233 DIE SONDERFORMEN Die Ballade und ihr Verhältnis zu Bild- und Rollengedicht Die Sonderform der Ballade als einer episch-fiktionalen Dichtungsart im lyrischen Raum eröffnet sich nicht unmittelbar. Das Phänomen, das sie darbietet, erfährt seine Begründung und systematische Genesis erst, wenn wir das Stück des lyrischen Raums, in dem sie ihren Platz gefunden hat, genauer untersuchen. Dabei aber soll der Begriff des Lyrischen in der stringenten Bedeutung gültig sein, die wir als seinen kategorialen Unterschied von der Fiktion entwickelt haben: als Dichtungsart im Raum des Erlebnisfeldes eines echten Aussage ­ subjekts. Halten wir dies als Ausgangspunkt fest, können wir beobachten, daß das lyrische Erlebnisfeld Elemente enthalten kann, denen die Tendenz zur fiktionalen Ausgestaltung und damit zur strukturellen Loslösung aus dem lyrischen Aussageraum bereits innewohnt. Welcher Art sind diese Elemente oder, worauf es hier ankommt, diese Objekte der lyrischen Aussage ? Es müssen solche Objekte sein, die ihrer Natur nach dem existentiellen Zen ­ trum des Subjektpoles ferner stehen als andere, dazu aber solche, die nicht ideeller, sondern gestalthafter Art sind. Denn auch ideelle Objekte können rela ­ tiv weit vom Subjektpol entfernt sein, etwa die eines Lehrgedichts oder Epi ­ gramms, oder auch bestimmte Gehalte philosophischer Gedichte. Das Stück des lyrischen Aussagegebietes aber, in dem schließlich auch noch die Ballade anzutreffen ist, ist nicht von gedanklichen, sondern von gestalthaften Aussage ­ objekten besetzt. Und die Gedichtarten, die aus diesem Grunde nicht nur in systematischer, sondern auch in historisch-genetischer Hinsicht ihren Ort in der Nähe der Ballade haben, sind das Bildgedicht und, wenn auch auf eine ambivalentere Weise, das Rollengedicht. Mit dem Begriffe der Gestalt ist in Hinblick auf die Struktur der lyrischen Aussage ein Doppeltes angegeben. Sie ist erstens ein Objekt, demgegenüber das Ich sich mehr schauend-beschreibend als fühlend verhält. Zum anderen aber ist die Gestalt ein Objekt von besonders beweglicher oder auch mehr ­ schichtiger Beschaffenheit. Der Begriff der Gestalt gehört in den Bereich der Kunst, nicht in den der Natur oder des menschlichen Lebens. Und er meint in