Volltext : Die Farbige Stadt (Jhg. 4, 1929-30)

glücktes Gebäude, das sich aber einer großen Gestaltungsidee
 einfügt, oder Verzicht auf wirklich
künstlerische Leistungen überhaupt? Denn es wird
doch niemand glauben, daß durch Bauberatung ein
Kunstwerk entstehen kann!
Da mir hier also eine behördliche Tätigkeit, wie
ıch sie mir denke, nicht zugestanden wurde, blieb
nichts anderes übrig, als im einzelnen das Notwendige
 zu tun. Duderstadt war zum Teil schon farbig
gestrichen, allerdings vielfach unerfreulich. Schreiendes
 Grün, dann das heute so beliebte sanfte Hellblau,
 das man auf Odolflaschen findet, und ähnliches
 war vorhanden, Ich habe mich nun im einzelnen
 nach den Wünschen der Bauherren gerichtet.
Wer sein Haus grün gestrichen haben wollte, dessen
Haus wurde grün gestrichen. Wer eine andere
Farbe haben wollte. wurde auch befriedigt. Alle

liese Farben wurden aber in solchen Tönen gewählt,
 daß sie miteinander harmonieren. Putztöne
wurden sehr hell gehalten, Fachwerk dunkler.
Grundsätzlich habe ich einen Farbenplan für die
sanze Stadt nicht hergestellt. Das Aufstellen solz;her
 festen Farbenpläne für ganze Straßen und
7ätze halte ich für falsch, da die Wirklichkeit doch
larüber hinweggeht. Man müßte heute ein System
ıufstellen, das ein Zusammenklingen der Farben im
janzen vorsieht, aber im einzelnen Freiheit läßt. In
Duderstadt war das Zusammenarbeiten mit Bauı1erren
 und der Malerinnung nach einigen kurzen
Aussprachen recht erfreulich, Als man sah, daß
niemand gegen seinen Willen gezwungen werden
sollte, ging man auf Vorschläge bereitwillig ein, und
zs entstand ein farbiges Stadtbild, das sich wohl
sehen lassen kann.

Das Fresko-Sgraffito
Von Hans-Joachim Wagner, Berlin

Der Verfasser dieses Beitrages verfügt als
Kunstmaler über eine langjährige praktische
Erfahrung auf dem Gebiete des Sgraffito, denn
schon 1912 erhielt er Gelegenheit, als Mitarbeiter
 Peter Behrens’ einen großen Fries im
Treppenhaus der Deutschen Botschaft in
St. Petersburg in Sgraffitotechnik auszuführen.
Bis in die jüngste Zeit hinein hat sich dann der
Künstler des öfteren mit dem Sgraffito befaßt,
Die Schriftleitung,
Der vorliegende Aufsatz über das Freskosgraffito
gliedert sich in zwei Teile: Im ersten soll die Technik
 nach Werkstoffen und Arbeitsführung besprochen
 werden, der zweite gilt einer kurzen stilkritischen
 Betrachtung, die nur aus dem Wesen der
technischen Bearbeitung heraus verstanden werden
kann.

U,
Wie beim Freskomalen ist eine gründliche Vorbereitung
 und Organisation der Arbeit unerläßlich.
 Außer dem Entwurf müssen — bei großen
Arbeiten — die Kartons im gleichen Maßstab wie
das Original fertig gezeichnet und durchstochen
bereit liegen, numeriert und in der Reihenfolge
des Arbeitsganges, denn die Gehilfen des ausführenden
 und leitenden Künstlers dürfen nicht Zeit mit
Suchen und Auf- und Einrollen verlieren. Die Kartons
 sollen schon so zugeschnitten sein, wie sie
gebraucht werden, ihre oberen und unteren Kanten
 sind durch aufgeleimte Kartonstreifen verstärkt,
 durch die die etwa 2 cm langen Reißnägel
zum Festhalten der Zeichnungen in den Putz gesteckt
 werden, Sehr empfiehlt sich statt dessen,
die oberen Kanten jedes Kartons mit Zwecken an
leichten Latten zu befestigen, die beim Durchpausen
 mit dem Kohlenstaubbeutel von zwei Gehilfen
 festgehalten werden. Ein Abfallen oder Verrutschen
 des Kartons ist dann nicht leicht möglich.
in Bütten oder Fässern muß der gefärbte Putz, wie
der Unterputz, und die Kalkmilchfarbe fertig sein,
auf einem Tisch müssen alle nötigen Werkzeuge
bereit liegen: Wasserwage, Lot, Antragehölzer in
verschiedenen Größen, Putzhobel, Kellen, stählerne
Hobel für den Fall feinster Putzglättung, die Kratzzisen,

 die Auftragepinsel, einige Wassereimer,
Lappen zum Reinigen der Werkzeuge, Kohlestifte
'ür etwaige noch nötige Korrekturen der Zeichıung,
 die Pausbeutel, Endlich muß das Gerüst fertig
stehen, mit zweifachen Schutzplatten nach
rückwärts, mindestens zwei Meter breit,
nit längs (zur Wand) liegenden Brettern, Hat man
an sehr hohen Wänden, z, B. in Kirchen, zu arbei-'en,
 so wird man Stockwerke bauen und sich bei
ler Arbeit an den oberen Teilen der Wandflächen
n jedem Stock ein paar verstellbare Böcke nebst
3rettern mit hinaufnehmen., So kann man, ohne
jeengt zu sein, arbeiten. (Bei der Ausführung der
Fresken am Gefallenendenkmal in der Bonner
Kaiserkirche hatte ich z. B. bei etwa 22 m Gewölbhöhe
 5 feste Stockwerke von 3 und 4 m Höhe.)

Die Werkstoffe.
Zum Sgraffito brauchen wir Kalk, Sand, Milch
>der Kasein, Ochsenblut, Traß oder (in Italien)
?ozzuolanerde, die üblichen echten Freskofarben,
Der Kalk soll fett, gut durchgearbeitet, ohne
Verunreinigungen sein. Mit relativ frisch gelöschtem,
ztwa drei bis vier Wochen altem Kalk habe ich
xeine schlechten Erfahrungen gemacht, Die moderıen
 Kalkwerke, z. B. die Kalkwerke Diez a. d.
„ahn (Schäfer), liefern einen erstklassigen gewöhnichen
 und auch einen ganz reinen Gaskalk, Es ist
lurchaus nicht nötig, mehrjährigen Kalk zu nehmen,
der überdies meist nicht aufzutreiben ist. Die Hauptsache
 ist, daß 1. der Mörtel aufs Nachdrücklichste
lurchgearbeitet wird, 2. der Putzer in vielen dünnen
\uftragsschichten arbeitet, damit jedes Sandkorn
‚on Kalk umlagert ist. Der Sand soll scharf sein,
nöglichst weiß, also nicht eisenhaltig. Das Verıältnis
 Kalk—Sand 1:3 ist das beste. Die Kelle
soll glatt und rein herauskommen. Demgemäß ist
ler Wasserzusatz zu regeln, der sich noch ver-:ingert
 bei Zuschlag von Milch oder Kalkkasein,
Hiervon genügen auf eine große Bütte (viereckiger
Kasten) 3 bis 4 Liter, Ein Mehr ist nicht anzuraten,
im Gegenteil wird der Putz anstatt fester, schleimig
 und bindet nicht solide ab,
            
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