231 Gestalt nur zur Stimme, zu einer Stimme im Chore der anderen oder der Stimmungssymphonie des ganzen Romans. Dies aber bedeutet nun für die Phänomenologie eines solchen >lyrisch-musikalischen< Romans, daß die Ein ­ heit der Struktur gebrochen wird. Da wir die gesungenen, genauer als ge ­ sungen erzählten Lieder nicht mit der jeweiligen fiktiven Gestalt in einen sinnvollen Zusammenhang bringen können, sie nicht, wie die Meister-Lieder, zu ihrer Gestaltung beitragen, erleben wir ihr jeweiliges lyrisches Ich als gesondert. Das lyrische und das fiktionale Erlebnis dieser Romane bricht auseinander. Denn da es trotz allem Romane sind, die eine fiktive Menschen ­ kind Ereigniswelt aufbauen, können wir keineswegs ohne weiteres beide Elemente zusammen auf eine gemeinsame Stimmungsebene projizieren. Sondern wir nehmen sozusagen immer wieder verwundert Kenntnis von der Unverbundenheit, in der diese Elemente nebeneinander stehen, und das heißt für die Struktur der Fiktion: der Unberührtheit der Romanfiguren von ihren eigenen Liedern, ihrer eigenen >musikalischen< Existenz. Die Meister- Lieder erfüllen im fiktiven Raume ganz und gar die existentielle Wesenheit des lyrischen Gedichtes, die Eichendorff-Lieder stehen in ihrem je eigenen lyrischen, nicht-fiktiven kleinen Raum im großen fiktiven Raume des Ro ­ mans, ohne mit diesem zu verschmelzen. Sie zeigen daher vom logischen Gesichtspunkt mehr vom Wesen des lyrischen Gedichts als die Wilhelm- Meister-Lieder: nämlich als zugehörig zu einem kategorial von der Fiktion getrennten Erlebnis- und Sprachgebiet 168 “. Und es ist nur das Symptom dieses ihres Verhaltens, daß sie in der Gedichtsammlung Eichendorffs einen min ­ destens ebenso legitimen wenn nicht legitimeren Ort haben als in den Ro ­ manen. Damit soll nicht behauptet werden, daß man dort ohne sie auskäme, sondern umgekehrt ist gerade — wie auch vielfach geschehen ist — dieser Um ­ stand für die ästhetische Analyse der Romane fruchtbar zu machen. Die Grundzüge der Logik und Phänomenologie der beiden Grundgattungen oder -kategorien, in die das Gebiet der Dichtung zerfällt, sind herausgestellt worden. Während die fiktionale Gattung dank der Verschiedenartigkeit ihrer Darstellungsmittel und der mimetischen Funktionsarten sich aus mehreren Erscheinungsformen zusammensetzt, ist die lyrische Gattung nicht differen ­ ziert. Denn nur dort erleben wir ein echtes lyrisches Phänomen, wo wir ein echtes lyrisches Ich erleben, ein echtes Aussagesubjekt, das der Garant für den Wirklichkeitscharakter der lyrischen Aussage ist, ob dieses Ich sich als 168a Zu der ganz andersartigen Struktur der Gedichteinlagen in Hermann Brochs »Schlaf ­ wandler« vgl. Dorrit Cohn, The Sleepwalkers, The Hague — Paris 1966, S. 103 ff.