Full text: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Inventar. Schwarzwaldkreis (1897)

Hirsau. 
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Besonders gegen Norden stehen in Hirsau die Umfassungsmauern noch hoch, 
so das; sich zwei Rundbogenportale am Nordflügel des Querschiffes vollständig er 
halten haben; einen guten Anblick des Mauerwerks geben die Ecken des gerad- 
geschlossenen Chors, s. auch im Kunstatlas. 
Das Mauerwerk besteht aus feingefügten kleinen Bruchsteinen, in die sich 
mächtige Eckquader und Thürschwellen und Gewände eindrängen; ähnlich in Limburg: 
„Kein einziges Ornament erscheint am ganzen Gebäude, alle Formen von äußerster 
Schlichtheit, das Mauerwerk aus kleinen lagerhaften Buntsandsteinen, dagegen Säulen 
schäfte, Würfelknäufe, Oberschwellen der Pforten, alle ans einem Stein, und so sind 
auch ihre Formen großartig, klar, scharf und gediegen. Die teilweise Zerstörung läßt 
diese Formen noch ernster, die Verhältnisse noch kühner, die Abmessungen noch bedeu 
tender erscheinen; Epheu dringt hinauf bis zur Traufe, düstere Waldbäume umhüllen 
Fenster und Wandnischen", schrieb der Verfasser im Jahre 1869 in den Trümmern zu 
Limburg an der Hardt — jedes Wort paßt auch ans Hirsau. Auch hier derselbe 
herrliche Stein, der Buntsandstein — die Ausbildung des frühromanischen Stils läßt 
sich ohne diesen Stein so wenig denken, wie die der Gotik in Straßburg in demselben 
Stein, durch Erwin am Straßburger Münster. 
Durch diese Gebäude, durch die noch erhaltenen Aufnahmen, sowie durch wieder 
holte Nachgrabungen, die der Verfasser auf Staatskosten veranstalten ließ und welche 
zahlreiche, jetzt in der Bibliothek aufbewahrte Trümmer zu Tage brachten, war es 
möglich, die ganze Petersbasilika, von der auch noch der nördliche Westturm mit 
Spuren von alten Dachschrägen ganz erhalten blieb, im Geist und in der Zeichnung 
wieder aufzurichten; s. den Kunstatlas. 
Der genannte Turm — der andere wurde ans dem Schutt gleichfalls wieder aus 
gegraben, und ist noch mannshoch steigt in 6 Geschossen empor, s. o., und hat noch 
das vom Brand verschonte niedrige, vierseitige Zeltdach, ähnlich wie jene ehrwürdigen 
Glockentürme in Rom. Unten am dritten Geschoß tritt ein erhaben gearbeiteter Fries 
um den Turm, gegen die Ecken hin Löwenleiber, die je in einem großen viereckigen 
Kopf an der Ecke zusammentreffen, dazwischen bärtige Männer, Laienbrüder, die den 
Bau tragen helfen, gegen Norden eine Fräuengestalt mit Rad, die heilige Katharina. 
Die Verhältnisse des Hirsauer Grundrisses sind von überraschend wohl 
abgewogener Feinheit, sie verraten einen entwerfenden Künstler tiefen Sinnes und 
kühnen Geistes; das würden die wenigsten gewagt haben. Grundzahl ist 11, und 
nun gliedert sich der Grundriß folgendermaßen: 
Gesamtlänge 30 x 11 römische Fuß oder 330 Fuß, 
Gesamtbreite x 11 römische Fuß oder 82^/s Fuß, 
also verhält sich Gesamtbreite zu Gesamtlänge wie 1 : 4. 
Länge des Vorhofes 8x11 römische Fuß oder 88 Fuß, 
Länge der Kirche 22 x 11 römische Fuß oder 242 Fuß, 
oder Länge des Borhofes zur Länge der Kirche wie 4 : 11. 
Die Länge des Querschiffes beträgt 11x11 römische Fuß oder 121 Fuß, 
also verhält sich die Länge des Querschiffes zur Länge der Kirche wie 1:2 — und 
die Länge des Vorhofes zur Länge des Querschiffes wie 8: 11. 
Wo und wie Abt Wilhelm ein Vorbild zu diesen Verhältnissen gefunden hat,
	        

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