9 Der Vorsitzende weist auf das in der letzten Sitzung un ­ erledigt gebliebene Kapitel III. über Größe der Kanäle bezw. Annahme' der Rcgenhöhe hin. Die Kommission habe deßhalb noch einmal eine Sitzung zur Berathung über diesen Kardinal ­ punkt gehabt, über dessen Beantwortung nun eine neue Fassung vorliege. Herr Baurath Kaiser berichtet, daß der größte Theil der Kommission sich mit den von Gordon vorgeschlagenen Regen ­ höhen mit geringen Abweichungen einverstanden erklärt habe. Die neue Fassung lautet hienach: „Von größter Wichtigkeit ist eine möglichst richtige An ­ gabe der Rcgenhöhe, weil davon die Größe der Kanäle und somit auch die Kosten derselben abhängen. Wollte man die Größe der Kanäle so bemessen, daß dieselben auch die größten vorkommenden Gewitterregen, welche sich möglicherweise auf das ganze Niederschlagsgebiet ausdehnen, abzuführen im Stande wären, so würden die ­ selben viel zu große Dimensionen erhalten. Zur Vermeidung der Anlage solch übermäßig großer Kanalbauten und der daraus hervorgehenden bedeutenden KostciHat nun Gordon vorgeschlagen, an geeigneten Punkten Regenauslässe anzubringen, welche bei heftigen Gewitterregen dasjenige Wasscrquantum, welches die Kanäle nicht mehr fassen können, auf dem kürzesten Wege nach dem Nesenbache abführen, wodurch die Kanäle beliebig entlastet werden. Eine solche Entlastung mittelst Rcgcnauslässcn ist jedoch bei dem Vogelsangdistrikt nicht möglich, daher Gordon für dieses Gebiet eine besondere Regenhöhe angenommen hat. Gordon hat nun die Größe der Hauptanslaßkanäle so bemessen, daß dieselben im Stande sind, das Brauchwasser sowie das Wasser kleinerer Regen abzuführen. Mit den von Gordon zur Bestimmung der Größe der Kanäle aufgestellten Prinzipien erklärt sich die Kommission einverstanden, zugleich aber möchte sie nicht unerwähnt lassen, daß es eine gewagte Sache ist, sich ganz bestimmt für An ­ nahme von gewissen Regcnhöhen auszusprechen, weil die in früherer Zeit gemachten Beobachtungen (wie auch Gordon auf S. 41 seines Berichtes erwähnt) nicht mit der zu diesem Zwecke erforderlichen Genauigkeit, d. h. nicht in der Weise angestellt wurden, daß die Dauer und Menge der einzelnen Regenfälle besonders aufgezeichnet worden sind, sondern ge ­ wöhnlich nur für einen Äeobachtungstag die Niederschläge gemessen wurden. Es dürfte sich deshalb empfehlen, in Zukunft öftere und genaue Beobachtungen über die Höhe und Zeitdauer der ge ­ fallenen Regenmengen anzustellen, wie dies bereits von Prof. vr. Schober geschieht. Gleichzeitig mit diesen Beobachtungen sollten Messungen in den vorhandenen Wasserläufcn an hiezu geeigneten Stellen über Geschwindigkeit und Durchflußprofil vorgenommen wer ­ den, um daraus die abgelaufene Wassermenge bezw. den zum gleichzeitigen Abfluß gelangenden Procentsatz des Gesammt- niederschlags berechnen zu können. Um nun einen einfachen Maßstab über Regenhöhe und Zeit des Abflusses für die nachstehenden Berechnungen zu erhalten, halte es die Kom ­ mission für angemessen, die Wassermenge einzuführen, welche binnen einer Sekunde auf eine Fläche von I Million Öl Meter oder 1 QSilm. fällt, und sie glaubt die in Frage 4 enthal ­ tenen Punkte folgendermaßen beantworten zu sollen: ad a. Die von Gordon zur Bestimmung der Hauptauslaß- kanäle vorgeschlagene Regenhöhe von 1,25 mm. pr. Std., welche diese außer dem Verbrauchswasser abführen sollen, hält die Kommission für genügend. Dieser Regenhöhe entspricht das von 1 Million HjMeter pro Sekunde abfließende Wasserquantum von 0,347 Kbm. ad b. Die für die Hauptkanäle des südöstlichen obern Systems angenommene Regenhöhe von 6 mm. pro Stunde oder die von IlllKlm. pro Sekunde abfließende Wassermenge von 1,65 Kbm. wird von der Kommission ebenfalls ge ­ billigt. ad c. Für den Vogelsangdistrikt, glaubt die Kommission, dürfte die Regenhöhe von 4,5 mm. pr. St. oder der Abfluß von 1,25 Kbm. pro Sekunde und pro 1 Ol Klm. wohl auf 1,5 Kbm. erhöht werden, da dieses Gebiet wie schon erwähnt, nicht entlastet werden kann und durch Annahme einer größeren Regenmenge bezw. Anlage größerer Kanäle jedenfalls Uebcrschwemmungen viel seltener vor ­ kommen werden. ad d. Mit der Annahme, daß das zu gleicher Zeit zur Ab ­ führung gelangende Wafserquantum nur 27 */ 2 pCt. des Gesammtniedcrschlags betrage, kann die Kommission sich insoweit einverstanden erklären, als es sich hiebei um heftige Regen handelt, welche jedoch meist nur kurze Zeit dauern und sich auf ein größeres Gebiet aus ­ dehnen. Daß die Annahme eines gleichzeitigen Abflusses von 27.5 pCt. des Gesammtniederschlags mit der Wirklichkeit ziemlich übereinstimmt, zeigen die von Herrn Oberbaurath v. Egle und von Herrn Prof. vr. Schober am 23. Juni 1873 zu gleicher Zeit gemachten Beobachtungen. Letzterer beobachtete eine Regenhöhe von 19,5 mm. pro Stunde, während der Erstere mehrere Querprofile der Strecke des Nesenbachs zwischen dein zuletzt überwölbten Theile des ­ selben beim Rondel der Ncckarstraße und zwischen einem Punkte unterhalb der Brücke an der Retraitestraße zu gleicher Zeit aufnehmen ließ. Das Regengebiet des Nesenbachs an dem obern Punkte beträgt ca. 22 OKlm., abgeflossen ist eine Wassermenge von 32 Kbm. pro Sekunde; die hiezu nöthige Rcgenhöhe be ­ trägt daher pro Stunde 5,256 mm.; die beobachtete ist 19.5 mm., d. h. es sind 27,6 pCt. des beobachteten Nieder ­ schlags zum gleichzeitigen Abfluß gekommen. Im Allgemeinen wird bei kurzen Kanalstrecken oder bei lang anhaltenden Regen dieser Procentsatz von 27,6 pCt. wohl zu gering bemessen sein; doch ist in letzterem Falle die Annahme eines Procentsatzes auch nicht von besonderem Werth, da die Kanäle die kleinen Regen vollständig und mit Leich ­ tigkeit abführen können. Für Nebenkanäle, deren Areal größtenteils in bebautes Terrain fällt, glaubt die Kommission, mit Rücksicht auf größere Niederschläge, wie sie auch schon vorgekommen sind, mindestens die von Schober beobachtete Regenhöhe von 19,5 mm. pro Stunde zu Grunde legen zu sollen, wovon aber 60 pCt. zum gleichzeitigen Abfluß gelangen. Dies gäbe einen Zufluß von 3,2 Kbm. pro Sekunde von 1 lüKlm. oder rund 3,5 Kbm. Durch Zugrundlegung dieser Rcgenhöhen bei Bestimmung der Kanaldimensionen und durch Anbringung von Regenaus ­ lässen ist jedenfalls dafür gesorgt, daß die Kanäle auch die Wassermassen der größeren Gewitterregen abführen können, ohne eine Ueberlastung befürchten zu müssen. Hiedurch ist aber nicht ausgeschlossen, daß auch in größeren Zeitabschnitten wie beispielsweise in den Jahren 1824 und 1851 ganz außerordentliche Niederschläge eintreten können, welche einzelne Kanäle nicht im Stande sein werden, zu gleicher Zeit vollständig abzuführen; es ist möglich, daß dann kleinere Ueberschwemmungen vorkommen können, welche aber nur kurze Zeit anhalten und erheblichen Schaden nicht anrichten werden, da solche Ueberfüllungcn meist nur in den Sammelkanälen der unteren Gebiete eintreten würden. Würden sich für einzelne Hauptkanäle bei der obigen Berechnung zu kleine Dimensionen ergeben, so ist in solchen Fällen nicht außer Acht zu lassen, daß dieselben wenigstens die zum Begehen nothwendigen Dimensionen haben müssen." Die Versammlung erklärt sich mit der neuen Fassung ein ­ verstanden. Es wird nun, da die Fragen 5, 6 und 7 schon in letzter Versammlung zpr Berathung kamen, zu Abschnitt IV, „Be ­ schreibung baulicher Details" übergegangen. Die Beantwortung Seitens der Commission der Fragen 8 und 9 bezüglich der Spülvorrichtungen und bezüglich der Einsteigschächte wird von der Versammlung gebilligt.