— 8 — man noch unter der großen Glocke durchgehen kaun (freie Höhe 1,70 m). Der Glockenstuhl konnte hiedurch stabiler und leichter kon ­ struiert werden. Derselbe ist zunächst zur Aufnahme von 7 Glocken bestimmt, wovon 2 größere ä 3500 und 5000 kg in der Mitte, ferner 5 kleinere von 350—1500 kg Gewicht auf den Seiten an ­ gebracht sind; wenn nötig, kann noch eine weitere Glocke eingehängt werden. Die Träger des Glockeustuhles bestehen aus Fachwerk mit Kreuz streben, welche in allen Knotenpunkten durch Träger unterstützt sind, die auf den Böcken aufliegen, und zwar derart, daß jedem I-Tröger ein Knotenpunkt des Bockes entspricht. Die mittleren Träger treffen direkt auf die beiden mittleren Böcke, die beiden äußeren aber liegen zwischen den äußeren Böcken, die Unterzüge sind somit hier auf relative Festigkeit in Anspruch genommen. Eine seit ­ liche Verstrebung der Glockenstuhlträger erfolgt an den Enden und von der Außenseite her. In der Mitte konnte solche nur in be ­ schränktem Maße angebracht werden, da das Ausschwingen der Glocken und der Glockenklöppel nicht gehindert werden durfte. Die Gurtungen der Träger sind nur sehr wenig in Anspruch genommen, da die großen Glocken direkt auf den Vertikalständern sitzen und nur die kleinen Glocken etwas auf die Seite gerückt werden mußten, weil auf den schmalen Gurtungen nicht Raum für 2 Lager nebeneinander vorhanden ist. Die obere Gurtung ist hiedurch teilweise auf relative Festigkeit beansprucht, sonst treten fast keine Kräfte in derselben auf. Die untere Gurtung hat nur Horizontal ­ kräfte auszuhalten, außer wenn Glocken hin und her zu schaffen sind, wobei geringe Beanspruchung auf relative Festigkeit erfolgt. Trotz der geringen Beanspruchung sind die Gurtungen sehr kräftig gehalten (als H-Träger) namentlich auch mit Rücksicht auf seitliche Stabilität, die teilweise nur durch deren horizontales Wider ­ standsmoment gewährleistet ist. Die Kreuz streben haben die Horizontalkraft aufzunehmen, es sind dieselben druck fähig angeordnet, damit beim Schwingen der Glocken stets beide Streben in Wirksamkeit treten. Da die Glocken in die Seitenfelder von der Aufzugsöffnung aus durch die Glockenträger geschafft werden müssen, sind die Streben zum Heraus ­ nehmen eingerichtet und deshalb mit Schrauben befestigt, während die übrigen Konstruktionsteile vernietet sind. Die Höhe des Auf- häugepunktes der Glocken beträgt 59,9 m über dem Kirchenboden. Da beim Schwingen der Glocken die Böcke sehr ungleich durch Horizontalkräfte in Anspruch genommen sind, so sind wechselnde Be ­ wegungen derselben zu befürchten, was eine Verdrehung der Bock ­ pyramide hervorrufen könnte. Es ist deshalb der obere Boden mit kräftiger Kreuzverstrebung versehen worden, welche diese Hori ­ zontalkräfte gleichmäßig auf die 4 Bockgerüste verteilt. Die Horizontal ­ kraft muß durch die Unterzüge des Glockenstuhls auf die Böcke über ­ tragen werden, welche hiedurch umgeworfen werden könnten. Die Unterzüge sind deshalb durch kräftige Konsolen mit dem Obergurt der Böcke verbunden worden. Die Beanspruchung des Eisenwerks ist im allgemeinen sehr gering bemessen, namentlich für diejenigen Teile, welche rasch wechselnden Kräften (infolge des Läutens der Glocken) ausgesetzt sind. Für letztere sind etwa 600 kg pro qcm für Druck und Zug und 350 kg für die Vernietung und Verschraubung gerechnet. Nur für diejenigen Teile des Bodens, welche durch Aufstellung von schweren Gegen ­ ständen (Glocken und Baumaterial) ab und zu stark in Anspruch ge ­ nommen sein können, sind höhere Koeffizienten bis ca. 1000 kg pro qcm gewählt, was unbedenklich erscheint, da derartige Be ­ lastungen sehr selten vorkommen werden. Was schließlich die neuen 7 Glocken selbst anbelangt, so soll gelegentlich der Herstellung des eisernen Dachstuhls auch eine Ver ­ besserung des Geläutes überhaupt erreicht werden, über die, soviel mir bekannt, noch nicht definitiv entschieden ist. Das Umgießen einiger der alten Glocken und die neue Aufhängung derselben wird durch Glockengießer Kurtz in Stuttgart ausgeführt, das Eisengerüst ist von der Maschinenfabrik Edmund Mayer L Co. in Ulm über ­ nommen worden zum Preise von 36 JL. pro 100 kg, die Ober ­ leitung der ganzen Arbeit liegt in Händen des Münsterbaumeisters Professor Beyer. Die Aufhängung der alten Glocken geschah seither mittelst sogenannter Stockfedern, wobei der Glockenzapfen auf einem hohen vertikalen Pendel rollt und seitlich durch ebensolche Pendel mit horizontaler Achse gehalten ist. Wenn die seitlichen Pendel sich nach und nach auslaufen, so entstehen beim Läuten heftige Stöße; die alten Achsen sind hiedurch mehrfach ausgelaufen und beschädigt. Die neueren Aufhängevorrichtungen geschehen nach dem System des Glockengießers Kurtz in Stultgart, welches Aehnlichkeit mit dem System Ritter hat: die Drehachse der Glocken trägt je am Ende einen kleinen Sektor, der auf einer flachen, nach oben gekrümmten Fläche rollt, ein seitlich angebrachter Zahnkranz verhindert das Abgleiten; außer rollender Reibung sind keine Widerstände vorhanden. Beim Ritter'schen Aufhängesystem ist ein solcher Sektor ebenfalls vorhanden. Der Hauptunterschied zwischen beiden Auf ­ hängesystemen besteht aber darin, daß bei der Kurtz'scher Aufhängung der augenblickliche Drehpunkt der Glocke über dem Glockenscheitel und höher liegt, als der Drehpunkt des Klöppels, während bei Ritter umgekehrt der Drehpunkt des Klöppels höher hängt als derjenige der Glocke, ferner liegt der Drehpunkt der Glocke unter dem Glocken ­ scheitel. Bei Kurtz folgt deshalb der Klöppel der Glocke und trifft den Schlagring beim Vorwärtsschwingen beider, während bei Ritter die Glocke beim Rückwärtsbewegen den Klöppel trifft. Daher bei Kmtz allmälig er, sanfter, bei Ritter viel härterer Anschlag. In ­ folge der tiefen Lage des Drehpunktes bei Ritter'scher Aufhängung beschreibt die Glocke einen kleineren Bogen und hat kleineres Träg- heitsnwment, als bei der gewählten Aufhängung, nimmt daher weniger Raum in Anspruch und übt geringeren Horizontalschub aus, aber, wie erwähnt, der Ton ist weniger weich. Bei der Aufhängung von Pozdech ist der Sektor durch eine Schneide ersetzt, die Wirkung ist dieselbe, wie bei der Ritter'schen Aufhängung. Bei der Massigkeit der Umfangsmauern kommt die vermehrte Horizontalwirkung der Glocken, welche bei Kurtz'scher Aufhängung entsteht, nicht in Betracht. Zum Schluß sei noch bemerkt, daß das Gesamtgewicht des Glockenstuhles nebst Unterbau zu 73 770 kg Flußeisen (und Guß ­ eisen) sich berechnet und daß die Gesamtkosten incl. Beton, Plätt ­ chen und Dielenbelag, jedoch excl. Umarbeitung und Aufstellung der Glocken und der Maurerarbeit für die Auflager, sich auf ca. 29 500 M. berechnet. Anme rkung der Redaktion. Der Aussatz in Heft 10 (1897) „Die Freilegung der Eßlinger Frauen-Kirche" ist mit Bewilligung des Verfassers der Süddeutschen Bauzeitung entnommen. Deravogegrden vom Würitrmd. ffirrjiti für iöanknnde. Mr denselben: Vderbanrat a.B. v. iör° ckman n. — Druck von Alfred Müller St Co. — Verlag von 3. weise'- Hofduchhandlung, sämtlich in Ltnttgarl.