Full text : Die Volkswohnung : Zeitschrift für Wohnungsbau und Siedlungswesen (Jhg. 2, 1920)

Mitteilungen. — Aus dem Auslande, — Bücherschau.

and die Dorifgemeinde müsse unbedingt für Unteroringung
 und Arbeit für sie sorgen. Was die finanziellen
Opfer betrifft, so haben die Städte mindestens dieselben
Schwierigkeiten wie die ländlichen Gemeinden. Die
ländliche Bevölkerung müsse sich ebenfalls mit ihrem
Raum einschränken und die Dorfgemeinden müßten das
Bestreben zeigen, je nach ihrer Leistungsfähigkeit den
Bau von Wohnungen zu übernehmen. Zur Behebung der
Wohnungsnot sei die Mitheranziehung des ländlichen Besitzes
 und ländlicher Gemeinden dringend erforderlich. —
Wir halten diese Vorschläge für sehr beachtenswert, umsomehr,
 als heute das Bauen auf dem Lande viel leichter
möglich ist als in den Städten, wo vor allem die Löhne
anerschwinglich ‚hoch sind und wo auch die oft empfohlene
 Selbsthilfe und die Mitwirkung der Besitzer am
Bauwerk als Mittel zur Verbilligung kaum wird angewandt
werden können.
Der deutschen Volkswohnung widmet die „Daimler-Werkzeitung“
 (herausgegeben von der Daimler-Matoren-Gesellschaft
 in Stuttgart-Untertürkheim) ein reichhaltiges
Heft (Nr. 15,18 des Jahrgangs 1920). Im Hauptteil berichtet
 Paul Schmitthenner unter Beigabe von vielen
zroßen Bildern und Plänen seiner Bauten und Möbel über
das Thema. Es wird endlich hohe Zeit, daß wir
Architekten uns mit der Arbeiterschaft frei über die
Baufragen aussprechen, die beide Teile angehen: die
Architekten als Schöpfer und die Arbeiter als künftige
Bewohner. Mit diesen Aufsätzen der Daimlerzeitung, die
vielen Arbeitern in die Hände kommt, wird wohl auch
ein Weg zu mündlicher Aussprache zwischen Bauleitern
und siedlungslustigen Arbeitern angebahnt. Je mehr die
Siedlungsaufgaben sich ungelöst stauen, desto nötiger und
wichtiger aber wird solche Aussprache, vor allem, um
'alschen, übertriebenen Erwartungen vorbeugen zu können
und doch auch wieder um Mut zu machen und die rechte
Freude zu erwecken für die ärmlichen, aber gesunden
Wohnungen, die wir bauen sollen und wollen. Dazu ist
Schmitthenners frisch und frei von der Seele heruntergeschriebene
 Betrachtung sehr gut geeignet. Er bespricht
ohne Umschweife die brennendsten Tagesfragen. In der
Einleitung „Vorbedingungen des Bauens“ findet er treffende
 Ausdrücke für den Wucher mit Grund und Boden
und seinen hemmenden Einfluß auf die Wohnungsfrage,
setzt sich lebhaft für das in Württemberg heimische
Fachwerk mit Ausmauerung von ungebrannten Lehmsteinen
 ein und fordert zur Ausschaltung des elenden
Schiebertums notgedrungen Bewirtschaftung auch der
natürlichen Baustoffe, zumal des Holzes, das aus dem
Forst ohne Zwischenhandel auf die Siedlungsplätze wanlern
 müsse. In der Siedlung wünscht er die Mitarbeit
auch der künftigen Bewohner, die am besten als Genossenschaft
 auftreten und das Land aus behördlichem Oberöigentum
 in Erbbaurecht erhalten sollten. Bilder aus
jen Reichsgartenstädten Plaue und Staaken und die Entwürfe
 für Ooswinkel in Baden unterstützen seine gemeinverständlichen
 Ausführungen über Ein- und Mehrfamiliennäuser,
 Wohn-, Spül- und Kochküche, Bad und gute
Stube, Stall und Raumgrößen. Besonders anregend ist
ler Abschnitt über die Möbel im Kleinhause, über die
Notwendigkeit von „Kleinmöbeln“ für die „Kleinwohnung“
 und von Einzelmöbeln statt „Garnituren“ zuzunsten
 größerer Anpassung an Haus und Bewohner.
Worte über den Geist der Volkswohnung '— wie der
Gemeinsinn einheitliche l’orm fördern muß — schließen
lie Arbeit. Im selben Heft erzählt Dr. Rosenstock die
Geschichte der Schmudeschen Siedlungsunternehmung
ohne große und schönfärbenden Worte. W.

Aus dem Auslande.‘
Schweiz, Eine empfindliche Wohnungsnot herrscht
n Genf, dem künftigen Sitz des Völkerbundes, für den
zur Zeit die erforderlichen Bureauräume eingerichtet
werden. Neben verschärften Bestimmungen zum Schntz

ler Mieter versucht man dem Mangel an Wohnraum
lurch vermehrte Bautätigkeit abzuhelfen. Zur Förderung
ler Wohnungsbautätigkeit sind vom Bundesrat im April
'919 20 Mill. Fr. zur Verfügung gestellt worden. Der
‚roße Rat von Genf hat jetzt zur Finanzierung der Bauätigkeit
 einen Betrag von etwa ı Mill. Fr. in Aussicht
‚estellt. Auch von privater Seite wird gegenwärtig ein
Tersuch unternommen, neue Wohngelegenheiten zu
chaffen. Im Juni letzten Jahres hat sich eine Genossenchaft
 zur Errichtung von Wohnkolonien gebildet (Societe
looperative d’Habitation). Die Anteilscheine, die in fünf
ahren einbezahlt sein müssen, betragen 250 Fr. und
verden mit höchstens 5 vH. verzinst. Die erstellten
Vohnungen werden unter den Genossen verlost, die sich
iarum bewerben, und zwar ohne Rücksicht auf die Anahl
 der gezeichneten Anteilscheine, was zur Folge haben
wird, daß die Gesellschafter nur je einen Teilhaberschein
‚eichnen werden. Die genannte Genossenschaft, die die
Jnterstützung des Bundes genießt und auch auf Untertützung
 aus kantonalen Mitteln in Form von zinsfreien
Jarlehen hofft, hat bereits ein Gelände zu günstigen Beiingungen
 gekauft und einen Wettbewerb für einen Beyauungsplan
 ausgeschrieben, nach dessen Erledigung mit
lem Bau begonnen werden soll.

Bücherschau.
VYotunterbringung und Wohnungsneubau. Carl
Heymanns Verlag. Berlin. Geh. 5 M.
Dieser Bericht über die Tagung der Vereinigung
‚eutscher Wohnungsämter, die im Herbst v. J. stattand,
 ist vielfach von der Entwicklung überholt, aber in
ler Lösung der beiden Hauptprobleme sind wir in-'wischen
 kaum weiter gekommen. Diese werden hier
on den erfahrensten Fachleuten besprochen, so daß das
Jeft eine kurze und erschöpfende Darstellung der
ichwierigkeiten gibt, die sich der Wohnungsbeschaffung
on der wirtschaftlichen, technischen und rechtlichen
jeite entgegenstellen, In der Aussprache zeigte sich eine
ast völlige Übereinstimmung in den Fragen der Nottandsmaßnahmen,
 so die Ablehnung des Barackenbaues.
is sollten daher nunmehr von Reichs wegen unbedingt
inwandfreie und ausreichende gesetzliche Grundlagen
seschaffen werden, ohne die örtlichen Richtlinien durch
tarre Vorschriften zu ersetzen. Die bisherigen versagen
jelfach gerade gegenüber den krassesten Fällen, also
yei Spielklubs und ähnlichen Lokalen, bei Doppelvohnungen,
 die möbliert vermietet werden, und bei Ernietung
 und Zuzug ohne Genehmigung des Wohnungsmtes.
 — Derartige Zusammenkünfte sollten möglichst
weimal im Jahre stattfinden, im Oktober, wenn sich
)jereits das Ergebnis des laufenden Jahres übersehen
äßt und vor Beginn der neuen Bauzeit, so früh, daß die
uf Grund der Erfahrungen ausgearbeiteten Anregungen
ınd Forderungen sich noch durchsetzen lassen.
Dr.-Ing. Kurt Ehrenberg.
Harry Maaß, Lübeck. „Heimstätten und ihre Gärten“.
Oscar Laube Verlag, Dresden. Preis 5,50 M.
In dieser Veröffentlichung, die in jeder Zeile die
Aiebe des Verfassers zu den Kleingärten bekundet, wird
larauf hingewiesen, daß die wirtschaftliche Anlage der
zärten, den Ausgangspunkt für die Planung der Siedaıngen
 bilden sollte; man würde dann das monotone
jiedlungsschema vermeiden, ohne besondere, nicht aus
ler Notwendigkeit geborene Gruppierungen der ]läuser
‚ornehmen zu müssen. Die vom Verfasser in schönen
Zeichnungen gebotenen Lösungen wirken überzeugend,
Neiter wird die gärtnerische Ausgestaltung der Kleinszärten
 an einer Reihe gut durchdachter Pläne und klarer
;chaubilder vorgeführt und schließlich eine Lanze für
lie Laubengärten der Großstädte gebrochen, die im Be-»auungsplan
 festgelegt werden müßten. Das Werk bietet
len Liebhabern sowohl wie den Siedlungsplanern und
zründern eine Fülle son Anreseungen und Winken. Kn.

Verlag. von Wilh. Ernst & Sohn. Berlin, — Verantwortlicher Schriftleiter: Dr.-Ing. W.C. Behrendt. Berlin
Inchdruckereai Geahrüder Ernat. Rarlin
            
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