10 Hierauf ergriff der Vereinsvorstand das Wort zu folgender Ansprache an den Jubilar: „Hochgeehrter Herr Präsident! Nur wenige Tage noch trennen Sie vom vollendeten 80. Lebensjahr. Der Verein für Baukunde, dem Sie von seinen ersten Anfängen an angehören, und mit dem Sie durch das ihm und seinen Bestrebungen entgegengebrachte In ­ teresse eng verwachsen sind, der Sie mit Stolz den seinigen nennt, durfte sich wohl berufen fühlen, bei diesem Lebensabschnitt unter den ersten Sie zu beglückwünschen. Es gereicht dem Verein zu großer Freude, daß Sie seiner Einladung gefolgt und heute in seiner Mitte erschienen sind. Die große Zahl der heute Versammelten mag Ihnen Zeugnis davon ablegen, wie allgemein die Verehrung ist, die die Mitglieder Ihnen entgegenbringen. — Mit seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische ist e8 Ihnen vergönnt, auf ein an Erfolgen, aber auch an opferwilliger Arbeit reiches Leben zurückzublicken. Nach beendeten Studien in Stuttgart und München und ab ­ gelegter Staatsdienstprüfung haben Sie Ihre Laufbahn im württem- bergischen Staatsdienst im Jahre 1842 zunächst im Hochbauwesen angetreten, sind aber nach drei Jahren mit dem Beginn des Eisen ­ bahnbaues in unserem Heimatlande zu diesem übergegangen, und haben diesem Zweig des Bauwesens mit einer kurzen Unterbrechung nahezu 50 Jahre lang Ihre Thätigkeit gewidmet, 20 Jahre als Bauamtsvorstand und beinahe 30 Jahre lang als Mitglied des Kollegiums der Eisenbahnbaukommission und der Bauabteilung der Generaldirektion der Staatseisenbahnen. Nicht weniger als 326 Um, nahezu ein Fünftel des Württembergischen Eisenbahnnetzes, sind unter Ihrer Leitung als Oberingenieur gebaut worden. Im Oktober 1891 wurde Ihrer Wirksamkeit durch Beförderung zum Vorstand der Bauabteilung der Generaldirektion der Staats- cisenbahnen die verdiente Anerkennung gezollt. Es war diese Er ­ nennung nicht nur ein bedeutender Erfolg für Ihre Person, sie war zugleich ein Ereignis für die Technikerschaft in Württemberg. War es doch nach langem Zwischenraum das erstemal, daß ein Techniker wieder diese hervorragende Stellung bekleidete; möge der Weg zu derselben immer dem Techniker offen bleiben! Preisen schon Ihre Werke selbst Ihre Wirksamkeit, so wurde dieselbe auch seitens Sr. Majestät des Königs, der Fürsten unserer Nachbarreiche und des Kaisers ausgezeichnet, wie Ihnen denn auch bei Ihrem mit 51Dienstjahren erfolgten Uebergang in den Ruhe ­ stand der Titel eines Präsidenten verliehen wurde. Neben Ihrem eigentlichen Amte haben Sie noch zahlreiche Obliegenheiten übernommen; Sie waren Mitglied des Verwaltungs ­ rats der Gotthardbahn, Beirat der Forstdirektion und sind heute noch Mitglied des Konservatoriums und der Staatssammlung vaterländi ­ scher Kunst- und Altertumsdenkmale zur Beratung des Konservators in Restaurationssachen. Mit besonderer Hingebung haben Sic sich einst einem Lehr ­ auftrag über die gesamte Baukunde an der Landesuniversität Tübingen gewidmet, für den Sie ein eigenes Hilfsbuch mit zahlreichen Tafeln bearbeiteten. Auch die seinerzeit viel verbreitete „Anleitung zur Veranschlagung von Bauarbeiten, von einem praktischen Architekten" war Ihr Werk. Hochgeschätzt zu einer Zeit, wo in dieser Hinsicht die Literatur noch sehr arm war. Wie schon eingangs erwähnt, gehören Sie unserem Verein seit seinen Gründungsjahren an. Zwölf Jahre — von 1873 bis 1885 — haben Sie denselben als Vorstand geleitet und diese zwölf Jahre sind als eine Periode bedeutenden Aufschwungs den meisten von uns noch in lebhaftester Erinnerung. Die Hingebung, mit welcher Sie den Vorstandspflichten nachgekommen sind, kann für jeden späteren Vorstand vorbildlich sein. Ihre vielen und großen Verdienste um den Verein hat er durch Ihre Ernennung zum Ehrenmitglied anerkannt. — Die Mitgliederzahl ist in dieser Zeit von 127 auf 267 gestiegen. Ihre vielseitige Thätigkeit im Verein schildern zu wollen, würde den Umfang einer Ansprache überschreiten, — doch möchte ich nicht versäumen, daran zu erinnern, zu welch schönem Feste Sie das 40 jährige Stiftungsfest zu gestalten verstanden. In wiederholten Ausstellungen haben Sie dem weiteren Pu ­ blikum einen Einblick in die Thätigkeit des Technikers verschafft, so namentlich in derjenigen vom Mai 1877, welche sich an Ihren inhaltsreichen und hochinteressanten Vortrag über die Entwicklung des Eisenbahnwesens in Württemberg anschloß. Die Krone haben Sie Ihrer Vorstandsthätigkeit aufgesetzt mit den Vorbereitungen und der Leitung der VI. Generalversammlung des Verbandes deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine im August 1884. Wer mit auswärtigen Kollegen zusammentrifft, wird immer bestätigt hören, daß die Stuttgarter Versammlung noch von keiner späteren übertroffen worden sei. Wer daran teilgenommen hat, be ­ wahrt Ihnen eine dankbare Erinnerung. — Und nun noch einige Worte über Ihr erfolgreiches Mitwirken bei den Bestrebungen um Besserung der Standesverhältnisse der Tech ­ niker. In dieser Hinsicht haben Sie nicht nur als Vereinsmitglied Ihre Thätigkeit entfaltet, auch Ihre Eigenschaft als Landtagsabge ­ ordneter gab Ihnen Gelegenheit, für Ihre Berufsgenossen zu wirken. Die Gleichstellung der Bauinspektoren mit den übrigen Bezirks ­ beamten war einst erreicht, leider ist mit dem Beamtengesetz von 1876 hievon wieder abgebröckelt worden, doch ist zu hoffen, daß mit der Zeit das früher Erreichte wieder gewonnen werde. Durch die Schaffung der definitiven Stellen für technische Expeditoren wurde einem lange gehegten Wunsch des Vereins Rechnung getragen, und bei den Be ­ stimmungen über Ausbildungsgang und Prüfungen hat der Verein mit seinem Rate mitgewirkt. So ist unter Ihrer Mitwirkung und Führung manches erreicht; vieles ist noch zu erstreben, und wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen. So wie Sie die Fahne des ganzen Standes stets hochgehalten und für sein Ansehen gewirkt haben, so sind Sie auch in echter Kol ­ legialität dem Einzelnen entgegengekommen. DaS soll heute noch ganz besonders dankbar anerkannt werden. Darin können wir alle nur von Ihnen lernen! Meine Herren! Schließen wir den Ausdruck unseres Dankes für alles, was Herr Präsident von Schlierholz uns Technikern, was er unserem Verein gewesen ist, schließen wir unsere Wünsche für sein ferneres Wohlergehen zusammen in den Ruf: Präsident von Schlierholz lebe hoch!" Hierauf dankte der Jubilar tief gerührt wie folgt: „Sehr verehrte Herren Kollegen! Hocherfreut bin ich Ihrer liebenswürdigen Einladung zu der Feier meines demnächst mit Gottes Gnade zurückgelegten 80. Lebensjahres gefolgt. Unser verehrter Herr Vorstand hat in seiner Begrüßung, An ­ sprache und Trinkspruch so viel Ehrendes und Ausgezeichnetes über meine lange und vielseitige Berufs- und Vereinsthätigkeit erwähnt und mir Glückwünsche dargebracht, in die Sie so warm einstimmten. Tief ergriffen danke ich herzlichst für all diese Huldigungen in dem Bewußtsein, daß bei meinen Leistungen viele meiner Amts- und Vereinsgenossen, auch manche unter Ihnen, mitwirkten und teil an den mir gewordenen Anerkennungen haben. Ich bin stolz darauf, seit dem Bestehen des Vereins, innerhalb 55 Jahren demselben anzugehören, während welcher Zeit ich die Ehre hatte, 8 Jahre als Vizevorstand und 12 Jahre als Vorstand bei treuer arbeitsvoller Unterstützung so mancher Mitglieder, zur Voll ­ ziehung vieler wichtiger Arbeiten nach Kräften zu arbeiten und jeder ­ zeit mitzuwirken, wobei ich auch über das Vereinsleben der württ. höheren Bautechniker bei Gelegenheit des 40. Sttftungsfestes 1883 von 1830 an eine Uebersicht gegeben habe, die der Herr Kollege v. Hänel beim 50. Jahresfest 1893 als damaliger Vereinsvorstand wiederholte und vervollständigte, was ich für die jüngeren Herren Kol ­ legen, als manch Wertvolles enthaltend, nicht unerwähnt lassen möchte. Für all meine Vereinsthätigkeit ist mir zu verschiedenen Zeiten reiche Anerkennung geworden; beim 40. Stiftungsfeste durch die Stiftnng des hier auf dem Tische stehenden Vereinspokales mit einer anerkennenden Inschrift, meine damalige 10jährige Vorstandschaft be ­ treffend, 1884 bei der unter meinem Präsidium hier abgehaltenen VI. Generalversammlung deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine,