Volltext : Die Volkswohnung : Zeitschrift für Wohnungsbau und Siedlungswesen (Jhg. 2, 1920)

„APORTE, Die kulturelle Bedeutung der Wohnungsfrage. — Mitleilungen.

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mit ihren furchtbaren Gefahren für das politische
Leben. ist gerade in unseren Tagen klar in die
Erscheinung getreten. Wo ist aber diese Suggesti-5ilität
 größer als in der Großstadtmasse, in der
ler Einzelne selten oder nie Zeit noch Lust hat,
in der Stille eines wirklichen Heimes oder auf
einsamen Gängen in Wald und Feld eigene Gedanken
 über Erlebtes und Gehörtes zu entwickeln.
 Statt des ruhigen Aussprechens, des
Austausches von Meinungen mit Freund und
Nachbar tritt hier die Massenversammlung oder
las Parteiblatt. Dabei ist die Psyche des
modernen Großstädters nur selten mit Gefühlen
arfüllt, die einen feineren Gerechtigkeitssinn
arzeugen könnten.
Welche Eindrücke nehmen Kinder mit ins
Leben, deren Spielplatz die Straße zwischen
fünfgeschossigen Häuserreihen und deren Heim
eine Hinterhauswohnung mit Aussicht auf einen
engen Hof ist. Vergessen wir nicht, daß die
jetzt erwachsene Bevölkerung noch aus Verhältnissen
 stammt, die, mit den unserigen gemessen,
 als kleinbürgerlich mit allen Vor- und
Nachteilen bezeichnet werden müssen. Vor
zo Jahren war Berlin noch nicht Weltstadt. Der
Berliner, dessen Jugend in die siebziger und
achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts

allt, hat noch alle Vorzüge dieses relativ klein-»ürgerlichen
 Stadtlebens an sich erfahren. Mit
welcher Liebe hängt er an seiner Stadt, wie
Jesucht werden Vorträge, die alte städtische
Zrinnerungen in Wort und Bild aufsteigen lassen.
Man sehe sich dagegen die Jugend an, die im
nodernen Berlin herangewachsen ist. Selten ver->indet
 ein wertvolles soziales oder ethisches
zefühl unsere Großstadtjugend mit der Stadt,
lie ihr die Stätte ihrer ersten und be-;timmendsten
 Jugendeindrücke hätte sein sollen,
ılchts sucht sie in dieser Stadt als die Möglichzeit
 zum Genuß und zu immer neuen Sensationen,
lie ’sie über die innere Öde ihres meist genütsleeren
 Daseins hinwegtäuschen.
Geburtenrückgang, körperliche Untauglichseit
 zum Heeresdienst, Anwachsen der Krimiaalität,
 Ehescheidungen, sowie ein unverhältnisnäßig
 großer Menschenverbrauch in körperlicher
ınd sittlicher Hinsicht sind die Folgen moderner
zroßstädtischer Wohnverhältnisse. Immerhin
st die Gefahr jetzt klar erkannt. Ich zweifle
ıicht, daß Deutschland trotz Armut und Be-Irängnis
 auch diesen Aufgaben kräftig zu Leibe
zehen wird, um uns den einzigen und köstlichsten
 Reichtum unseres Landes zu erhalten:
 unser Volk.

Mitteilungen.

Neue Ergänzungszuschüsse für Wohnungsbauten,
Die im Jahre 1919 begonnenen und durch Gewährung von
3Zaukostenzuschüssen geförderten Wohnungsneubauten
zönnen trotz erheblicher Zuschüsse von Reich, Staat und
Gemeinde, die schon jetzt in vielen Gegenden eine Höhe
ron insgesamt 40 000 Mark für eine Dreizimmerwohnung
arreichen, nicht fertiggestellt werden. Dadurch sind besonders
 die gemeinnützigen Bauvereinigungen in eine
ernste Lage geraten und vielfach ‚vom Zusammenbruch
jedroht. Die Reichs- und Landesregierungen haben sich
jer Notwendigkeit nochmaliger Unterstützung nicht verschlossen.
 Im Etat des Reichsarbeitsministeriums ist
jeshalb ein Betrag von 275 Millionen Mark eingestellt
worden, der zur Gewährung von Ergänzungszuschüssen
 bestimmt ist. Da Staat und Gemeinden zusammen
 bestimmungsgemäß sich mit dem gleichen Betrage
beteiligen müssen, so steht demgemäß für das Deutsche
Reich jetzt ein weiterer Betrag von 550 Millionen Mark
zur Fertigstellung der angefangenen Bauten aus dem
Jahre 1919 zur Verfügung. Allerdings fehlt zur endzültigen
 Verausgabung noch die Zustimmung des Reichstages
 und der Landesversammlungen; doch ist nach Lage
der Verhältnisse nicht daran zu zweifeln, daß sie ohne
Widerspruch gegeben werden wird. Der Hauptausschuß
der preußischen Landesversammlung hat sich bereits einstimmig
 für die Bewilligung eines weiteren Ergänzungszuschusses
 ausgesprochen.
Da die Lage der notleidenden Bauherren sofortige
Hilfe fordert, hat sich der preußische Minister für
Volkswohlfahrt im Einvernehmen mit dem Reichsänanzminister
 und dem preußischen Finanzminister bereit
 erklärt, schon jetzt, unter Vorbehalt der Zustimmung
 der gesetzgebenden Körperschaften, einen weiteren
Zrgänzungszuschuß in Aussicht zu stellen und davon

lie Hälfte sofort als Vorschuß auszuzahlen. Im allvemeinen
 sollen für die Gewährung eines neuen EKErvänzungszuschusses
 die früher festgelegten Grundsätze
ıeachtet werden, nach denen ein Ergänzungszuschuß nur
ür bereits begonnene Bauten, für die ein Beihilfebescheid
rteilt ist, gewährt werden kann, wenn der Bauherr den
Jachweis erbringt, daß er ohne die. Gewährung eines
veiteren Ergänzungszuschusses in eine Notlage geraten
ürde, die seinen wirtschaftlichen Zusammenbruch beürchten
 läßt, wenn ferner das Bauvorhaben nicht mehr
ingeschränkt werden kann und die Mieten bis zur höchst
‚rreichbaren Grenze gesteigert werden. Im übrigen soll
lie Gewährung eines nochmaligen Ergänzungszuschusses
on der Bedingung abhängig gemacht werden, daß nach
Vollendung des Bauvorhabens sämtliche Kostenrechnungen
em zuständigen Ortsbaubeamten zur überschläglichen
Jachprüfung vorgelegt werden, ihm auch Gelegenheit
‚egeben wird, im Wege örtlicher Besichtigung die Richtig-'‚eit
 der Angaben testzustellen, und daß seine Nachprüfung
je Notwendigkeit der gemachten Aufwendungen, die An-‚emessenheit
 der angesetzten Preise und des beantragten
Zetrages ergibt. W.
Der Wohnungsverband Groß - Berlin hört nach
:.iner Bekanntmachung des Ministers für Volkswohlahrt
 am 30. November 1920 auf zu bestehen. Bereits
ım 1. Oktober sind die Geschäfte betr. den Mieterschutz,
lie Höchstmietenverordnung, die öffentliche Wohnungs-‚ewirtschaftung
 und das Flüchtlingswesen auf die neue
‘tadtgemeinde Berlin und die Landkreise Teltow und
Jiederbarnim bezw. die zu ihnen gehörigen Gemeinden
tibergegangen. Vom gleichen Zeitpunkt ab ist der
Vohnungsverband auf die Abwicklung der laufenden
Zeschäfte, insbesondere auf die Gewährung von Sanie-‘ungszuschüssen
 für die Bauten von 1919, beschränkt

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