Full text: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Schwarzwaldkreis (1897)

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Schwarzwaldkreis. Oberamt Reutlingen. 
altbezeugten Lesart Bolonia festzuhalten und wird derselbe in Boulogne sur mer 
zu suchen fein, weil die Art des Meisters Heinrich eine durchaus nordsranzösische 
gewesen ist und durchaus nicht mit dem Stil des damals schon hachheraufgebauten 
Kölner Domes übereinstimmt. Es ist sicher, daß Peter Parler, der Sohn des 
Meisters Heinrich, in Köln studiert hat in der dortigen Bauhütte, auch war seine 
erste Frau eine Kölnerin; man kann aber auch an Peters Bauten den Einfluß des 
Kölner Doms in die Augen springend nachweisen au den Chören zu Prag, Kolin, 
Kuttenberg in Böhmen, besonders an ihrem Strebewerk, während an dem Bau des 
Vaters in Gmünd dies durchaus verneint werden muß, ausgenommen vielleicht kleine 
Teile, z. B. einige Baldachine an den Portalen; sie mögen von dem jungen Peter, 
als er von Köln wieder nach Gmünd gekommen war und dort an der Heiligkreuz 
kirche seines Vaters arbeitete, geschaffen worden sein. Von dort weg berief den 
erst Dreiundzwanzigjährigen der für die französische Baukunst so sehr begeisterte, kunst 
sinnige und großangelegte Kaiser Karl IV. nach Prag, um den durch den Tod des 
ersten Dombaumeisters Matthias von Arras verwaisten Dombau weitersühreu zu lassen. 
Heinrich, der Vater, der Meister der Gmünder Heiligkreuzkirche, weicht in der Grundriß 
bildung, aber auch im Aufbau uud den Einzelformen, besonders auch im Fenster 
maßwerk mächtig ab von der deutschen Gewöhnung, bringt auch den der französischen 
Kunst so geläufigen außerordentlichen Figurenreichtum an seine Bauten; alles, wie 
auch das Aussehen der Figuren echt nordfranzösisch. Sein Zeichen, ein h, ist in 
Gmünd nachgewiesen. Dieses und seine Hand und seine Schule zeigt sich nun auch 
noch an zwei anderen schwäbischen Bauten: am Turm der Kapellenkirche zu Rott 
weil, und wieder, aber nur an der Schauseite, an der Marienkirche zu Reutlingen. Der 
Kapellenturm zu Rottweil gehört zu den schönsten und merkwürdigsten Türmen der 
gotischen Baukunst, und sucht besonders durch den Reichtum seiner Bildhauereien 
weit und breit seinesgleichen, er übertrifft in dieser Hinsicht sogar den Turm des 
kllmer Münsters. Seine drei unteren Geschosse stammen noch aus der Zeit der 
Gründung und stehen dem Stile nach zwischen dem Turni der Marienkirche zu Reut 
lingen und der Heiligkreuzkirche zu Gmünd. — Der nordfranzösische Meister hat die 
Entwürfe der Reutlinger Fassade, die auf Straßburger Einflüsse zurückzuführen sind, 
vorgefunden, auch wohl schon Teile des Aufbaues, er hat nur Einzelheiten daran fertig 
gearbeitet, hat von den Reutlinger Eindrücken nach Rottweil getragen, und diese mit 
seiner eigenen Richtung, die auf das Häufen des Figürlichen ging, verschmolzen. Bei 
genauerer Vergleichung beider Turmfassaden erkennt man trotz vielem Ähnlichen doch 
so manche Verschiedenheiten, wobei noch zu bemerken ist, daß sich die Straßburger 
und die nordfranzösische Schule nahe berühren. Der Reutlinger Plan ist entschieden 
der ältere, Richtung gebende, das Figurenwerk war nicht mehr hineinzubringen, da 
gegen lassen einige Figuren, wie Wasserspeier und besonders jenes merkwürdige ganz 
im Dunkel versteckte Relief im Spitzbogenfelde des Treppentürmchens mit den zwei 
nackten, an antike Bacchanten erinnernden Figuren, dieselbe geniale Bildhauerhand, 
wie an den so zahlreichen des Rottweiler Kapellenturms erkennen. Die Skulpturen 
dieses Turms sind ein eigenes Studium wert, so frei und edel und anmutsvoll-treff 
lich sind sie. Am Friedhofcingang in Reutlingen, dem Überbleibsel einer frühgotischen 
Kapelle, sind an den Konsolen der geradgestürzten Thüre zwei Bildwerke ausgehauen,
	        

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