176 zwar ihre Ursache in der Bühnenverkörperung der dramatischen Dichtung, wurde aber dennoch erkenntnistheoretisch irrigerweise als Problem sowohl der Dichtung selbst wie auch der Bühne behandelt. Trotz ihrer physischen Wirklichkeit und sinnlichen Wahrnehmbarkeit ist auch die Bühne Mimesis ebenso wie die rein in der Vorstellung lebende epische Welt —■ eine Ersatz- Mimesis gewiß, die nicht als Teil der Dichtung selbst ihre Existenzweise hat, sondern ihr bloß dient. Die paradoxe Problematik der Bühne und ihres Verhält ­ nisses zur dramatischen Dichtung besteht aber gerade darin, daß sie anderseits eben deshalb auch auf die dichterische Struktur des Dramas einwirkt, weil sie als bloß wahrnehmbare Mimesis dichterische Gestalten fordert, die sich selbst darzustellen vermögen, aus der Vorstellungswelt der Dichtung in die wie im ­ mer mimetische Wahrnehmungswelt der Bühne übertreten können. Die Probleme aber, die sich aus dieser erkenntnistheoretischen Betrachtung der beiden Arten der fiktionalen Gattung ergeben, machen es möglich ja nötig, auch ihre dritte, wenn auch nicht voll legitime Art, den Film, einer Analyse zu unterziehen. Die filmische Fiktion Im Rahmen einer Logik der Dichtung auch dem Film Beachtung zu schen ­ ken, scheint auf den ersten Blick nicht recht am Platze zu sein. Die Photo ­ graphie, die Technik also, der der Film seine Existenz verdankt, scheint im Bereiche der sprachlichen Kunstwerke keinen legitimen Ort zu haben, ja ge ­ rade das Problem der Logik der Dichtung, das in der Sprachstruktur der Dichtung fundiert ist, keine Gültigkeit für den Film zu besitzen. Wie aber auch die Logik des Dramas sich erst ganz durch die Einbeziehung seiner Struktur als Theater-, als Bühnenstück und damit der Phänomenologie der Bühne erhellt und erfüllt, beeinträchtigt auch der technische Faktor des Films seine Existenz als fiktionale und damit literarische Form nicht; und es wird sich denn auch zeigen, daß diese nicht nur trotz des technisch photographischen Faktors, sondern um seinetwillen eine bestimmte logische Struktur aufweist. Aber der photographische Faktor ist anderseits freilich auch die Ursache dafür, daß die Logik des Films verwickelter ist als die des Dramas und die der Erzählung; und zwar deshalb, weil sie um dieses Faktors willen sozusagen nicht ganz autochthon ist, sondern nur in Bezugnahme auf die beiden anderen literarisch >echten< fiktionalen Formen sich herstellt.