Volltext : Stuttgarter Uni-Kurier (61/65, 1994)

2 Nachrichten & Berichte Stuttgarter unı-Kurier Nr. 61
Rektorin Ziegler wiedergewählt (orsezun Professor Merkle ist Ehrenbürger (Fortsetzung von Seite 1)
em Albert Schweitzer, Paul Bonatz, je Hans L. Merkle „immer wieder
\Aax Kade, Richard Grammel und )ewiesen, daß es ihm letztendlich
Jans Walz, Merkles Vorgänger im ım das Gemeinwesen, die res pu-{ause
 Bosch. Auch sie hob die Vor »lica, geht”, betonte die Rektorin.
jildfunktion des Ehrenbürgers her- Ja, die eigene Leistung geht in
or und betonte: „Wir haben Hans lem, was Bosch erreicht hat, auf;
‚utz Merkle gebeten, uns den Weg jer einzelne trägt ohne persönliche
u weisen, wie sich einerseits aka- Zitelkeit mit seinem Einsatz zum Gedemische
 mit unternehmerischen nNeinwohl bei.”
Tugenden verbinden lassen und uns
'u beweisen, daß diese Tugenden
jeshalb zu Tugenden werden, weil
je dem Gemeinwesen förderlich
3ind.“ Prof. Ziegler skizzierte die Ent-Nicklung
 des Begriffs res publica,
ler den Römern zur Bezeichnung
jes Gemeinwesens diente. Im Unerschied
 zu der durch Grenzen deinierten
 Idee des Staates bezeichne
lie res publica einen Wertbegriff,
lie Wahrung des öffentlichen Intersses.
 In einer Universität finde sich
liese Vorstellung des Gemeinweens
 in den einzelnen Disziplinen
nd Fakultäten mit ihrer jeweils eienen
 Forschungsverantwortung.
‚ese gelte es auf ein gemeinsaıes,
 dem der res publica entsprehendes
 Prinzip zu verpflichten.
Jnd dieses Prinzip sollte in der Ge
talt des Ehrenbürgers erkannt und
ıaachempfunden werden können“.
‚etonte sie.

abruar

wöhnt, „das Ingenium und die Erfir
dungskraft als Grundlage der Tech
nik nicht mehr zu achten.” Sie wolle
licht mehr die Tat des Unternehners
 sehen, der aus der Technik
‚schöpft und durch sein Handeln
Nohlstand erzeugt. Die Technik ur
die Erfindungskraft seien nicht nu
Nerkzeuge, sondern Quellen des
Nohlstands, zumindest in diesem
‚and, betonte Prof. Kohn. „Wir ha
)jen keine andere Wahl“, mahnte eı
als uns zusammenzufinden bei deı
zrforschung der Natur, der Entwick
ung der Wissenschaft und Technit
der tatkräftigen Verwandlung ihrer
zrkenntnisse in Produkte, aber auc
zu einer neuen Ökonomie von Gesellschaft
 und Staat. Kunst und Wi
senschaft, Technik und Wirtschaft
Dilden unsere Kultur *

breiter Grundkonsens” bestehe.
<einesfalls dürfe das Verhältnis zwischen
 Studierenden und der Univertätsleitung
 länger gestört sein. Ge-’ade
 im Konfliktfall sei es Aufgabe
les Rektors, für Ausgleich zu sor-Jen.
 Prof. Heimert begrüßte die
)armstädter Initiative für eine stär-<xere
 Zusammenarbeit der Technischen
 Universitäten innerhalb der
Hochschulrektorenkonferenz. Ab-Jgrenzung
 anstelle von Nivellierung
könne erfahrungsgemäß auch zu ei:
1er höheren finanziellen Flexibilität
’ühren.
Der mit der Rezession einhergeı1ende
 Strukturwandel bedeute für
die Universität eine zusätzliche Herıusforderung
 in Richtung Innovation
ind Technologietransfer, sagte Heinerl.
 In der Politik konstatierte er eiıen
 hohen Beratungsbedarf von seien
 der Wissenschaftler.
Prof. Heimerl hob die starke ingeıleur-
 und naturwissenschaftliche
’rägung der Universität Stuttgart
ıervor. Die hiesigen Geisteswissenschaften,
 für deren Erhalt er sich als
Mitglied des Rektorats Zwicker be-'eits
 Anfang der achtziger Jahre en-Jagierte,
 betrachtete er als wichtig
und unverzichtbar; sie spielten jedoch
 eine deutlich andere Rolle als
n Tübingen oder Heidelberg. „Die
\ähe zu den Ingenieur- und Naturwissenschaften
 prägt unsere Geisteswissenschaften“,
 betonte er und
ı1annte beispielhaft den Lehrstuhl
‘ormale Logik bei der Computerlin-Juistik,
 den Studiengang technisch
drientierte Betriebswirtschaftslehre,
dessen Absolventinnen und Absol-/enten
 bundesweit einen sehr guten
3uf hätten, und den Studiengang
"echnische Biologie.
Die Position der Universität zu
‚ehre und Studium solle gemein-;am
 mit den Studierenden formuert
 werden. Wichtig sei eine fachjezogene
 Differenzierung. Die Uni-‚ersität
 habe zwei wichtige Bildungsaufgaben,
 sagte Heimerl, zum
einen die Heranbildung des wissenschaftlichen
 Nachwuchses und zum
anderen die Ausbildung von Füh-‚ungskräften
 für Wirtschaft und Gesellschaft.
 Die Universität sei vom
Nesen her zukunftsorientiert und
damit habe auch die Arbeit für die
Jniversität einen langfristigen Anjatz.
 Insgesamt müsse die Durchässigkeit
 gestärkt werden. Wie
’)rof. Ziegler sprach er sich gegen
3ine zweistufige Ausbildung aus;
angesagt sei vielmehr Abgrenzung
ler Universitäten gegenüber den
“achhochschulen. Die Universität
nüsse ihren Absolventinnen und
\bsolventen eine solide Grundaus-Dildung
 und breites Problembevußtsein
 vermitteln. Hier sei die Geneinschaft
 der Lehrenden und Lerı1enden
 gefordert. Prof. Heimerl
sprach sich für einen regelmäßigen
3edankenaustausch mit der Frauen-‚eauftragten
 aus und für speziell ge-Örderte
 Programme in der Frauenorschung:
 dies ziehe er einer von
außen auferlegten Quote vor.
In der anschließenden ausführlinen

 Diskussion wurden die beiden
andidaten von Vertretern der Proassor/inn/en,
 des Mittelbaus und
er Studierenden ausführlich in beıg
 auf ihre hochschulpolitische Poıtion
 unter die Lupe genommen.
rof. Ziegler bestätigte erneut geı1enüber
 den Studierenden ihre Beaitschaft
 zu einer verbesserten Zu-‚ammenarbeit
 und versprach, eine
ıufgrund einer Plakatfälschung und
ines gegen das Rektorat gerichtean
 Flugblattes gegen einen Studenan
 erfolgte Anzeige zurückzuziehen.
ur Novellierung des Universitätsgeetzes
 berichtete Prof. Ziegler, daß
ich die Landesrektorenkonferenz
arauf geeinigt habe, die sogenann->»
 „kleine“ Reform mit dem Studienekan
 und festgelegte Prüfungszeian
 zu akzeptieren, man die „große
eform” jedoch weiterhin ablehnen
verde. Auch Prof, Heimerl sprach
ıch dagegen aus: „Weisung in der
orschung ist für diese tödlich“,
agte er. Allerdings finde die For-‚Chungsfreiheit
 wissenschaftlicher
Aitarbeiter ihre Grenzen in der
urch den Institutsleiter zu bestimı1enden
 Richtung. Zur Frage nach
er Unterstützung der Wissenchaftler
 bei der Drittmitteleinwerung
 kündigte Prof. Ziegler eine Erveiterung
 des von der Forschungsbteilung
 des Dezernats Akademiche
 Angelegenheiten herausgegeenen
 „Newsletter“ an; auch seien
je persönlichen Kontakte mit Entcheidungsträgern
 in Brüssel vertärkt
 worden. Voraussichtlich im
Aärz sei eine Informationsveranstal-Universität

 sucht den Dialog
Vor diesem Hintergrund suche die
Jniversität Stuttgart den Dialog mit
hrem neuen Ehrenbürger. „Wir
wünschen an der Universität, daß
Mir in der Gesellschaft besser ver

Zum Nutzen des Ailgemeinvohls

‘aß Hans Merkle als diese Gestalt
ı der und für die Universität Stuttıart
 angesehen werden könne, zeiı€
 auch die Tatsache, daß die Uni
'ersität Stuttgart ihn bereits 1969
nit der Verleihung der Ehrendoktor
vürde in ihren Kreis der Wissenchaftler
 aufnahm. Zudem sei Prof.
Aerkie ein bedeutender Unterneh-1er.
 Merkle habe die ihm zugeachte
 Ehrung letztlich als „Zeicher
ler Verbundenheit zwischen Bosch
ınd der Universität” angenommen
nd er schreibe seine Leistung der
Arbeit seiner Kollegen und der viean
 Bosch-Mitarbeiter zu. In diesen
Norten komme zum Ausdruck, daß
jei der häufig erhobenen Forderung
ach einer besseren Zusammenarjeit
 zwischen den Universitäten und
Internehmen das gemeinsame
Vohl in Vergessenheit geraten sei
ind wieder mehr beachtet werden
ıüsse. Gerade durch sein nachhalges
 Engagement zur Förderung
'on Forschung und Entwicklung ha-Mit

 großer Bescheidenheit dankte Professor Merkle für die Verleihung der Ehrenbutjerwürde;
 im Bild mit Rektorin Ziegler ‘Eoto: Epoler

ım Jahr 1931, in einer Zeit hoher
Arbeitslosigkeit, habe Hans L. Merk
8 anstelle eines Studiums eine
:aufmännische Ausbildung begon-‚abe
 er deshalb seine Studien in
"übingen und Heidelberg mit größem
 Interesse betrieben, weil er sie
;einem Erwerbsleben abringen
nußte. So sei Erkenntnis für ihn imner
 Geschenk gewesen, und als
°hilosoph und Kaufmann habe er
das große Unternehmen souverän
zu beispielgebenden Erfolgen ge-‘ührt.

„Unsere Zivilisation ist in Gefahr“,
arinnerte Prof. Kohn im Anschluß ar
den Philosophen Ortega y Gasset,
ler schon 1931 geschrieben hatte:
‚Die Natur ist immer da. Sie erhält
ich selbst. Die Zivilisation erhält
jich nicht selbst. Sie ist künstlich
Und bedarf des Künstlers.“ Hans L
Merkle habe immer frühzeitig die
Zusammenhänge erkannt. Er habe
versucht, in sein ökonomisches
Jenken, Planen und Handeln Geset:
:e und Maßstäbe zu bringen: das
3ewissen als ersten Maßstab, die
llgemeingültigen Naturgesetze als
weiten und schließlich die Ver-Mlichtung
 zu unseren Mitmenschen
als dritten Maßstab.
„Die Herrschaft der Bürger, der
Jemokratie, in der wir leben, ist oh
ıe das Streben nach dem Guten
ind ohne die individuelle Verantvortung
 des Bürgers nicht lebensfä-1g”,
 mahnte Prof, Kohn. So Manche
-eichtfertigkeit habe sich in Zeiten
les Wohlstands eingeschlichen. So
Sreche man vom „Job“, der ein
inkommen an Geld sowie Freizeit
ichern solle. „Wir sprechen nur
och selten vom Beruf, der zum Einmmen
 die Befriedigung verschafft
ıd zur Befriedigung auch die Zu-3arsicht
 in eine gute Zukunft gibt.”
die Gesellschaft habe sich angestanden

 werden. Wir scheuen auc'
Sritik nicht, aber wir wollen, daß wi
niteinander reden“, betonte Prof.
Cohn. Und die Voraussetzungen de
‚u seien gegeben, wenn er die
3rundauffassungen Merkles in seiı1ıen
 Aufsätzen verfolge, in denen €I
ınter anderem schrieb: „Die Lehre
ıuf der Ebene der Universität setzt
orschendes Denken und Handeln
'oraus. Die höchste Vollendung de
atzteren aber ist es, die Methoden
les Forschens einer nachwachsen
den Generation zu vermitteln“ oder
‚Wir müssen lernen, wie man lernt.
Jnd die Einübung des Denkens
nuß das Bildungsziel sein.”
„Sie haben sich zum Vertrauen
)ekannt, als einer unerläßlichen
/oraussetzung menschlichen Zujammenlebens“,
 sagte Kohn ab-‚chließend
 zu Prof. Merkle und bat
nn: „Schenken Sie dieses unserer
>tudierenden und Lehrenden,
schenken Sie es der Universität
Stuttgart.“

Verpflichtung gegenüber der
Jniversität
Ich danke Ihnen allen von ganzem
derzen für die Ehrung, die Sie mir
z3rwiesen haben“, wandte sich Prof
Merkle im Anschluß an die Rede
‚on Prof. Maier (siehe dazu neben”
;tehende Zusammenfassung) an 4
zektorin, den Senat, die gesamte
Jniversität und seinen Laudator.
Die Universität Stuttgart und Bosch
tehen sich nahe“, betonte er, „WI
varen von Anfang an Nachbarn.‘ In
las frühere Bosch-Areal in der Se"
'enstraße seien anschließend Un“
ersitätsinstitute eingezogen. Auch
ür die Zukunft des jungen Robert
3osch spielte schon 1880 das da-1alige
 Polytechnikum eine wicht'9
‚olle: er habe Grundkenntnisse d®
Zlektronik bei seinem Hauptlehref
Dietrich erworben. „Robert Bosch

;chlangestehen zur Stimmabgabe: die Professoren Hülser, Essers und Bach: Strukürreferentin
 Helga Maier hakt ab, wer seine Stimme abgegeben hat. (Foto: Eppier}

ung über die Antragsverfahren für
°G-Gelder geplant. Zudem werde
lie Forschungsabteilung personell
erstärkt in Richtung Technologie-‘ansfer
 und Patent-/ Lizenzberatung.
'rof. Heimerl regte einen Berater-‚eis
 aus erfahrenen Wissenschaftrn
 an, um die jungen Mitarbeiter
jeser Abteilung zu unterstützen.
lach ihrer Haltung zu den Bafögänen
 der Bundesregierung beagt,
 sagte die Rektorin, daß sie
as Einfrieren des Bafögs im Hinick
 auf die Vermeidung von Stu-Jiengebühren

 als die bessere Lö-3ung
 betrachte.
Die neue, zweijährige Amtszeit
ter Rektorin beginnt am 1. Oktober
994. Die Wahl der Prorektoren fin
let am 25. Mai statt. Prof. Ziegler
Indigte an, daß der Prorektor für
ahre, Prof. Dr.-Ing. Andreas Reuter,
/ einer erneuten Kandidatur bereit
3i. Neuer Prorektor für Forschung -
of. Dr.-Ing. Alfred Schatz scheidet
JS Altersgründen aus — soll wieder
ın Vertreter der Ingenieurwissen-‚Chaften
 sein. zi
            
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