20 Bei Errichtung eines Monumentalgebaui.es auf einem mit guten Abmessungen vorhandenen bebauten Platze muß der Architekt den absoluten großen Maßstab und die Massengliederung des Bauwerkes so wählen, daß sie in gutem Einklang mit dem Platz und seiner Umgebung stehen. Bei Neuanlage eines Platzes vor einem Monumentalgebäude sind dessen Abmessungen so zu wählen, daß dieselben harmonisch mit der Massengliederung des Gebäudes, seinem absoluten Maßstabe, zusammengehen. Bei Anlage eines Gebäudes an einem vorhandenen, aber zu großen Platze muß der Architekt versuchen, denselben durch dekorative Behandlung gärtnerisch oder plastisch so zu verkleinern, daß keine Disharmonien entstehen. Das Errichten eines Monumentalgebäudes au einem zu kleinen Platze müßte der Architekt unter allen Umständen zu vermeiden suchen, oder er ist gezwungen, den absoluten Maßstab des Gebäudes dein kleinen Platz entsprechend sehr klein zu wählen. In vorgenannten vier Fällen bilden naturgemäß die Vermitte ­ lung des absoluten Maßstabes mit dem Einheitsmaßstab die Details der Architekturteile. Als Beispiele maßstäblich vorzüglicher Lösungen oder, wenn mau so will, von künstlerisch vollendete Bilder ergebenden Plätzen sind in erster Linie zu nennen: der Marktplatz in Brüssel, bei welchem das ebenfalls spätgotische große Rathaus einerseits, die Residenz auf der anderen Seite und die Gildenhäuser der beiden übrigen Seiten sich zu einem vorzüglich harmonischen Ganzen gruppieren. Als mindestens ebenso schön, wenn auch in kleineren Ab ­ messungen, dürfte der Platz vor dem Rathause in Brügge gelten; > Platz und Gebäude sind auch hier in ausgezeichnet fein abgestimmten Verhältnissen angelegt. Auch Antwerpen zeigt uns mit seinem Rat ­ haus am Markt und den umgebenden Gildenhäusern ein Werk der feinsinnigen Architekten jener Bauperiode; ferner ist der Petersplatz in Rom in seinen Abmessungen und den umgebenden Kolonaden den gigantischen Fassaden des St. Peter in harmonischer Weise angepaßt. In Rouen zeigt uns der offene Hof des Rathauses die feine Empfindung des Architekten, durch einen vorgelagerten Platz, in diesem Fall einen offenen Hof, den Gebändekomplcx außerordentlich schön zu gliedern. Es ließen sich im Ausland noch viele Beispiele nennen, doch auch unser eigenes Vaterland zeigt uns viele treffliche Lösungen; davon möchte ich erwähnen: das Rathaus in Heilbronn, das sicher ­ lich in einem sehr guten Maßstab znm vorgelagerten Platz abgestimmt ist, ferner die Rathäuser in Ulm, Hildesheim, in Lübeck mit den vorzüglichen Kolonaden; ferner die Rathäuser in Aachen, Rothen ­ burg a. d. Tauber, der Römer in Frankfurt und viele andere. Auch hier in unserer Hauptstadt sind in dieser Beziehung einige j der besten Beispiele zu erwähnen, so der Platz des Schillerdenkmals, ferner der Schloßplatz mit seinen ganz ausgezeichneten Verhältnissen einerseits zum König!. Schloß, andererseits zum Königsbau dürften Beweise von der Richtigkeit meiner Behauptungen sein. Und wenn es uns gelingen sollte, für die Architektur des neuen Rathauses den richtigen Maßstab zu treffen, so dürfte wohl der Stuttgarter Marktplatz mit seinen zum Teil außerordentlich schönen Privatgebänden sich würdig in die Zahl der harmonisch schönen Architekturbilder unserer deutschen Städte einreihen. Die Verleihung des Promotionsrechls an die Technische Hochschule feierte die Studentenschaft der Hochschule am 1. März d. I. durch einen glänzend verlaufenen Festkommers. Wir versäumen nicht, die denkwürdigen Reden des zur Feier erschienenen Ministers des Kirchcn- und Schulwesens und des Rektors der Hochschule nachträglich an dieser Stelle zu bringen. Rede des Herrn Kultministers Dr. von Sarwey: Hochansehnliche Versammlung! Se. Maj. der König haben mich gnädigst zu beauftragen geruht, den versammelten Festgästen Sein Bedauern darüber auszusprcchen, an dem persönlichen Erscheinen bei dem heutigen Fest verhindert zu sein, mit dem Anfügen, daß es Sr. Maj. zur Freude gereicht hat, der Techn. Hochschule durch die an dem Allerhöchsten Geburtsfeste verliehenen Rechte eine Anerkennung ihrer hohen wissenschaftlichen Bedeutung, sowie einen Beweis Seiner- persönlichen Fürsorge zu Teil werden zu lassen. — Nach Vollziehung dieses Allerhöchsten Auftrags sei cs mir gestattet, als Vertreter des Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens die Technische Hochschule zu der Verleihung des Rechts der Promovierung zum Doktor-Ingenieur zu beglückwünschen. Die Verleihung dieses Rechts ist gewissermaßen der sichtbare Abschluß der mit den großartigen Fortschritten der Naturwissenschaft und der Technik, wie mit den weltgeschichtlichen Ereignissen des abgelaufenen Jahrhunderts in Wechselwirkung und im engsten Zusammenhang stehenven Ausbildung des technischen Unterrichts. Wie die anderen technischen Hochschulen, so kann auch unsere technische Hochschule bei dem Beginn des neuen Jahrhunderls, ausgegangen von bescheidenen Anfängen, mit Stolz und Genugthuung auf eine hocherfreuliche, niemals unterbrochene Entwicklung in immer reicherer Entfaltung ihrer Wirksamkeit zur Verivertung der wissen ­ schaftlichen Erkenntnis der Naturgesetze für das Volksleben und die Volkswohlfahrt zurückblicken. Dank den hervorragenden Lehrkräften, welche an unserer Hochschule wirken, dank auch den äußeren Ein ­ richtungen, durch welche sie den bestausgcstatteten Schwesteranstalten sich ebenbürtig an die Seite stellen kann, sind wir berechtigt, die zu ­ versichtliche Hoffnung auszusprechen, daß sie stets eine glänzende und gesuchte Pflanzstätte der technischen Wissenschaft und der allgemein bildenden Fächer, tvie der praktischen Vorbildung für die technischen Berufszweige sein und bleiben wird. Eine äußere Anerkennung dieser Stellung und Bedeutung unserer Hochschule ist, wie Se. Maj. der König kundzugeben geruht haben, die Verleihung des Rechts der Doktorpromotion. AN Ihnen, meine geehrten Herrn Studierenden, die Sie das heutige schöne Fest veranstaltet haben, wird es nun sein, der Hochschule recht bald und zahlreich Gelegenheit zu geben, von dem neuen Rechte Gebrauch zu machen, Ihnen ist nun die Bahn eröffnet, durch den mit Ihrem Namen in allen Lebensstellungen ver ­ bundenen Titel des Doktor-Ingenieurs, durch diesen Ritterschlag der Wissenschaft Anerkennung, Auszeichnung und Ehre zu erwerben. Der missenschaftliche Geist und der Fleiß, welcher an unserer Hochschule herrschend ist, giebt die Bürgschaft, daß Ihnen diese Aussicht ein neuer Antrieb sein wird, nach den höchsten Zielen Ihrer Bildungs ­ laufbahn zu streben. Wir vereinigen uns in dem Wunsch, daß unsere Technische Hochschule bis in die fernsten Zeiten blühen und gedeihen möge. Die Regierung wird den wohlwollenden Intentionen Sr. Majestät entsprechend, wie bisher, stets bestrebt sein, die Interessen der Hoch ­ schule zu fördern, ihre Wünsche und Bedürfnisse, namentlich auch durch Bereitstellung der erforderlichen Mittel, soweit immer möglich, zu befriedigen. Ich lade Sie ein, einzustimmen in den Ruf, die Technische Hochschule Stuttgarts lebe hoch. Rede des Herrn Rektors Prof. Dr. von Weyrauch: Das 19. Jahrhundert begann auf technischem Gebiet mit den ersten Versuchen der Gasbeleuchtung. Es war wie ein symbolischer Vorgang, denn in höherem Sinn stand das ganze Jahrhundert im Zeichen der Göthe'schen Worte: Mehr Licht. Indem ich den Namen des Unvergleichlichen nenne, erinnern wir uns, daß vor nicht langer Zeit sein 150. Geburtstag weithin festlich begangen wurde. Auch wir wollen dem großen Kenner von Natur und Leben bei dieser ersten Gelegenheit unsere Huldigung darbringen und damit anerkennen, daß auch die Technik nur nach ihrer Bedeutung für die allgemeine Kultur, für das Wohl der Völker und die Befriedigung des mensch ­ lichen Geistes beurteilt werden kann. Welche Rolle ihr schon Göthe in dieser Beziehung anwies, hat er im 2. Teil des Faust gezeigt. Vor b/4Jahrhundert äußerte Göthe zu Eckermann: „Die Zeit ist in ewigem Wechsel begriffen und die menschlichen Dinge haben alle 50 Jahre eine andere Gestalt, so daß eine Einrichtung, die im Jahr