Aber wir wollen hier unter Farbigkeit etwas anderes
verstehen, den bewußt, planmäßig ausgeübten
Farbenschmuck!
Zwei Richtungen sind deutlich zu unterscheiden,
Einmal kann die Farbhaltung in einem und demselben
Landstrich einheitlich, stammlich herkömmlich
sein, Im Gegensatz dazu kann sie anderswo in
ein und demselben Landstrich, ja in ein und demselben
Dorfe verschieden sein — bis zu dem Grade,
daß fast Haus für Haus andersfarbig gehalten ist,
Natürlich gibt es auch so etwas wie Zwischenstufen,
z.B. Eindringen eines neuen Farbgedankens oder
Äußerung eines persönlichen Sondergeschmacks in
einem Gebiet ersterer Art und umgekehrt Modewerden
einer bestimmten Farbgebung in einem Gebiet
der zweitgenannten Art.
Beginnen wir mit dem Fachwerkbau. Verzichtet
er nicht auf jede Änderung der natürlichen Farbe
seiner Baustoffe, so bietet er drei Möglichkeiten:
Farbänderung des Mauerwerks oder der Holzteile
ader beider.
Verstärkung der Farbigkeit des Mauerwerks entsteht
ja schon bei Betonung der Fugen durch breiten
weißen Anstrich, so an westfälischen Häusern aus
Grauwacke oder in Verbindung mit Ziegelmosaik in
Vierlanden bis zur weiteren Belebung des Ziegeimosaiks
durch Weißanstrich ganzer Steinteile im
Altenlande, Eine andere Möglichkeit bildet die Verwendung
verschiedener Steine (neben rotem Backstein
gelber, dunkelrot oder grünglasierter, weiß oder
schwarz bemalter), wie das hie und da sich findet.
Änderung der Farbe des Mauerwerks entsteht
durch völligen Anstrich — Weiß und Hellockergelb
sind wohl überall die volkstümlichsten Farben dafür,
gegen die auch das unbemalte Holzwerk mit seinen
Verwitterungsfarben feinfarbig abstechen kann. Bereicherung
des Gesamtbildes bildet die Möglichkeit,
nicht alle Gefache zu übertünchen, sondern nur diese
oder jene — man sieht das gelegentlich sozusagen unbeabsichtigt,
ohne Schmuckgedanken, geschehen bei
Ausbesserungen oder kleinen Anbauten, namentlich
wenn da lehmbeworfene Flechtfüllung verwendet
wurde, Eine andere Bereicherung bietet sodann
natürlich das Aufmalen von irgendwelchem Zierrat,
seien'’s Ornamente, Blumen oder sei’s Figürliches auf
die Flächen,
Weiß und Hellgelb sind auch neben Hellgrau die
Anstrichfarben für ganz im Lehmstakenbau hergestellte
Häuser, Hier tritt ja in einzelnen Gegenden,
besonders in Hessen-Nassau, als weitere Schmucktechnik
der Kratzputz hinzu. In seiner einfachsten
Art kann man ihn nicht als besonders farbändernd
und farbwirkend bezeichnen — da belebt er nur
leicht die Flächen. Aber er wird doch in einzelnen
Gegenden ein bißchen durch Farbe vervollkommnet,
so daß weiße Zierformen gegen gelbe oder graue Umgebung
abstechen, ja gelegentlich ist noch so oder so
ein Farbfleck dazu getan. Und der ganz andersartige
Vierländer Kratzputz, der auf Backsteingrund
aus einem rotgestrichenen Kalkputz weiße, meist geometrische
Zierformen auskratzt, ist farbig sehr
wirksam,
Wenden wir uns zur Farbänderung des Holzwerks
der Fachwerkhäuser, so ist zunächst die Unterstützung
der Schnitzerei im Gebälk alter Bauten
gegenüber dem natürlichen Braun des Holzes durch
cräftiges Rot oder Blau zu erwähnen — hier Abassungen
u. dgl., da Ornamente oder ihr Hinterirund,
Figürliches u. a.
Sodann aber kommen wir zum vollen Anstrich des
3Zebälks — gegenüber ungetüncht gebliebenen oder
jetünchten Gefachen, Hier tritt im besonderen die
»ben genannte Zwiespältigkeit der Richtungen zutage:
andesüblich einheitlich oder abwechslungsvoll. Und
zwar ergibt sich sogleich die Beobachtung, daß die
zrstere, strengere Art norddeutsch (man könnte vieleicht
noch knapper: niedersächsisch sagen), während
lie andere, feinere Art mitteldeutsch ist — ganz ent-;prechend
dem Unterschied zwischen dem strengeren
ı1orddeutschen und freieren mitteldeutschen Fachwerk,
Ganz besonders abwechslungsvoll, oft von
Aaus zu Haus, ist auch die Farbhaltung in Dörfern
nit slawischer Bevölkerung, z. B. im hannoverschen
Wendland.
Recht streng scheint die Einheitlichkeit jener ersten
Art noch in Westfalen zu sein: schwarzes oder tiefwraunes
Holzwerk gegen weißen, stellenweis auch
wie ich erfahre) tiefroten Anstrich der Gefache, dessleichen
im Sauerland und im Westerwald. Auch in
ınseren niederelbischen Marschen, z. B, in Hadeln,
m Alten Lande und in den Vierlanden ist sehr ein-1eitliche
Farbhaltung des Balkenanstriches zu be-»bachten:
Weiß (in den holsteinischen Marschen
3rün) gegen rotes Ziegelwerk oder Ziegelmosaik.,
In einigen solchen Gebieten läßt sich das Eindrinjen
jüngerer Farbgedanken in die alte einheitliche
Art beobachten, aber wieder einheitlich angenomnen.
In Holstein und gegenüber in hannoverschen
ilbgegenden war in ältester Zeit (aber auch vielach
anderswo) roter Anstrich (Ochsenblut} des Ge-Ȋlks
bei rotem Mauerwerk die Regel, später, wohl
m 18, oder Beginn des 19. Jahrhunderts kamen die
reundlichen Farben Weiß oder Grün hinzu oder
‚erdrängten ihn ganz. Und zwar offenbar, weil man
je jetzt als schmucker, ja vornehmer empfand. Das
jeht aus zwei von mir beobachteten Fällen hervor:
'n Büßendeich (Holstein) stand (ob noch heut?) vor
»twa 20 Jahren ein Gehöft, dessen Wohnhaus die
jeuere, dessen Scheune jedoch die ältere Farbhaltung
zeigte, dort Grün, hier Rot. Den gleichen Unter-;chied
der Wertschätzung zeigte in Duhnen bei Cuxı1aven
(ehe es Seebad wurde) ein altes echtes Nieder-;achsenhaus,
vorn am ganzen Wohnteil des Hauses
veißes, hinten am Wirtschaftsteil rotes Balkenwerk.,
m Bückeburgischen fiel mir mehrfach, weil völlig
ıbweichend von aller Farbigkeit sonst in Niedersachsen,
ein helles Blau (weniger Grün) als Balkenınstrich
auf, offensichtlich neu gegenüber älterem
Rot oder Schwarz,
Hessen-Nassau kann als hervorragendes Beispiel
lienen für große Verschiedenheit im Anstrich des Gejälks,
Schwarzen, braunen, roten, blauen, helllauen,
grünen und grauen gegen meist weißen oder
veißgelben Anstrich der Gefache habe ich notiert,
ichwarzes Gebälk ist wohl die Regel, wenn die Geache
stärker farbig getüncht sind, hellblau, graublau
;der kräftig gelb. Dann tritt gern ein breiter weißer
Rand zu beiden Seiten des Balkenwerks dazwischen
an den Ecken als Viertelkreis wohl noch verstärkt)
ıls hübsche Bereicherung! Bei weißem oder hellselbem
Anstrich der Gefache finden wir eine eben-‚solche,
mir besonders in Hessen-Nassau aufgefallene
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