Volltext : Die Farbige Stadt (Jhg. 4, 1929-30)

den Herausgebern des Merkblattes. Schon seit
längerer Zeit bringt die I. G. Farbenindustrie
„Universalfarben‘“ - Musterkarten heraus. Zahllose
 Prozesse sind um ÜUniversalfarben geführt
worden. Im übrigen verweisen wir auf den aus-(ührlichen
 Aufsatz von Martin Seidel über Universalfarben
 in der Chem, Zeitung, Jahrgang 1925,
Seite 698.
9. „Weiße Farben für Kalktechnik?“ fragt iroıisch
 der Kritiker. Ist Fresko keine Kalktechnik?
Er lese in Dörner, Malmaterial, S. 293, also in dem
Buch des bekanntesten Maltechnikers, nach. Dort
beschäftigt sich der Verfasser eine halbe Seite
lang mit der Verwendung weißer Farben für
Fresko! Wenn er auch persönlich sich nicht für
lie Verwendung weißer Pigmente, außer dem
Kalk, einsetzt, so gibt er doch an, daß viele Maler
solche verwenden, und zwar gar nicht genügend
zalkechte. Die Aufführung des kalkechten Titanweiß
 ist daher nur recht und billig.
10. „Abmischen“. Dieses Wort wird als „ganz
absurd“ bezeichnet. Die Praxis kenne es nicht,
wird behauptet. Mag es vielleicht in der Gegend,
wo der Verfasser der voreiligen Kritik haust, unbekannt
 sein. Wenn er eine Reise durch Deutschland
 unternimmt, so wird er es in vielen Gegenden
 als ganz geläufig vorfinden. Von den Herausgebern
 des Merkblattes stammt es jedenfalls nicht.
Die logische Begründung des Einwandes bestätigt
übrigens gerade die Berechtigung des Ausdruckes.
Denn man nimmt beim Abmischen ebenso wie
beim Abschwächen etwas fort, nämlich Farbstärke.
 Wenn man nicht mehr ‚„Abmischen“

sagen darf, so muß auch das Wort „Abschwächen“
verboten werden. Im übrigen gibt es auch ein
Wort „Abreiben“, welches noch viel unlogischeı
wäre. Das wird aber den „Verband fein abgeriebener
 Farben‘ wenig kümmern!
So sehen wir, daß die Kritik unseres Merkblattes
schließlich auf formale Einwände hinausläuft, die
mit der Sache gar nichts mehr zu tun haben. Be-‘'rachten
 wir aber das Ganze, so entpuppt sich die
‚notwendige fachliche Richtigstellung‘“ in der
Hauptsache als eine höchst „unnötige, unfachiche
 Falschstellung‘“, die dem Verfasser der Kriik
 zu keinem Ruhm gereicht. Und das mag
wohl dieser auch selbst gefühlt haben, als er von
»>iner Bekanntgabe seines Namens absah., Wir
werden uns jedenfalls durch diese schädliche und
ınfaire Form der Kritik nicht abhalten lassen,
uns uneingeschränkt in den Dienst der „farbigen
Sache“ zu stellen.
Der Bund zur Förderung der Farbe im .Stadl-Jild
 bearbeitet die in seinem Wirkungskreis liegenden
 Fragen aus ideellen Gründen. Alle Fachleute
 sind als Mitarbeiter an den noch ungeklärlen
 Problemen willkommen. Wir erwarten daheı
auch von der an der Farbenbewegung beteiligien
Fachpresse eine entsprechende Einstellung.
Bund zur Förderung der Farbe im Stadtbild E.V
Oberbaurat Dr. Werner Hellweg.
Forschungsinstitut für Farbenlechnik an der
Würlttembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule.

Dr. Hans Wagner.

Müssen unsere Arbeitsstätten düster und farblos sein
Von Dr. Asser, Wandsbek

Diese Frage sollte sich jeder einmal ernstlich
überlegen, der eine Arbeitsstätte verwaltet, gleichgültig,
 ob es sich um einen kleinen Handwerksbetrieb
 handelt, oder um die Werkstätten eines
großen industriellen Unternehmens, in welchem
jahrein, jahraus tausende von Menschen die
Arbeit ihres Lebens verrichten.
Wir alle wissen es längst, daß farbige Wände
und Tapeten, farbig lackierte Möbel selbst das
einfachste Heim gemütlich machen. Wir sehen,
daß die Bestrebung, das Stadtbild durch farbigen
Anstrich der Häuser neu zu beleben, seit Jahren
immer fester in Deutschland Fuß faßt. Wir
wissen, daß sich eigentlich alle über das farben-[röhliche
 Stadtbild freuen, daß unsere Jugend
zum Spielen die farbigen Straßenzüge bevorzugl,
weil sie sich in den Straßen mit den eintönig grau
ın grau gehaltenen Häuserreihen nicht wohlfühlt.
Warum übertragen wir diese Erkenntnis von
dem Stimmungs- und Schönheitswert der Farbe
nicht auch auf unsere Arbeitsstätten?
Im allgemeinen glaubt man wohl, daß Werkstätten-Anstriche
 zu teuer seien und sich wegen
der angeblich schnellen Verschmutzung doch
nicht lohnen würden. Mit einer solchen Ansicht!
müßte man jedem Verfall und jedem Fortschritt
gleichgültig gegenüberstehen!

Ar

-
zu.

Neue wissenschaftliche Forschungen haben den
3eweis dafür erbracht, daß Tarben gemütanvegend
 wirken, die innere Fröhlichkeit des Men-;chen
 fördern und dadurch auch die Arbeils-‚reudigkeit
 heben. Die letzte, mir bekannt gewordene
 Äußerung auf diesem Gebiet brachle
O0. Paugels aus Laage i. M., der ausführte, daß
lie Farbe eine eigenarlig starke Wirkung auf
Gefühl und Gemüt ausübe und zum Beweis da-{ür
 auf Versuche hinwies, die Leon Landone an
Kindern durchgeführt habe, wodurch der erhebiche
 Einfluß der Farbe auf die Geistestätigkeil
ler Kinder festgestellt sei. Der Bericht sag!
wörtlich:
„Die Kinder wurden mehrere Stunden lang in
Zimmern beschäftigt, die mit verschiedenen Farben
 belichtet wurden. In Zimmern mit rotem
Licht brachten sie fast zweimal soviel fertig als
sonst. Der Blutumlauf, die Herztätigkeit und der
Appetit waren dabei in einem Maße gesteigert,
laß in diesen Tagen niemals das gewöhnliche
Frühstück genügte. Auf das Gemütsleben schien
das gelbe Licht von Einfluß zu sein. Kinder, die
sonst ihren Spielgefärten gegenüber sehr unverträglich
 waren, benahmen sich jetzt sehr liebenswürdig.
 Die früher in zwei Stunden geleistete
Arbeit steigerte sich bei gelbem Lichte um 50 Pro-
            
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