42 Dir Wasserversorgung und die Kanalisation -er Stadt Psorcheim Vortrag, gehalten am 7. Mai 1898, von Prof. vr. Lueger. Die Stadt Pforzheim bezicht seit 1875 ein sehr klares, frisches Wasser aus der im Grösselthale (Württemberg) gelegenen Quelle, das von der Einwohnerschaft nicht nur dieser Eigenschaften wegen, sondern auch wegen seiner großen Weichheit (ca. 2 deutsche Härtegrade) sehr hoch geschätzt wird. Die Ergiebigkeit dieser Quellen geht aber in trockenen Zeiten — leider gerade dann, wenn der Bedarf am größten ist — auf ca. 20 Sekundenliter zurück, während sie im Frühjahr und Herbst häufig 100 Sekundenliter und mehr zu liefern vermögen. Die Einwohnerschaft Pforzheims ist auf ca. 35000 angekommen; da sie fortwährend zunimmt, mußten andere Wasserbezugsquellen auf ­ gesucht werden. In der badischen Umgebung der Stadt finden sich keine Quellen von irgend welchem Belang, wohl aber in der Württem ­ bergischen, welche letztere jedoch nicht in Betracht kommen können, da deren Ableitung kaum gestattet werden dürfte (Quellen der Enz, der Würm rc.). Dem Vortragenden wurde deshalb der Auftrag, Wasser zu erschließen, wenn möglich recht weiches. Das letztere war aber nicht auffindbar, da alle Bohrungen im oberen Enzthal und im Würmthal nur solche Schichten des Buntsandsteins durch ­ setzten, die wenig klüftig und mit sehr thonhaltigem Bindemittel be- j haftet waren. Nur am Fuße des Friedrichsberges gelang es, einen mächtigen, den Infiltrationen im sog. Hagenschieß zu verdankenden Grundwasserstrom auszuschließen. Die Wahrscheinlichkeit, daß hier die zur Ergänzung der Grösselthalwasserleitung erforderlichen 80 Se- knndenliter Wasser gewonnen werden können, wurde durch den vom 25. Februar bis 24. März ununterbrochen Tag und Nacht fortge ­ setzten Pumpversuch zur Gewißheit erhoben. Es ergaben sich aus 6 im Buntsandstein 60—100 m tief abgebohrtcn 200—300 mm weiten Brunnen bei einer mittleren Spiegelsenkung von ca. 4'/» m konstant 92 Sekundenliter; auch ist es wahrscheinlich, daß durch An ­ lage von noch mehr Brunnen östlich des letzten das Quantum erheblich erhöht werden kann. Chemische und bakteriologische Untersuchungen des Wassers, das krystallhell ist und eine konstante Temperatur von 9 ° C. zeigt, waren hygienisch befriedigend. Beanstandet wurde nur von der an das weiche Grösselthalwasser gewöhnten Einwohnerschaft der Härtegrad (ca. 10—14 deutsche Grade), der von der Ueberlagerung des Einzugsgebietes mit Muschelkalk herrührt. Die Enz, welche an der neuen Brunnenanlage vorbeizieht, zeigt nur 6 deutsche Härte ­ grade. Die Bohrlöcher durchtieften im Mittel 6—7 m Alluvien, dann eine verschieden (15—25 m) starke undurchlässige Schichte thonigen Sandsteins und gelangten unterhalb derselben in den klüftigen, thonfreien, wasserführenden Buntsandstein. Mit dem so gewonnenen Wasser kann das Bedürfnis von 50 000 Einwohnern befriedigt werden, ohne die und mit den Grösselthal- quellen. Das von dem Vortragenden aufgestellte Projekt mußte diesen zwei Anforderungen Rechnung tragen, weil, wie bekannt, die Grössel- thalquellen nach den Anschauungen der Hygieniker nicht einwandfrei sind und denselben — nach Ansicht des Vortragenden ohne zureichende Beweise — die Entstehung des Typhus in der Stadt zugeschrieben ivurde. Das in einem aufgelegten Plan verdeutlichte Projekt sieht deshalb die Einrichtung vor, die ganze Stadt von den Bohrlöchern aus versorgen zu können. Es teilt die Stadt in zwei Hochzonen und eine Tiefzone ein, letztere unter Beibehaltung des bestehenden Reservoirs der Grösselthalleitung, während zwei neue Reservoire für die Hochzonen vorgesehen sind. Alle drei Reservoire können im übrigen — dank des groß gewählten Durchmessers der Leitung vom Grösselthale — mit Grösselthalwasser gespeist werden. In trockenen Zeiten dient das letztere nur der Speisung der Hochzonen, für die es ausreicht; in einem Teile des Frühjahres und Herbstes reicht es für die ganze Stadt. Das Wasser aus den neuen Bezugsquellen muß maschinell auf ca. 90 m für die Tiefstadt und ca. 120 m für die Hochstadt gehoben werden. Es ist deshalb der Besitz und der Bestand der Grösselthalleitung von höchstem finanziellen Werte und die Stadt, wenn auch Vorsorge für die gänzliche Ausschaltung dieses Wassers getroffen ist, denkt nicht daran, die alte Bezugsquelle auf ­ zugeben. Der Typhus ist in Pforzheim schon mehrfach aufgetreten, be ­ sonders vor Errichtung der Grösselthalleitung. Der Vortragende sucht die Ursache dieser Krankheit in dem engen Zusammenwohnen vieler Menschen und dem Mangel einer ausreichenden gesunden Ernäh ­ rung bei der arbeitenden Bevölkerung; auch fehlt eine Entwässerung, die das schädliche Schwanken des Grundwassers in den tief gelegenen Stadtteilen verhindert. Nach letzterer Richtung hin will die Stadt durch Ausführung eines von dem Vortragenden generell ausgearbeiteten Kanalisationsprojektes Abhilfe schaffen. Das Projekt ist durch einen aufgelegten Plan verdeutlicht und beabsichtigt, die Uebelstände zu beseitigen, die seither durch Einleitung der Schmutzflüssigkeiten in das zeitweise wenig Wasser führende Flußbett der Enz innerhalb der Stadt besonders im Sommer entstanden sind. Es läßt durch eine Anzahl von Regenauslässen die Hochfluten in die Enz ab, wenn diese selbst viel Wasser führt; im übrigen sollen alle Schmutzwasser bis zu einer Stelle unterhalb des Eutinger Wehres transportiert und dort der Enz übergeben werden, wo letztere, von industriellen Anlagen nicht mehr abgeleitet, ihr volles Wasserquantum das ganze Jahr hindurch führt. Prinzip ist, die Scheitel der Kanäle 2,5—3 m unter Straßenfläche zu legen, um das Grundwasser auf konstantem tiefen Niveau zu halten und die Keller entwässern zu können. Die Regen ­ auslässe sollen erst in Thätigkeit treten, wenn zu dem maximalen Trockcnabflußqnantum mindestens das dreifache an Regenwasser zu ­ getreten ist; in der Regel ist jedoch das Verdünnungsverhältnis größer. Als Maß für die von den Kanälen abzuleitende Regenflut sind angenommen: in den mit mehr oder weniger starken Gefällen begabten Gebieten der Hochstadt 50—75 Liter, in der flachgclegenen Tiefstadt 20—30 Liter pro Hektar und Sekunde, in zwischenliegenben Gebieten entsprechende Uebergangswerte. Die Querschnitte der Kanäle sind so berechnet, daß bei ganzer Füllung derselben jeder mindestens so viel Wasser weiterbefördert, als ihm die rückwärts liegenden zu ­ bringen, so daß auch bei sehr starken Wolkenbrüchen in den Kanälen kein Rückstau stattfindet, sondern nur eine Verzögerung im Abflusse von den Straßenflächen, Höfen rc. sich einstellt, die in solchen selten eintretenden Fällen ganz unbedenklich ist. Bis zu Lichtweiten von 600 mm sind Steinzeugröhren angenommen, die von 400 mm ab zur Sicherung gegen Beschädigung eine 120 mm starke Beton ­ umhüllung erhalten. Alle größeren Kanäle sind aus Beton mit einer Küvette aus Steingut gedacht. Diesbezügliche Zeichnungen setzt der Vortragende in Umlauf. Bei dem in Grundwasser zu verlegenden Hauptkanal von rund 1,8 m Weite und 2800 m Länge wird zunächst ein Drainrohr von 300 mm mittlerer Weite in Steinpackung gelegt; die letztere bildet die Fundamentsohle des Betonkanales. Auf diese in der Regel noch nasse Sohle, werden fertige Betonblöcke gelegt, in welchen die Küvette ausgespart ist, so daß die eigentliche Kanal- betonierung im Trockenen erfolgen kann. Ist sie hergestellt, so ver ­ legt man nachträglich die Küvette aus Steinzeug in ein Zement- Mörtelbett. Steinzeugröhren und Steinzeug-Küoetten sind in Pforzheim unentbehrlich, weil die Abgänge der Goldwarenfabriken teilweise Säuren enthalten. Das ganze Kanalsystem bildet ein Netz, dessen Maschen nur gradlinige Strecken zwischen Einsteigeschachten enthalten, um neben der reichlich vorgesehenen Spülung auch leicht Reinigung von Hand vornehmen zu können. An dem unteren hochwasserfreien Ende des Hauptentivässerungskanals ist eine Reinigungsanlage gedacht, die aber lediglich die Suspensionen des Wassers zurückhält, zu deren Fällung keine Chemikalien, sondern nur Verlangsamung des Ablaufs und grobe Kiesfilter verwendet werden. Dadurch bleibt das in die Enz austretende Wasser unbeschwert und die Rückstände im Klärbecken sind landwirtschaftlich brauchbar; die in dem geklärten Wasser ent ­ haltenen Bakterien hält der Vortragende für viel weniger schädlich, als die das organisierte Leben im Flußwasser zerstörende, bei der