Full text: Jahres-Bericht der Königlichen Polytechnischen Schule Stuttgart (1868/69)

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neue Richtung im Kanzleigehäude (Stock) 1833—1838 von Gross; im Bazar von Thouret; 
im Prinzessenpalais von Saluzzi; im Katharinen hospital, Naturaliencabinet und 
Archiv 1821—1827 von Barth; in der Infanteriekaserne etc. etc. Etwas reicher ist die Kunst 
schule 1838—1843 von Barth, die Münze 1842 von Gross; dann das Lusthaus Rosenstein. 
Der herrschende Styl dieser Zeit war der „Kasernenstyl“, aus dem sich nur einzelne 
Bauten mehr oder weniger glücklich emporhoben. Und erst mit der Villa in Berg 1846—1853 
von Leins, mit dem Königsbau, 1860 von demselben vollendet, mit der Polytechnischen 
Schule von Egle 1862—1864 begann eine neue Aera der Baukunst für Stuttgart, und ein ent 
schiedeneres Wohlgefallen an reicheren, monumentalen Bauten. Der Eintritt, die Vorderfagade, 
die Perspektive des Neuen Bahnhofs sprechen klar und für Jedermann verständlich den neuen, 
Geist aus, im Gegensatz zu dem aus dem Kasernenstyl hervorgewachsenen und ihm verwandten 
Eisenbahnstyl der beiden Seitenflügel. 
Wir dürfen es heute mit Stolz bekennen, dass die Freude an reicherer und geschmack 
vollerer Renaissance, bereichert und geläutert durch das tiefere Studium der griechischen Archi 
tektur, eine allgemeinere geworden ist, hei den leitenden Behörden, wie im Gesammthewusstsein 
des Publikums, und wir dürfen hoffen, dass das neue Postgehäude, die Baugewerkschule, ein 
neues Bibliothekgebäude in dem Sinne dieser erneuten Renaissance als wahre Monumentalbauten 
erstehen werden, edel und würdig genug, um den Schmerz über den Untergang jenes herrlichen 
Baues zu sühnen, dessen einstige Schönheit ich Ihnen in dieser Stunde vorzuführen bestrebt war. 
Im Jahre 1706 singt in prophetischem Geiste ein alter Schriftsteller: 
„Auch Herzog Ludwigs Zeit wird wieder sich einfinden, 
Wenn dieser rauhe Krieg wird mit der Zeit verschwinden, 
Und wenn der goldene Fried’ wird wieder ziehen ein, 
Dann wird das ganze Land ein rechtes Lusthaus sein.“ 
Lassen sie uns diese Verkündigung einer glänzenden und mit grossen Aufgaben frei 
gebigen Zeit für die Baukunst als spät sich erfüllende Verheissung auf die jetzt begonnene Aera 
beziehen und die freudige Zuversicht aussprechen, dass, wenn anders dieser im edelsten Sinn 
liberale Geist immer weitere Kreise durchdringt, die Baukunst der Schwaben jener hohen Kunst 
der alten Meister der Renaissance sich ebenbürtig erweisen, und Stuttgart in nicht allzuferner 
Zeit eine würdige Stelle unter den Städten einnehmen wird, welche die wahre Wiedergeburt 
der Baukunst, d. h. eine gesunde, den Aufgaben der Gegenwart angepasste Renaissance vertreten.
	        

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