—
DIE VOLKSWOHNUNG
ZEITSCHRIFT FÜR WOHNUNGSBAU UND SIEDLUNGSWESEN
1. JAHRGANG 10. JUNI 1919
HEFT 11
Alle Rechte vorbehalten.]
Die Typenfrage.?)
Von Bauamtmann L. Wirth, Dresden.
[Pnerhalb der mannigfaltigen Bestrebungen zur
Förderung des Kleinwohnungsbaues spielt die
sogenannte „Typenfrage‘‘ heute eine besondere
Rolle.
Gewöhnlich werden drei Hauptgründe genannt,
welche die Typenanwendung rechtfertigen
ınd nötig machen sollen:
ı. Bei der Stellungnahme zu den Baukosteniberteuerungszuschüssen
sei es für die hierzu
verufenen Behörden‘ außerordentlich schwierig,
liese Reichs-, Staats- und kommunalen Zuschußbeträge
zu bestimmen, wenn in jedem einzelnen
Fall besondere‘ Grund- und Aufrisse, ’also besondere
Kostenberechnungen geprüft und beirteilt
werden müßten.
2. Die Typeneinführung würde den Bau dadurch
verbilligen, daß zwei oder drei bis aufs
kleinste ausgearbeitete Wohnungsformen für viele
Kolonien zugleich die notwendige Bauplanunterlage.
abgeben und dadurch z. B. die entsprechend
hohen Architektengebühren wegfallen könnten.
3. Die für den Kleinwohnungsbau nötigen
Baumaterialien aller Art, Beschläge, Türen und
Fenster, auch Balken und Fußbodenbretter würden
Jurch die Massenherstellung billiger werden,
wenn sich die betreffenden Fabriken an feststehende
Normen halten und größere Mengen
auch auf Vorrat herstellen könnten.
Zu ı. Es soll ohne weiteres zugestanden
werden, daß es tatsächlich den Behörden, die
mit der Abbürdung der Überteuerungskosten zu
tun haben, unmöglich ist, für jeden Einzelbau
der für kleine Baugruppen jedesmal besondere
Grund- und Aufrisse sowie die dazu gehörigen
Kostenanschläge zu prüfen, ohne an wesentliche
Vermehrung des hierzu nötigen fachkundigen
Personals zu denken. Es muß ihnen möglich
zein. für solche Fälle dem Bauherrn entsprechend
') Zur Normenfrage, deren Kernpunkt wenigstens
ür das Bauwesen nicht im Organisatorischen, sondern
m Künstlerischen liegt, haben wir im Anschluß an
ınsere Ausführungen in Heft 5 d. Bl. eine Reihe von
Beiträgen erhalten, die wir zunächst veröffentlichen
wollen. ehe wir unseren eigenen Standpunkt darlegen.
Die Schriftleitung.
durchgearbeitete Bautypen zur Auswahl vorzuschlagen,
die bereits berechnet sind, und
leren Anteil an den Reichs-, Staats- und Kommunalzuschüssen
schon feststeht. Nur so wird
2s diesen Behörden möglich sein, die große
Aufgabe, die in der Jetztzeit an sie herangetreten
st, ohne Beamtenvermehrung zu bewältigen.
Diese Maßnahmen sind aber nur bis dahin zu
zerantworten, wo es sich eben um Einzelbauten
ıder Kleinwohnungsgruppen geringeren Umfangs
aandelt. Kommen größere Siedlungsvorschläge
n Frage, mit über ı00 Kleinhäusern z. B., so
nuß den Bauherren oder dem das Projekt beırbeitenden
Architekten unbedingt freie Hand
zelassen werden, wie er Grund- und Aufrisse
einer Siedlung behandeln will, soweit er sich
ıatürlich im Rahmen der hierzu erlassenen Bestimmungen
hält. Schon aus wirtschaftlichen
Zründen wird sowohl der Bauherr als auch der
'eitende Architekt möglichst wenig Typen vorschlagen,
z. B. bei 100 Wohnungen höchstens
zwei, wenn nicht gar nur einen. Es ist also
zeine sonderlich große Mehrarbeit für die
>rüfungsstelle aufzuwenden, abgesehen davon,
laß die Leiter größerer Siedlungen meist
Architekten von Ruf sind, die die Entwurfsınd
Anschlagsarbeıten so vorzulegen verstehen,
jaß die Prüfung bedeutend erleichtert wird.
Zu 2.° Der zweite Grund für die Festlegung
on Bautypen ist zwar nicht ohne weiteres zu
zerneinen. Aber es trifft doch bei großen
Zolonien das einzelne Haus so wenig Anteil
an den Architektengebühren, daß nicht einmal
lie Gesamtsumme, viel weniger aber die daraus
jerechnete Hausmiete wesentlich dadurch beainträchtigt
wird. Diesem kleinen Minus ist ein
zroßes Plus entgegenzustellen, und zwar in
wirtschaftlicher wie in hygienischer Beziehung.
Wenn auch die Haupterfordernisse für einen
zesunden, einwandfreien Kleinwohnungsbau im
Isten und Westen, Süden und Norden Deutschlands
die gleichen sind, so hat doch manchmal
jeder einzelne Bezirk seine besondere. Lebensyewohnheit,
die ein feinfühliger Architekt bevr