Volltext: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Schwarzwaldkreis (1897)

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Schivarzwaldkreis. Oberamt Reutlingen. 
erscheint. Dieser Peter muß also im Jahr 1359 gestorben sein; leider wissen wir 
nicht in welchem Alter, er hatte Fran und Kinder — und können uns aus dieser 
Nachricht keine» Schluß auf den Beginn seiner Thätigkeit erlauben. Wohl aber ist 
die Nikolauskapelle, jetzt katholische Kirche, in Reutlingen nach einer Inschrift am 
Chor angefangen (incepta) im Jahr 1358, und wir greifen gewiß nicht fehl, wenn 
wir Peter als den Meister, der den Plan zur Kirche machte und teilweise auch noch 
ausführte, annehmen. Er ist wohl ein Einheimischer gewesen, und jene Urkunde zeigt, 
daß er in naheti Beziehungen zum Kloster Bebenhausen gestanden hatte. 
v.... Die Nikolauskirche in Reut- 
lingen, besonders der Chor zeigt, daß 
der Meister dieses Werkes seine Studien 
sowohl an der französischen Art der 
Marienkirche gemacht hat, daß er in der 
Reutlinger, von eineni Parier geleiteten 
Bauhütte gewesen, aber auch daß er an 
den aus der Schule von Salem am 
Bodensce, dem Vorort der südwestdeutschen 
Cisterzienser, hervorgegangenen Pracht 
bauten von Kloster Bebenhausen gelernt 
haben muß, besonders an dem 1335 in 
Bebenhausen errichteten Sommer-Rest 
torium. Es unterliegt keinem Zweifel, 
dieses hochentwickelte, seiner Zeit voraus 
geeilte Werk schwebte dem Meister der 
Mikolauskapelle vor; an ihr sehen wir 
einen Meister, der im Fenstermaßwerk 
französische, schon spätausartende For 
men mit frühgotischen deutschen mischt, 
in der Gewölbebildung aber ganz dem 
reizvollen Palmen-Rippennetz des Beben 
hauser Sommer-Refektoriums, das nadel 
spitzig an den Wänden zusanimenstrahlt, 
nur in ein wenig derberer Weise, folgt, 
in den Schlußsteinen jedoch an den alten frühgotischen Blattrosetten hängen bleibt. 
Ganz dieselbe Art zeigt nun auch die neue, nördlich an den Chor der Marienkirche 
angebaute Sakristei, errichtet nach der Vollendung der Kirche im Jahr 1343, um 1350. 
Stilformen und Steinmetzzeichen weichen von allen übrigen an der Marienkirche ab — 
und letztere sind zum Teil gleichfalls wieder am Chor der Nikolauskapelle zu finden. Die 
Nikolauskapelle und die neue Sakristei hat mit größter Wahrscheinlichkeit Meister Peter 
von Reutlingen gemacht, auch hals er wohl die Turmpyramide vollends ausführen. Weiter 
aber könnte Peter von Reutlingen der Meister sein der frühesten Teile der herrlichen, 
um 1336 begonnenen Stiftskirche zu Herrenberg. Turmbau, Chor und Umfassungs 
mauern erinnern an die Marienkirche. Es sind besonders der für die Marienkirche 
so bezeichnende Spitzbogenfries unter dem Dachgesims, das hohe Prachtfeuster an der 
Reutlingen. Marienkirche.
	        

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