Full text: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Neckarkreis (1889)

Die Kirchen. 
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wird von einem Rippenkreuzgewölbe auf Ecksäulen übersprengt; der Bogen gegen 
das Seitenschiff (Westseite) ist vermauert. Im zweiten Geschoß war eine jetzt auch 
vermauerte, gegen Norden, d. h. gegen die Kirche heraus einst offene Empore. Der 
1320 ff. errichtete Chor zeigt gegen außen noch die alte ernste Gestalt; sein Gewölbe wurde 
zu Anfang dieses Jahrhunderts durch ein hölzernes Netzgewölbe in geschickter Weise ersetzt. 
Zugleich mit dem Chore ward das fünfte Geschoß des Turmes mit schönen 
Maßwerksfenstcrn aufgesetzt. Das oberste etwas erbreiterte Geschoß ist aus dem Jahr 
1488, neuer noch die zierliche Spitzhaube. Die Sakristei, nördlich am Chor, ist bis 
auf die Gewölbe und den östlichen vieleckigen (auch spätgotischen) Schluß frühgotisch. 
Bei dem Chorbau vom Jahre 1320 mauerte man iiber dem noch heute erhal 
tenen romanischen Ostgiebel einen Entlastungsbogen her und setzte darauf den hohen 
Chorgiebel, der, da jetzt der Chor hoch über das Schiff hinausragte, an der Westseite 
sichtbar war und zu dessen Giebelgesims man Stücke eines romanischen Giebelgesimses 
benützte, was alles noch auf der Kirchenbühne zu sehen ist. — Mehr als hundert 
Jahre nachher, beim gotischen Neubau des Langhauses, dessen Dachstrst auch über 
den des Chores hinausragt, mußte dann jener Chorgiebel nochmals erhöht werden. 
Der Neubau der noch jetzt stehenden drei Schiffe samt dem großartig angelegten 
Westturm ist zum größten Teil das Werk des fürstlichen Baumeisters Albrecht 
Georg, des Erbauers der Stuttgarter Leonhards- und Hospitalkirche und gar vieler 
anderer schöner Kirchen ringsum in Schwaben. Das Meisterzeichen des Albrecht Georg, 
der Sparrenschild mit den drei Sternen, findet sich fünfmal an der Stiftskirche, darunter 
dreimal an dem herrlichen Apostelthor. Albrecht Georg erscheint nicht bloß als vor 
trefflicher Baumeister, sondern auch als hervorragender Bildhauer. Bei seinen Kirchen 
bauten liebte er das Hereinziehen der Strebepfeiler nach innen, so daß an den Lang 
seiten der Nebenschiffe Kapellenreihen entstanden, dieKirchen dadurch eigentlich fünfschiffig 
wurden, er liebte reiche Vernetzung der Gewölbe mit vielen von bedeutungsvollen 
Bildhauereien bedeckten Schlußsteinen, oft auch mit Brustbildern als Gurtträgern; dazu 
weite und lichte Verhältnisse. — Reichgegliederte Pfeiler (s. Abb.) trennen das höhere, 
aber fensterlose Hochschiff der Stiftskirche von den Seitenschiffen, die nach innen ge 
zogenen Strebepfeiler treten außen schwach dreieckig im Grundriß hervor. Ueber den 
Seitenschiffen spannen sich steinerne Strebebogen gegen das Hochschiff. Die reichen 
Gewölbe tragen eine Menge skalpierter Schlußsteine. Der Hauptturm und der Seiten 
turm haben Dächer aus später Zeit, das des „dicken" ist zeltförmig und kurz, das des 
„schlanken" zierlich und spitzgeschweift, aber beide Türme sind wohl zusammen gestimmt. 
Feine gotische Friese ziehen unter ihren durchbrochenen Steinkränzen hin. Der ganze 
Bau aus grünlich-grauem Keuperwerkstein von edler, tief nach gedunkelter Alterssarbe. 
Oberster Umgang des Hauptturmes um 1530. Jahreszahlen stehen am Apostelthor 
1494 und 1495, über dem Hauptfenster des Westturms 1495, an einem Tragstein 
innen am Südturm, darstellend einen Engel mit dem Schweißtuch 1493. 
Als Baumeister am Chore wird genannt um 1330 Walther der Steinmetz und 
beim Neubau Meister Eberlin von Stuttgart, dann fünfmal durch sein Zeichen 
der Hauptmeister Albrecht Georg; der Schild eines anderen noch nicht aufgefundenen 
Meisters befindet sich hoch oben, dem des Albrecht Georg gegenüber, an der Thüre 
des am Südturm aufsteigenden Treppentürmchens. Weiter erscheint der Meisterschild 
P a u l uj8, Denkm. aus Württemb. 2
	        

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