WAGNER, Der Akkordlohn im Baugewerbe.
Sat
ainzustellen, weil sie dann in kürzester Zeit verbraucht
ıst. Ist Menschenmaterial nicht mehr wert als eine Maschine?
Die Akkordsätze werden aus diesem Grunde bis
zu einer gewissen Durchschnittsleistung eine steigende
Skala, beim Überschreiten der Durchschnittsleistung jedoch
eine fallende Skala aufzuweisen haben, die das Erstreben
von gesundheitsschädlichen Sportleistungen ohne
Anreiz läßt. Die objektive Feststellung der Durchschnittsleistung
ist eine nicht einfache Aufgabe, zu deren Lösung
die „Forschungsgesellschaft für wirtschaftlichen Baubetrieb“
viel beitragen könnte.
Der Einwand zu 7., daß die Akkordarbeit eine Ausjese
der, leistungsfähigsten Kräfte herbeiführe und die
körperlich weniger fähigen Arbeiter benachteilige, wird
dann hinfällig, wenn der Akkord als Gruppenakkord
zur Durchführung kommt. Es wird dann Aufgabe des
Betriebsrats sein, auf die Zusammenstellung der Gruppen
im Interesse der Kriegsbeschädigten und körperlich weniger
‚eistungsfähigen Arbeiter den gebührenden Einfluß zu
nehmen. Im übrigen werden diese Arbeiter vor einer
wirtschaftlichen Schädigung durch den fortbestehenden
Stundenlohnfarif, der für jeden Akkordsatz die Grundlage
bieten muß, gebührend geschützt.
Wichtiger ist der Einwand zu 8., der aus der Einührung
der Akkordarbeit Arbeitslosigkeit befürchtet.
Dieser Einwand mag in gewissem Sinne bei gesättigtem
Arbeitsmarkt gerechtfertigt erscheinen. Heute jedoch, wo
das ganze Wirtschaftsleben nach einem stärkeren Einsatz
von Arbeitskraft direkt schreit, wo Arbeitsgelegenheit im
Baugewerbe bei der bestehenden Wohnungsnot auf Jahrzehnte
hinaus vorhanden ist, dürfte dieser Einwand völlig
unberechtigt sein. Er ist auch theoretisch verfehlt. Der
Grundsatz: „Konkurrenz hebt das Geschäft“ trifft auch
für die konkurrierende Arbeitsleistung zu. Je preiswerter
die Arbeitsleistung im Baugewerbe sich gestaltet, um so
stärker wird sie in der Form von Wohnungen und Bauten
ıller Art konsumiert und um so größer wird die Arbeitszelegenheit.
Dieser Satz hat für die freie privatkapitalistische
Wirtschaftsform die gleiche Gültigkeit wie für
die gebundene sozialistische Wirtschaft, deren Ziel es ist,
ein Höchstmaß von Kulturgütern so preiswert wie nur
ırgend möglich zu erstellen.
Die qualitätsmindernde Wirkung der Akkordarbeit
wird nur durch unbegrenzte Höchstleistungen gezüchtet.
Laufen indessen mit den auf gesunde Durchschnittsleistungen
eingestellten Akkordsätzen noch besondere
Prämien für Qualitätsarbeit parallel, dann
wird damit auch der Einwand zu 10, beseitigt, denn die
pflegliche Behandlung von Material, Gerüst und Gerät
steigt mit der wachsenden Qualität der Arbeit.
Es bliebe dann nur noch die Befürchtung
jer Arbeiter zu zerstreuen, daß der durch die
Akkordarbeit produzierte Mehrwert in die Tasche
des Unternehmers fließt und nicht der Arbeiterschaft
selbst oder der Allgemeinheit zugute
komme. Dieser Einwand ist für sozialisierte
Betriebe völlig hinfällig; er 1äßt sich aber auch
für privatkapitalistische Betriebe entkräften,
wenn der Akkordsatz so gestaltet wird, daß der
durch die gesteigerte Arbeitsleistung geschaffene
Mehrwert ausschließlich den Arbeitern zugute
kommt. Die Möglichkeit für eine derartige
Regelung ist durchaus gegeben. Es ist nur die
Frage, ob dann noch die Unternehmer ein Interesse
an der Akkordarbeit haben. Das dürfte
zweifelsohne nicht der Fall sein. Sie haben
wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß ihnen
die Akkordarbeit gleichgültig ist. wenn sie den
Akkordsatz nicht selbst bestimmen, überwachen
ınd abändern können. An dieser Auffassung
ler Unternehmerschaft ist bisher die Wieder-»nführung
der Akkordarbeit gescheitert. Kann
man es nun der Arbeiterschaft verdenken, daß
zie sich gegen die Akkordarbeit vom Schlage
ler vorkriegswirtschaftlich-kapitalistischen Art
;träubt, ohne feste Garantien zu haben, daß die
atsächlichen Schäden der Akkordarbeit beseitigt
werden? Jeder neutral und objektiv denkende
3ozialpolitiker wird die Forderung der Arbeiter-‘cChaft
nach Beseitigung der Schäden der Akkordırbeit
freimütig unterstützen und selbst eintreten
nüssen für bestimmte Garantien.
Die erste dieser Garantien ist die Festsetzung
allgemeiner Richtlinien für die Akkordarbeit
im Tarifvertrage. Man könnte solche
Richtlinien etwa wie folgt skizzieren:
I. Die Akkordarbeit im Baugewerbe soll der Proiuktionssteigerung
im Interesse der gesamten Volkswirt-;chaft
dienen. Ihre Anwendung darf darum der Allsemeinheit
wie der gesamten Bauarbeiterschaft keinen
nateriellen oder physischen Schaden bringen.
2. Die Akkorde müssen vor Beginn der Arbeit unter
Vlitwirkung der Betriebsräte festgesetzt und dürfen ohne
leren Zustimmung nicht abgeändert werden.
3. Ergeben sich bei der Durchführung der Akkorde
Differenzen zwischen Betriebsleitung und Betriebsräten,
lann haben beide Teile — sofern eine gütliche Einigung
ıicht erzielt werden kann — das Recht, den Schlichtungsıkkordausschuß
anzurufen, dessen Spruch unanfechtbar
st. Die angefangene Arbeit darf von einem der beiden
Ceile nicht unterbrochen oder unterbunden werden, bevor
ler Schlichtungsakkordausschuß seinen Spruch gefällt hat.
Die zweite Garantie ist die Einsetzung
»ines Örtlichen, unparteiischen Schlichtungsıkkordausschusses,
der aus etwa fünf Per-;onen,
und zwar zwei Arbeitgebern und zwei
Arbeitnehmern besteht, die sich einen unparteischen
Vorsitzenden zu wählen haben. Dieser
Ausschuß ist mit weitgehenden Vollmachten auszustatten.
In ihn haben die Arbeitgeber- und
Arbeitnehmerverbände die sachkundigsten Ver-Teter
zu entsenden. Er muß nicht nur das
Recht haben, Streitigkeiten zu schlichten, sondern
ıuch Örtliche Grundsätze, Richtlinien und bestimmte
Akkordsätze festzusetzen. Die Festsetzung
angemessener Leistungen und Akkord-;ätze
wird er im Benehmen mit der „Forschungszesellschaft
für wirtschaftlichen Baubetrieb‘ zu
betreiben haben.
Unter der Voraussetzung dieser Garantien
hat die Arbeiterschaft keine Veranlassung mehr,
lie Akkordarbeit abzulehnen. Vollendsnichtin
3o0zialisierten Betrieben, in denen sich die
Arbeiterdie Akkorde selbstfestsetzen. Belarf
es in sozialisierten Betrieben überhaupt der
Akkordarbeit, um die Arbeitsleistung zu steigern?
Iaben die bestehenden kollektivkapitalistischen