Full text: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Schwarzwaldkreis (1897)

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Schwarzwaldkreis. Oberamt Reutlingen. 
Brand stammte dann die hübsche in Stuck ausgeführte Rokoko-Kanzel, von Bildhauer 
Schweizer aus Deggingen. Endlich erscheinen, als ein hochschätzbares Vermächtnis, 
die strengen anmutsvollen frühgotischen Wandmalereien in der alten Sakristei, s. auch 
S. 252. Die wertvolle stilgerechte Erneuerung der Kirche ist im Jahr 1893 begonnen 
worden, unter Leitung des Baurats Dolmetsch in Stuttgart und der Bauführung des 
Architekten Stechert, dem Ivir die Aufnahmen S. 237 ff. verdanken. Dabei wurden, auf' 
den nackten Stein gemalt, frühgotische Malereien edelsten Stiles, besonders in den 
Spitzbogenfeldern der Portale, gefunden; sowie manche Trümmer der alten Hohen 
staufenkirche. Abb. s. S. 249—253. 
Fragen wir nun nach den Meistern der Marienkirche oder den Bauschulen, aus 
denen sie hervorgegangen. Wir wiesen oben schon, bei Besprechung des ursprünglich 
im llbergangsstil errichteten Chors, auf Straßburg hin. Wohl denkbar, daß die 
damalige großartige Bauthätigkeit von dort herüberwirkte; die Rcutlinger sandten ja 
sofort nach dem Sieg im Jahre 1247 nach einem Meister für den Bau. Aber von 
diesem Chor ist doch zu wenig erhalten, um schärfere Schlüsse ziehen zu können. 
Anders verhält es sich mit dem Langhaus und mit der Westfassade. Der Grund 
riß der Marienkirche erinnert ganz merkwürdig an den des Straßburger Münsters, 
dieselbe Weiträumigkeit im Verhältnis der Schiffbrciten, dieselbe Anzahl der Joche, 
dieselbe Anlage der Westpartie, mit den starken, den Turm tragenden Pfeilern, und 
den mächtigen durch Treppentürmchen verstärkten Strebepfeilerbündeln nach außen. 
Man vergleiche nur beide Grundrisse miteinander. Es ist, obwohl in Straßburg 
die Türme nach außen, in Reutlingen der Turm in der Mitte steht, dieselbe Ver 
schmelzung von Turm-, Fassade- und Jnnenbau, außen zu einem, in derselben Fläche 
aufsteigenden Werk, innen zu einer mit dem Langhaus der Kirche zusammengehenden 
Querhalle, die auf ihren Freisäulen den Turm, oder die Türnic trägt. Auch der 
ganze so vollständig und so meisterhaft durchgeführte Aufbau der Kirche mit Strebe 
pfeilern und Strebebögen in so früher Zeit weist auf ein großartiges Vorbild zurück. 
Die ursprüngliche Form der Schiffsäulen, welche durch die neueste Restauration in 
ihrer ursprünglichen Gestalt wieder eingesetzt worden sind, erinnert gleichfalls stark an 
die im Straßburger Münster. — Von 1277 bis 1318 ist Meister Erwin von Stein 
bach, richtiger von Straßburg, an der Münster-Fassade und sonst am Münster thätig. 
In diese Zeit fällt der gotische Bau der Reutlinger Marienkirche, der Bau der drei Schiffe 
und der Beginn des westlichen Turmes. Soll da nicht von der nahen und befreundeten 
Reichsstadt ein Hauch von Erwins Geist, durch den die gotische Kunst eine Feinheit, 
Zartheit und geniale Pracht erfahren hat, wie nirgends zuvor und nirgends nachher, 
der damals das Wunderwerk der Straßburger Münsterfassade vollbrachte, über den 
nahen Schwarzwald herübergeweht sein? 
Die Fassade der Marienkirche erscheint als ein Werk, das hoch über allen gleich 
zeitigen im Schwabenlandc dasteht; verglichen mit allen anderen, — den Turmhelm 
des Freiburger Münsters ausgenommen, der aber höchst tvahrscheinlich auch auf Erlvin 
zurückgeht, — schöpferisch neu, einheitlich groß, wie nur ein Baumeister ersten 
Ranges es wollen konnte; man muß immer an Erwin von Straßburg denken, wie 
Gayler im dunklen Drang schon geahnt hatte. — Lübke in seiner Geschichte der 
deutschen Kunst, Stuttgart 1888, sagt über die Marienkirche: „Die trefflich komponierte,
	        

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