Volltext : Jahres-Bericht der Königlichen Polytechnischen Schule Stuttgart (1868/69)

von  welchem  aus  dem  Baumeister  der  Auftrag  zum  Entwurf  des  Lusthauses  ertheilt  wurde.  Es
ist  das  alte  Schloss.  Beide  Bauwerke  hängen  innig  zusammen.
Das  alte  Schloss  mit  seinen  stattlichen  Colounaden,  wie  es  heute  vor  uns  steht,  ist,
abgesehen  von  dem  südöstlichen  Theile  und  dem  geräumigen  2400  Eimer  Wein  fassenden
Keller,  also  in  der  Hauptsache,  eine  Schöpfung  des  vortrefflichen  Fürsten  und  haulustigen
Herzogs  Christoph  von  Württemberg,  welchem  die  alte  Burg  Eberhards  im  Bart  nicht
mehr  genügte.
Dieses,  also  unter  Christoph  1553  erbaute,  durch  Herzog  Ludwig,  seinen  Sohn,
erweiterte  alte  Schloss  enthielt  in  dem  untern  Theile  einen  sehr  langen,  hohen  und  breiten  Saal,
die  sogenannte  Türniz,  als  Speisesaal  für  das  Hofgesinde  und  hei  Festen  auch  für  Fremde,  Gäste
niedrigen  Standes.  In  dem  ersten  Stockwerk  waren  die  Wohnungen  der  herzoglichen  Familie,
im  zweiten  Stockwerk  der  Rittersaal  mit  hohen  Fenstern,  künstlich  eingelegtem  Getäfer  und
vergoldeter  Ledertapete.
Im  Rittersaale  erschien  die  Landschaft,  um  die  Dispositionen  zu  vernehmen;  hier  empfing ­
  der  Fürst  ihre  Deputationen,  hier  überreichte  der  fürstliche  Bräutigam  die  Morgengabe,
und  empfing  das  Brautpaar  die  Geschenke  der  Hochzeitgäste;  auch  datirten  „aus  der  Ritterstube“
Herzog  Christophs  die  meisten  seiner  Resolutionen.  Hier  wurde  auch  gewöhnlich  Hoftafel  gehalten.
Ausserdem  enthielt  das  Schloss  noch  eine  Schlosskapelle  (erst  in  jüngster  Zeit  ihrer
ursprünglichen  Bestimmung  zurückgegeben)  und  auf  der  Seite  gegen  den  Lustgarten,  den
heutigen  Schlossgarten  bis  zum  alten  Schloss  verlängert  gedacht,  einen  Tanzsaal,  der  im  Jahre
1569  ausbrannte,  jedoch  bald  wieder  prächtig  hergestellt  wurde.  Unter  demselben  war  die
Hofküche,  die  sich  durch  ihre  zwei  mächtigen  Kamine  von  Weitem  kennzeichnete.
Im  Jahre  1580,  also  11  Jahre  nach  dem  Brande  jenes  Saales,  erbaute  Herzog  Ludwig
das  Lusthaus,  in  welchem  Ritterspiele,  Bälle,  Theater,  grosse  Hochzeits-  und  Hoffeste  ah-*

gehalten  wurden.  Das  Lusthaus  ist  also  vor  nicht  ganz  300  Jahren  erbaut  worden.
Es  war  eine  fröhliche  Zeit,  die  Zeit  Herzog  Christophs,  die  Zeit  Herzog  Ludwigs
und  die  seines  Nachfolgers,  Herzog  Friedrichs  I.  Feste  reihten  sich  an  Feste,  welchen  erst
der  Ausbruch  des  30jährigen  Krieges  ein  Ende  machte.  Nicht  blos  am  Hofe,  sondern  auch
unter  den  Bürgern  Stuttgarts  herrschte  viele  Munterkeit  und  es  fehlte  nicht  an  Festen  und
Vergnügungen;  namentlich  die  Zeit  der  Fastnacht  war  eine  Zeit  allgemeiner  Lust,  und  das
Tanzen  gehörte  zu  den  Liehlingsunterhaltungen  der  Stuttgarter.  So  einfach  das  häusliche
Leben  war,  so  wurde  doch  bei  vorkommenden  Festlichkeiten  grosser  Aufwand  gemacht,  am
meisten  bei  Hochzeiten  und  Taufen.
Auch  an  theatralischen  Aufführungen  hatte  sich  lange  vor  der  Zeit,  da  der  Hof  sie
            
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