49 innige Zusammenhang mit bet Praxis nicht beeinträchtigt werden darf, und die technischen Hochschulen bemüht sein werden, aus der an ­ regenden Berührung mit dem Leben fortdauernd neue Kraft und neue Nahrung zu ziehen, dafür dienen als Wahrzeichen die Standbilder der beiden Männer, die fortan die Front dieses Hauses schmücken werden. Solange Sie die Erinnerung an diese Männer festhalten und ihrem Vorbilde nacheifern, wird die deutsche Technik im Wett ­ kampfe der Nationen allezeit ehrenvoll bestehen. In dem Verhältnis der technischen Hochschulen zu den anderen obersten Unterrichtsstätlcn aber giebt es keine Interessengegensätze und keinen anderen Eifer als den, daß ein jeder von Ihnen und jedes Mitglied derselben in seinem Teile den Forderungen, die das Leben und die Wissenschaft stellen, völlig gerecht werde, eingedenk der Goethe'schen Worte: „Gleich sei keiner dem andern, doch gleich sei jeder dem Höchsten. Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich." Bleiben die technischen Hochschulen, welche in dem zu Ende gehenden Säkulum zu so schöner Blüte sich entwickelt haben, dieser Mahnung getreu, so wird 0as kommende Jahrhundert sie wohl gerüstet finden, auch den Aufgaben gerecht zu werden, welche die fortschreitende kulturelle Entwicklung der Völker in immer steigendem Maße an die Technik stellt. Staunenerregend sind die Erfolge der Technik in unseren Tagen, aber sie waren nur dadurch möglich, daß der Schöpfer des Himmels und. der Erde den Menschen die Fähigkeit und das Streben verliehen hat, immer tiefer in die Geheimnisse seiner Schöpfung einzudringen und die Kräfte und die Gesetze der Natur immer mehr zu erkennen, um sie dem Wähle der Menschheit dienstbar zu machen. So fuhrt, wie jede echte Wissen ­ schaft, auch die Technik immer zurück auf den Ursprung aller Dinge, den allmächtigen Schöpfer, und mit großem, demütigem Tank müssen wir uns vor ihm beugen. Nur auf diesem Boden, auf dem auch der verewigte Kaiser Wilhelm der Große lebte und wirkte, kann das Streben unserer Wissenschaften von dauerndem Erfolg begleitet sein. Halten Sie, Lehrer und Lernende, daran fest, so wird Ihrer Arbeit Gottes Segen nicht fehlen. Dies ist Mein Wunsch, welcher die Anstalt in das neue Jahrhundert geleiten möge." Die Rede wurde mehrfach von Beifallsrufen unterbrochen. Minister S t u d t brachte sodann ein Hoch auf den Kaiser aus, in das die Anwesenden begeistert einstimmten. — An der Feier nahmen u. a. teil: Finanz ­ minister v. Miguel, Staatssekretär v. Podbielski, Minister Brefeld, Hausminister v. Wedel, Unterstaatssekretär Bartsch und die Generalität. Durch den allerhöchsten Erlaß vom 11. Oktober d. I., welcher nicht blos der Technischen Hochschule zu Berlin, sondern auch den preußischen Cchwesteranftalten gilt, wird den technischen Hochschulen in Anerkennung der wissenschaftlichen Bedeutung, welche sie neben der Erfüllung ihrer praktischen Aufgaben erlangt haben, daS Recht eingeräumt, 1. auf Grund der Diplomprüfung den Grad eines Diplom-Ingenieurs zu erteilen, 2. Diplom-Ingenieure auf Grund einer weiteren Prüfung zu Toktoringenicuren zu promovieren und 3. die Würde eines Toktoringenieurs auch ehrenhalber als seltene Auszeichnung an Männer, die sich um die Förderung der technischen Wissenschaften hervorragende Verdienste erworben haben, nach Maß ­ gabe der in der Promotions-Ordnung festzusetzenden Bedingungen zu verleihen. Dem Rektor der Technischen Hochschule zu Berlin ist für seine amtlichen Bezeichnungen der Titel »Magnificenz« beigelegt worden. Dem Festakte folgte am Nachmittag des 19. Oktober das Fest ­ essen, das wie der Begrüßungsabcud am >48. Oktober im neuen König ­ lichen Opernhaus stattfand. Hiebei brachte zunächst der Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums, Finanzminister Dr. von Miguel, das Hoch aus S. M. den Kaiser aus. Ter Technischen Hochschule galt der Spruch des Unterrichtsministcrs Dr. Studt. Den Dank der Hoch ­ schule an die Unterrichtsverwaltung stattete der Rektor derselben, Geh. Reg.-Rat Prof. Ri edler, ab. Oberbürgermeister Schustehrus- Eharlottenburg feierte die künftigen Doktor-Ingenieure, der Rektor der Universität Straßburg, Prof. Dr. Ziegler, weihte sein Glas der akademischen Jugend und der Direktor der Technischen Hochschule zu Stuttgart, Prof. Dr. v. Weyrauch, gedachte mit nachstehenden Worten des deutschen Vaterlandes. „Nach den bereits gehörten bedeutungsvollen Ansprachen wird es auch dem Vertreter einer Technischen Hochschule, und zwar einer süddeutschen Hochschule, gestattet sein, das Wort zu ergreifen. Nicht daß ich einen Gegensatz zwischen Nord und Süd andeuten wollte. Denn die gesamte deutsche Wissenschaft und Kunst hat ja lange vor Begründung des Reichs keine Landesgrenzen gekannt. Auch die deutschen Techniker haben, wie dies von Ingenieuren erwartet werden kann, zahlreiche Brücken über den Main geschlagen, welche im Jahr 1870 starken Belastungsproben unterworfen wurden und sich dabei glänzend bewährt haben. Aber wir alle haben ja ein Interesse daran, daß die wissen ­ schaftliche, nationale und soziale Bedeutung der Technischen Hoch ­ schulen gerade in der Reichshauptstadt richtig zum Ausdruck kommt. Und daß dies, dank den Leistungen der Berliner Hochschule, der Fall gewesen sein muß, dafür liefert der Verlauf des gegenwärtigen Festes einen glänzenden Beweis. Freudigste Dankbarkeit wird alle tech ­ nischen Kreise Deutschlands durchdringen bei der Kunde über das gnädige Geschenk S. M. des Kaisers an die Technischen Hochschulen Preußens. Der Kaiser hat damit wieder einmal gezeigt, daß er den Pulsschlag seiner Zeit zu erkennen versteht und mit freiem Blick den richtigen Kurs zu finden weiß. Und das war gewiß keine leichte Sache. Denn gar manches fand man an uns auszusetzen. Nach den Einen sollen wir nicht die „reine Wissenschaft" pflegen, was nach den Worten eines der Herrn Vorredner gerade kein Unglück wäre,*) aber die reine Wissenschaft steht ja nicht im Gegensatze zu ihren Anwendungen. Nach den andern sollen wir stets den einseitigen Nützlichkeitsstandpuukt einnehmen, als wenn es niinderwertig wäre, etwas Nützliches zu leisten. Vielen erscheint die Technik überhaupt zu prosaisch. Meine Herren! Momente wie diejenigen, als die Wasser zweier Meere sich im Suezkanal ver ­ banden, als die Hammerschlöge auf den letzten Nagel der Pacificbahn sich telegraphisch deui weiten Gebiete der Vereinigten Staaten mit ­ teilten, als nach langer Spannung, ob es auch gelingen werde, der Durchschlag im Gotthardtunnel genau an der vorausberechneten Stelle stattfand und die Arbeiter von Süd und Nord sich in den Armen lagen, dürften an idealem Gehalt auf keinem andern Gebiete über ­ boten werden. Wenn nun der Kaiser trotz aller Einwände nach dem alten Wahl ­ spruch Luuirr erneue entschieden hat, so soll uns das bestärken in dem Gelöbnis: Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen, Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft. Auf daß dieser Geist der Hingebung an das gemeinsame Vater ­ land, der Geist treuer Arbeit int Dienste desselben, unbeschadet der Liebe zur engeren Heimat und ihren Institutionen, an den deutschen Hochschulen allezeit erhalten bleiben möge, auf unser großes schönes Vaterland bitte ich Sie nun ebenfalls Ihr Glas leeren zu wollen." Die Adresse der Technischen Hochschule z» Stuttgart an die Technische Hochschule zu Berlin ist uns, wie der Wortlaut der vor ­ stehenden und der folgenden Rede des Herrn Prof. Dr. v. Weyrauch auf besonderes Ansuchen gütigst mitgeteilt worden; sie lautet: Der Technischen Hochschule Berlin sendet die Technische Hochschule Stuttgart Gruß und Glückwunsch zur ersten Jahrhundertfeier. Die hundertjährige Geschichte der Technischen Hochschule Berlin spiegelt klar den Entwicklungsgang der wissenschaftlichen Technik in diesem bedeutungsvollen Zeitraum. Hervorgegangen aus praktischen Bedürfnissen, unter wechselvollen Anforderungen und mancherlei *) Der Oberbürgeimeister von Charlottenburg hatte in seinem Toast die Technischen Hochschulen den Universitäten gegenüber dafür belobt.