Volltext : Die Farbige Stadt (Jhg. 4, 1929-30)

cines Bauteiles, der allen Schauseiten eigen ist, etwa der
Fenster, Traufen und Abfallrohre oder Architekturgliederungen.
 Diese Gestaltungsweise ist vorteilhafter
als die gleichartige Behandlung des Grundes, bei Farbwechsel
 der cben erwähnten Teile. Das koloristisch
Wesentliche, die Fläche, wird betont, wenn man ihre
Farbe hausweise variiert. Wechselt man bei gleichbleibender
 Grundfarbe die Farbe der Fenster oder der
Gliederungen, so betont man dadurch das farbig Unterzeordnete.
 Ein einfaches Mittel farbiger Bindung ist
der weiße oder helle Fensteranstrich, der schwarze oder
dunkle Metallanstrich, die unauffällig grau gebrochene
Tönung der Architekturgliederungen. Nachträgliche
Ladeneinbauten sollte man als Fremdkörper vorsichtig
vom -Grundton des Hauses absetzen und gleichzeitig
reihenweise zusammenfassen. Niemals darf man die
Farbigkeit übersteigern. Es ist wahr, daß die Farben
ihre besten Kräfte im Dialog entwickeln. Dieser Dialog
darf aber nicht zur wirren Gegeneinanderrede auf engem
Raumc führen.
Die Wirkung der Farbe selbst wird ergänzt durch die
des Rhythmus. An freien Plätzen und platzartigen
Straßen, wo jede Schauseite breit zur Geltung kommt,
darf der Farbenrhythmus nicht langatmig sein. Auch
duldet der Platz meist stärkere Gegensätze als die
Straße. Diese bietet — namentlich wenn sie eng ist
und gerade verläuft — dem Blick des Beschauers die
Schauseiten stark verkürzt, Die schmalen Streifen sollten
daher zu breiteren Farbflächen zusammengefaßt werden.
An Straßenkrümmungen kann man einzelne Bauten
gegensätzlicher behandeln. Die Art des Rhythmus wird
im, übrigen allermeist bedingt durch das Nebeneinander
suter und minderwertiger Architektur.
Bedeutsam für die farbige Gestaltung des Stadtbildes
 ist das Maß der Farbhelligkeit und
-stärke. Selbst dort, wo wir ein sorgloses Nebeneinander
 der Farben dulden, müssen wir für Ausgleich
der Helligkeit und Stärke sorgen. Man kann sogar beobachten,

 daß gleich helle und lebhafte Farben — aneinandergereiht
 — die Architektur fester binden als verwandte,
 aber sehr verschieden helle und Icbhafte Töne.
Andererseits kann man eine einfarbige Fläche durch Abstufung
 der Helligkeit und Stärke beleben.
Taktangebend wirken häufig Bauweise und Baustoff.
 Der offene Fachwerkbau erhält den lichtesten
Putzton, der verputzte Fachwerkbau einen etwas wenizer
 hellen und der massive Putzbau den am wenigsten
hellen. Dieser Reihe schließt sich eine weitere, werkstoffliche,
 an. Der durchfärbte Putz ist dunkler als der
zestrichene, am dunkelsten endlich der naturfarbene
Baustoff. Je nachdem es sich um gute oder
schlechte Bauten handelt, sollte man die Helligkeitsgegensätze
 stärker betonen oder auszleichen.
 Die Richtfarben geben den Takt an, der
um so kräftiger ist, je häufiger sie auftreten. Stehen
ninderwertige Backstein- und Putzbauten nebeneinander,
dann gleichen dunkle Wechselfarben unerfreuliche Gegen-;ätze
 aus. Ist dagegen nur der Backsteinbau schlecht,
io darf seine Richtfarbe nicht maßgebend werden. Eine
zewisse Überleitung durch mittelhellen Verputz oder
Anstrich der unmittelbar benachbarten Schauseiten ist
anzustreben. Der Versuch, natürliche Farbe durch künstliche
 nachzuahmen, ist vergeblich und nicht zu empfehlen.
Die der Naturfarbe des Baustoffes angenäherten Wechsel-"arben
 verbürgen ruhige Gesamtwirkung, Gegenfarben
"ühren zu stärkerer Betonung der Unterschiede beider
Farbarten, können aber in dunkler und matter Tönung
Jie Häuserreihe gleichfalls beruhigen.
Noch ein Grundsatz: Der Plan sollte durchweg
unte Farben aufweisen, weil der Weiß- und Grau-‘aktor
 in der Praxis noch eine allzu große Rolle spielt.
Wir werden nur einen Teil der Farbigkeit des Planes
verwirklichen. Nehmen wir das Grau in diesen hinein,
;o würde der Mahker verleitet, in eine graue Straße, die
wohl Farbe vertragen könnte. einen neuen grauen Anstrich
 zu setzen. {Schluß foler)

Farbabwandlung von Bauten
'Zu den drei farbiaen Beilagen)

Die ı2 Abwandlungen des farbigen Äußeren ein und
desselben Haustyps sind von dem jungen Maler Hans
Böhmer aus Emden entworfen, welcher zur Zeit
die Meisterschule für das deutsche Malerhandwerk
— Leitung Oberstudiendirektor Prof. O. Rückert — in
München besucht. Dort entstanden 1929 die Studien
des Schülers. Die Tafeln sprechen eine so deutliche
Sprache, daß Erläuterungen sich eigentlich erübrigen.
Immerhin soll im nächsten Heft der Verfasser sich über
seine Absichten und Gedanken äußern und damit An-‘egungen
 geben, die über die Bilder hinausgehen.
Entscheidend ist der deutliche Hinweis der Tafeln auf
die starken, gestaltenden Kräfte, die der Farbe innewohnen.
 Durch diese Kräfte wird die Farbe zu einem
Architekturelement, welches dem formalen durchaus
gleichkommt. Die Möglichkeiten, welche sich für den

Architekten und den Maler aus dieser Tatsache ergeben,
sind so mannigfach, daß sie sich in gewisser Beziehung
bei jeder Aufgabe neuartig auswirken. Nimmt man aber
die vielen Sonderfälle zusammen und vergleicht sie, so
entdeckt man doch eine Ordnung in den Beziehungen
der Farbe zur Form. Die Grundzüge dieser Ordnung
allmählich klarzulegen, ist eine Aufgabe des Bundes.
Auf dem notwendigen Umwege über Richtlinien und
Leitsätze sollen jene Gesetzmäßigkeiten, zusammengefaßt
und geklärt, dorthin gelangen, wo sie zu kleinsten
Teilen unbewußt entstanden: zum Schaffenden; nicht als
Rezept, sondern als Anregung. Dieser Kreislauf ist
erst dann geschlossen, wenn Künstler und Handwerker
nicht mehr bewußt, sondern unwillkürlich nach den entdeckten
 Gesetzen und Regeln arbeiten.
            
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