52 Protokoll der ersten ordenilichen Versammlung am 28. Oktober 1899. Vorsitzender: Kölle. Schriftführer Hofacker. Anwesend: 47 Mitglieder und 2 Gäste. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und begrüßt als Gäste die Herren Negierungsbaumeister Riegel und Negierungsbauführer Scherlinsky. Auf die Mitteilung von dem Hinscheiden des Mit ­ gliedes, Baurat Hescheler in Ravensburg, und des früheren Mit ­ gliedes, Baurat a. D. Banholzer in Biberach, erheben sich die Anwesenden zum ehrenden Gedächtnis an die Verstorbenen von den Sitzen. Architekt Manz-Kirchheim und Reg.-Bauführer Fridolin Rimmele-Stuttgart werden als neue Mitglieder in den Verein auf ­ genommen. Bezüglich der Abhaltung von Vorträgen über das neue bürger ­ liche Gesetzbuch wurde, nachdem die Herren Negierungsrat Hilbert und Landgerichtsrat Rapp abgelehnt hatten, beschlossen, sich zuerst mit dem Jngenieurverein ins Benehmen zu setzen. Eingelaufen ist ein Schreiben vom Verband, betreffend 'die Stellung der höheren städtischen Baubeamten. Mayer berichtet über die Abgeordnetenversammlung in Braunschweig. Dobel macht hierauf Mitteilungen über Hausentwässerungen und deren Aus ­ führung. Der Vorsitzende spricht beiden Rednern den Dank der Versammlung aus. Kölle hält zum Schluß einen Vortrag über Kehrichtvcr- brennung; nach dessen Beendigung dankt Mayer als stellvertretender Vorsitzender dem Redner namens der Versammlung. Die Marienkirche nt Reutlingen. (Mit 8 Abbildungen.) Vom Kirchenbauverein Reutlingen ist unter Mit ­ wirkung des Herrn Baurat Dolmetsch ein Bericht über die Wiederherstellung dieser Kirche herausgegeben worden, dem wir folgendes entnehmen: Die Marienkirche zu Reutlingen ist eines der edelsten und zugleich ältesten Denkmale frühgotischer Baukunst Württembergs und verdient es, daß nicht nur die Einwohner unserer Stadt, sondern auch weitere Kreise des deutschen Vaterlandes der Wiederherstellung und Erhaltung dieses Kleinods mittelalterlicher Kirchen ­ baukunst ihre regste Aufmerksamkeit und thatkräftige Teilnahme zuwenden, wie dies in erfreulicher und wohlthuender Weise seitens der Kgl. Landesregierung geschieht. Unter den so zahlreichen und prächtigen gotischen Baudenkmälern der schwäbischen Heimat vermögen nur drei mit der Reutlinger Marienkirche um die Palme zu ringen und zwar das Münster zu Ulm, die Heilig ­ kreuzkirche in Schwäbisch Gmünd und die Eßlinger Frauenkirche. Die Reutlinger Kirche ist unter diesen die älteste, zeigt die Gotik in noch strengerer Art, ist in dieser Beziehung noch bedeutsamer und aufschlußgebender und berührt sich zudem eng mit der Gmünder Heilig- xreuzkirche. Das Innere der Reutlinger Marienkirche erinnert auch stark an das Innere des Straßburger Münsters und wird, wie Oberstudienrat Or. E. Paulus sich geäußert hat, nach seiner jetzigen Wiederherstellung der feinste gotische Jnnenbau unseres Landes werden. In der That ist es ein erhebender Genuß, dieses herrliche Bauwerk in seinen Einzelheiten zu betrachten. Wir sehen eine ganze Geschichte der mittelalterlichen Baustile vor uns, von den frühen Resten romanischer Kunst bis zu den mit raffinierter Meisterschaft durch ­ geführten spätgotischen Zuthaten. Die ältesten, wohl in die zweite Hälfte des 12ten Jahrhunderts fallenden Teile bilden die unteren Hallen der beiden Chortürme, daran sich, wie Grabungen in den letzten Jahren ergeben haben, früher gegen Osten halbkreisförmige Apsiden angeschlossen haben, während die gediegenen Fundamente dieser Kirche noch ziemlich weit gegen Westen hinlaufen. An den west ­ lichen dem Schiffraum zugewandten Ecken der Chor ­ türme sind noch die romanischen Wandpfeiler zu sehen, von denen hoch oben die Scheidebogen des Langhauses ihren Ausgangspunkt genommen hatten und unter dem jetzigen nördlichen Querschiffportal kamen noch die Reste eines abgetreppten mit Rundsäulchen gefaßten