198 Die Hirsauer Klosterbewegung
Abt Wilhelm selbst verfaßte diese mit Sorgfalt und veranlaßte ihre Be—
siegelung durch König Heinrich. Die Fälschung wird somit um dreißig
Jahre zurückdatiert; die hier gemeinte Urkunde ist die noch vorhandene.
Das leidenschaftliche Streben, die Klosterrechte gegen den Vogt zu
wahren und zu mehren, erstickte das Gefühl für die geschichtliche Wahr—⸗
heit und Gerechtigkeit. Die strenge Richtung, welche Adalbert zeitlebens
mit allen Kräften zu fördern suchte, hatte einen Fanatismus erzeugt,
der sich nun gegen das Andenken des Stifters selbst kehrte.
Die Gefahr von Speyer her für die Selbständigkeit des Klosters
war rasch vorbeigegangen. Gebhard hatte kaum ein Jahr die bischöf—
liche Würde bekleidet, als er, in Krankheit verfallen, auf Zureden eini⸗
ger Freunde sich entschloß, in sein altes Kloster zurückzukehren. Vom
Heiligenberg bei Heidelberg, das ihm als Abt von Lorsch unterstand,
fuhr er in einem Wagen südwärts; als die Speyrer von seiner Ab—
sicht erfuhren, versuchten sie, ihn abzuhalten. Er lag drei Monate in
Bruchsal krank und starb daselbst am 1. März 1107. Seine Leiche wurde
nach Hirsau überführt, dort ehrenvoll empfangen und in der Peters—
kirche beigesetzt. Bischof von Speyer wurde nun Bruno, der Bruder des
königlichen Kanzlers Adalbert, des späteren Erzbischofs von Mainz;
beide stammten aus dem Geschlechte der Grafen von Saarbrücken.
Der Besitz der Abtei mehrte sich andauernd; im Elsaß bei Kaysers—
berg entstand durch Graf Kuno von Horburg, den Neffen der letzten
Grafen von Achalm, ein von Hirsau abhängiges Klösterlein Alspach').
Fortwährend wurden auch noch Hirsauer Mönche als übte in die
Klöster der strengeren Richtung berufen, so nach Paulinzelle in Thü—
ringen, nach Gottsau (bei Karlsruhe), nach St. Michgel in Bamberg,
nach Breittenau an der Fulda, Bosau bei Zeitz, nach Langenau und
nach Elchingen in der Nähe von Ulm'). Die Stifterin von Paulinzelle
war eine Nichte Bischof Werners von Merseburg, des schroffen Geg—
ners Heinrich IV., Paulina, deren Vater Moricho nach dem Tode fsei—
ner Gattin Mönch in Hirsau geworden war; 1107 wollte sie sich dorthin
begeben, um einen Abt für ihre Stiftung zu holen, starb aber unterwegs
im Kloster Schwarzach am Main'). Der fromme und milde Bischof Otto
von Bamberg, der später als Apostel der Pommern heilig gesprochen
wurde, führte die Hirsauer Gebräuche in einer Reihe von Klöstern in—
nerhalb und außerhalb seines Sprengels durch'). Einer seiner tüchtig—
sten und einflußreichsten Beamten war Wolfram, der, durch Krankheit
und einen Traum veranlaßt, als Klosterbruder in St. Michael zu Bam⸗
berg eintrat; da ihm aber die dortige Klosterzucht nicht genügte, ent—
Karl Stenzel, Hirsau und Alspach: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins.
N. F. XXXIX, 1925, S. eff. — 2) Cod. Hirs. fol. 184 und b.
9) Sigebotonis vita Paulinae. M. Gh. ss. XXX pars 2. 1931, p. ↄ11 8q. Giseke, Die
dßirschauer während des Investiturstreits. S. 142 ff. — 4) Giseke S. 146 ff.