Volltext : Die Farbige Stadt (Jhg. 6, 1931-32)

wenn man sie zu Tode hetzt. Heute wird der Backstein
 nicht nur, sondern auch der moderne Klinker
als bodenständig gepriesen, von Architekten, die in
anderer Beziehung ihren Glauben an die Bodenständigkeit
 der Kunst — zu unrecht und zu recht —
längst verloren haben, Der Begriff der Bodenständigkeit
 muß auf sein richtiges Maß zurückgeführt
werden, Zweifellos ist der Backstein gewissen Landschaften
 wesensverwandt. Neben dieser geographischen
 Bedingtheit steht aber die zeitliche, die sich
in den Städten früher schon als stärker erwies und
die heute geradezu maßgebend ist. Das Mittelalter
liebte den Rohbau, die Renaissance scheute sich
nicht, in Schleswig-Holstein und anderen nördlichen
Landstrichen den Sandstein zu verarbeiten. Mit dem
18, Jahrhundert trat der Putzbau in den Vordergrund,
 der sich bis zur Mitte des 19, Jahrhunderts
hielt, um dem romantischen Backsteinstil der Neujotik

 um jene Zeit das Feld zu räumen. Und in
ler Neuzeit laufen alle möglichen Bauweisen nebenzinander
 her; nicht allein ein Ergebnis der kulturellen
Krise, die wir erleben, sondern auch ein Ergebnis
wirtschaftlicher Umwälzung, unter deren Einfluß der
Zegriff der Bodenständigkeit an Bedeutung verloren
1at, ohne gänzlich zu verschwinden. So überflüssig
las Spiel mit fremden Ausdrucksformen und so
ıötig eine Besinnung auf wirklich bodenständige
Sräfte ist, so wenig kann man den internationalen
Charakter der großen Grundzüge heutiger Stilentwicklung
 leugnen (solcher Grundzüge, die auch in
alter Zeit in der Regel international waren und sich
aicht nur auf die Form, sondern auch auf das
Material erstreckten).
Der Kampf gegen eine „Ueber schätzung”
des Backsteinbaues schließt eine „Schätzung‘ dieser
Bauweise nicht aus, ja, er bedingt sie sogar.

Die Farbe in der Theorie
Von Prof, Dr.-Ing. Paul Klopfer

Jede Bewegung auf kulturellem Gebiet, soweit
sie wirklich wertvoll ist, setzt mit der Tat, mit der
Praxis, ein, die Theorie kommt hinterher. Unsere
neuzeitliche Farbenbewegung begann mit einer außerordentlichen
 Stoßkraft — die Magdeburger Tat
Bruno Tauts öffnete der Freiheit eine Gasse, die
bald nicht nur die Mießmacher von Beruf über den
Haufen rannte, sondern auch die Beziehungen zur
Tradition fand, so daß selbst der Bedenkliche bald
überzeugt war, daß es sich bei diesem Vorgehen
nicht um eine Mode, sondern tatsächlich um den
Ausdruck einer inneren Ueberzeugung und um die
Bejahung einer zeitgegebenen Forderung handelte.
Aber die Praxis allein kann es auch nicht
schaffen, die Theorie ist gerade auf dem Gebiete der
Farbe nicht zu entbehren — sei dies nun einmal die
Theorie der ästhetischen, oder zum andern die der
chemisch-technischen Fragen. In beiden Theorien
wurde seit der Bejahung der Farbe mit großem und
freudigem Eifer geschafft, und die jährlichen Zusammenkünfte
 des Bundes zur Förderung der Farbe
im Stadtbild brachten immer viele fruchtbare Anvegungen,
 Nun könnte man einwenden, daß wenigstens
 auf dem Gebiete des Aesthetischen
nunmehr so ziemlich alles im Reinen sein müßte —
warum also immer noch neue Literatur? Aber
gerade hier erfahren wir bei näherem Hinsehen, daß
wir seit dem ersten Theoretiker, als den wir auf
der Schule den großen Newton kennen lernten,
uns doch erheblich in unseren Anschauungen und
Ueberzeugungen geändert und gewandelt haben. Wir
können, rückblickend, einen sehr interessanten Weg
erkennen, der von Newton über Goethe und
Schopenhauer zu unseren neueren Philosophen führt,
und es erscheint gerade angesichts der literarischen
Neuerscheinungen dieser Tage am Platze, in aller
Kürze einmal uns diesen Weg anzusehen.
Wie faßte denn Goethe die Farbe auf? Nach
ihm sollten die Farben nicht Arten des Lichtes,
die aus der Teilung und Brechung des Lichtstrahles
hervorgehen, wie Newton gelehrt hatte, sondern die
Produkte des Lichtes und der Finsternis sein, belingt

 durch ein trübes „Medium“, wodurch das Licht
vor ihm verdunkelt (getrübt) und durch dessen
Erleuchtung das Dunkel hinter ihm erhellt wird. Von
len Graden der Durchsichtigkeit und Dichtigkeit des
Mediums sind die Grade der Trübung des Lichts
ınd der Erhellung des Dunkels abhängig: darin bestehen
 die Farben. Das durch ein durchsichtiges
ınd dünnes Medium getrübte Licht ist gelb, das
Jurch ein solches Medium erleuchtete Dunkel ist
>lau, Darin besteht das „Urphänomen“” der
“arben. Goethe versteht darunter die Erscheinung
les Objektes in seiner einfachsten Form. „Man
suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst
sind die Lehre‘, warnt er in den „Sprüchen in Prosa",
Schopenhauer, der zweite große neue
Theoretiker der Farbe, geht auf Goethes Spuren
zinen Schritt weiter. Zwar sucht er auch nichts
ıinter den Phänomenen, wohl aber vor ihnen. Er
seht nämlich von dem zu beobachtenden Gegenstande
ınüber zu dem wahrnehmenden Subjekte. Für ihn
jesteht die Farbe in der geteilten Tätigkeit unserer
Netzhaut, und entsprechend der Gradation des
Hellen und des Dunkeln definiert er die Farbe als
die „qualitativ geteilte Tätigkeit der Retina”, Wir
können sagen, Goethe hat versucht die Farbe ph ysisch
 zu erklären, Schopenhauer erklärt sie
physiologisch.
Unsere Zeit wählt ein Drittes, Sie stellt
sich psychologisch ein, Auch Goethe stellt
sich oft psychologisch ein, seine Erklärungen der
»inzelnen Farbwirkungen auf unser Gemüt sind heute
noch von klassischem Wert. Aber erst spätere
Philosophen, in neuester Zeit Emil Utitz, haben das
psychologische Moment in der Farbe systematisch
behandelt,
Heute liegt ein Buch vor mir, von Walter
Koch, erschienen im Verlage von Carl Marhold,
Halle, genannt die „Psychologische Farbenlehre“,
 Es zählt als Inhalt auf: die Farben in
ler Natur, Licht und Farbe, Farbenästhetik, dann
»inzelne Farben, spricht weiter von Farbensymbolik,
zon den Farben in der Kunst, in der Poesie und
            
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