin ausgedehntes Programm mit
"ührung durch die Blaue Moschee,
lie Hagia Sophia, die Yerebatan-Zi-;terne,
den Topkapi-Palast und
schließlich auch einen Besuch des
Yistorischen Bazars von Istanbul abjerundet.
R. Minke
Kontakt:
nstitut für Siediungswasserbau,
Nassergüte- und Abfallwirtschaft
3andteich 2, 70569 Büsnau, Tel.
3711/685-3711, Fax 07 11/6 85-3729
Die Teilnehmer der Türkei-Exkursion und türkische Begleiter vor der imposanten Kulisse des Atatürk-Damms und des Atatürk-Stausees.
institut für Siedlungswasserbau:
Erfolgreiche Exkursion in die Türkei —
überwältigende Gastfreundschaft
Nach Ankara, Sanli-Urfa und Istanbul führte im Sommersemester eine zehntägige Exkursion der
Vertieferstudenten siedlungswasserbaulicher Fächer unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Ulrich Rott,
Direktor des Instituts für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft. Aufgrund der hervorragenden
Organisation durch Dr.-Ing. Edip Erenler, der Unterstützung durch mehrere türkische
Ministerien, der ausgewogenen Mischung von Technik und Kultur und nicht zuletzt dank der überwältigenden
Gastfreundschaft wurde die Exkursion nach einhelliger Meinung der 30 Teilnehmer zu
ainem vollen Erfolg. ”
ın und bei Ankara besichtigten die
Teilnehmer die Baustelle der ersten
Sammelkläranlage für diese Vier-Miltionen-Metropole,
das Museum
für anatolische Kulturen, mehrere
Staudämme bzw. Stauseen für die
Wasserspeicherung sowie das
Wasserwerk Ivedik, in dem dieses
Überflächenwasser zu Trinkwasser
aufbereitet wird. Dabei wurde deut-‚ich,
daß Infrastrukturprojekte wie
die Abwasserkanalisation und der
<läranlagenbau sowie die quantitaiv
und qualitativ befriedigende
ı finkwasserversorgung für diesen
3allungsraum gewaltige Aufgaben
Jarstellen, die ein Schwellenland
vie die Türkei ohne framde finanzielle
Unterstützung nicht lösen
cann.
Atatürk-Staudamm
/weite Station der Exkursion war
5anli-Urfa, eine 300 000 Einwohner
ählende Stadt im Südosten der
ürkei, etwa 70km nördlich der syischen
Grenze. Als Gäste von DSI,
der staatlichen Wasserbauverwalung,
besichtigte die Gruppe mehre-'e
Teilprojekte, die im Rahmen des
‚Südostanatolien-Projekts (GAP})“
ur Entwicklung dieser bisher unterantwickelten
Region beitragen solen.
Zentrale Projekte sind hierbei
lie Bewässerung mit dem Wasser
{Fortsetzung von S. 13 „Die Anfänge
Eine besondere Situation war in
Stuttgart auch durch die anderen
Professoren gegeben. Einerseits war
es Ingenieuren und auch den Stuttgarter
Naturwissenschaftlern selbstverständlich,
daß ihre Forschungen
auf Anwendung hin orientiert sein
sollten. Läßt sich die Geschichte
noch anwendungsorientiert betreiben?
Diese Frage wurde von den
Studierenden aus den „Entwicklungsländern”
oft gestellt. Sind
Veränderungen, die in Europa im
18. und 19. Jahrhundert eintraten, so
gut zu analysieren, daß sich daraus
Schlüsse für wirtschaftliche und politische
Maßnahmen oder gar für
die gesellschaftliche Erziehung in
Ländern der Dritten Welt ziehen lassen?
Damit verband sich sehr entschieden
auch die Frage: Lohnt es
sich nicht auch, gerade dagegen
Stellung zu nehmen, um charakteristische
Züge der afrikanischen oder
asiatischen Kultur zu wahren? Gibt
es für einen Widerstand gegen
Jberfremdung Vorbilder in der Geschichte?
Andererseits veränderte die Anwesenheit
von Golo Mann das Klima.
Golo Mann blieb in allen seiner
Arbeiten in der Nähe zu den Erfah:
rungen, die er in der Zeit des Dritten
Reiches zu ertragen hatte. Für
ihn war es eine Selbstverständlichkeit,
daß Historiker zu urteilen, zu
werten und vor allem auch zu verurteilen
hatten. Es war für ihn nicht zu
akzeptieren, daß jede Handlung nur
‚verstanden” werden sollte. Manchmal
reagierte er auf angesehene
„verstehende“ Zeithistoriker ungewöhnlich
heftig. Er hat Gedichte gegen
Hitler-Interpretationen verfaßt,
böse, schmähende Gedichte, die nie
eine Zeitung zu drucken bereit war.
Unter dem Anspruch und in der
Atmasnhäre die en aentetand varänlerten
sich die historischen Frage-‚tellungen,
die in Stuttgart in jenen
‚rsten Jahren untersucht wurden.
:S schien uns - manchmal im Ge-Jjensatz
zu Golo Mann - in unserer:
Diskussionen bald nicht mehr richig.
nur aufgrund einer moralischen
(onzeption Noten zu verteilen, die
Schafe von den Böcken zu trennen
ınd Gut und Böse beim Namen zu
ıennen. Der Geschichtswissen-;ichaft
angemessener mußte es sein
u untersuchen, ob nicht die unter-;chiedlichen
Moralvorstellungen
-ng mit den jeweiligen Wahrnehıungen
einer Gesellschaft und soit
auch mit den Wandlungen ver-‚unden
sind, die gerade die Länder
ler Dritten Welt durchlaufen, wenn
ıe den Modernisierungsprozessen
ı der Wirtschaft unterworfen werlen.
Konkret hieß dies:
-äßt der gesellschaftliche Wandel
Jie Realität anders wahrnehmen
der schafft gar eine veränderte
Nahrnehmung der Realität — etna
eine andere Erwartung, die
:ukünftigen Ereignissen gilt - die
'/oraussetzung für einen Wandel
'ur modernen Wirtschaft? - Danit
verknüpft stellte sich die zweie
Frage:
kann es nicht auch ein moralisches
Versagen sein, daß Menschen
eine Realität, die sie wahrnehmen,
nicht wahrhaben wollen?
:o wuchs unser Wunsch — bald unsrstützt
von dem neu hinzukomı1enden
Wirtschaftswissenschaftler
ruse-Rodenacker - das Geschehen
ı den außereuropäischen Ländern
ı den Geschichtsunterricht mit einubeziehen.
Dies verlagerte den
;chwerpunkt der Forschungen noch
inmal.
Neue Abteilungen entstanden.
Joch dies ist bereits eine andere
3eschichte *
Nasserversorgung für zehn
Millionen Menschen
1 Istanbul, der dritten und letzten
station der Exkursion, gewannen
lie Teilnehmer nochmals Einblick in
&
A
der Elektrotechnikstudent Craig Gilbert (22) und der Ingenieurstudent Chris Peterson (21) sind die
’rsten beiden Austauschstudenten, die nach Abschluß des Kooperationsvertrages mit der Washingon
University in St. Louis (Missouri/USA) in diesem Semester an der Universität Stuttgart studieren. Der Part-‚erschaftsbeauftragte
für die Washington University, Prof. Dr.-Ing. Helmut Sorg, hatte die amerikanischen Gäste v9
/orlesungsbeginn am 17. Oktober zu einem Begrüßungsgespräch eingeladen, Mit dabei war auch Sara Heisel (21),
3iologiestudentin der University of Missouri-Columbia aus Washington (Missouri): sie studiert zur Zeit im Rahmen
nes amerikanisch-europäischen Austauschprogramms (FIPSE) an der Universität Stuttgart. - Die Universität Stutt
art hat für das erste Austauschjahr drei Studierende an die Washington University in St. Louis entsandt. Die ame!
’anische Hochschule, mit der die Universität Stuttgart sowohl auf wissenschaftlicher Ebene als auch beim Studer“
enaustausch zusammenarbeitet, ist eine der renommierten privaten Universitäten in den USA mit etwa 12.000 Stu
lierenden. - Unser Foto zeigt von links Prof. Sorg, Craig Gilbert. Sara Heisel, Chris Peterson und Gertrud Burger
'9m Akademischen Auslandsamt ‚Eataı Tr"