25 Wendungen kehren sich vielmehr im wesentlichen gegen die vorge ­ schlagene Zoneneinleilung und die Anbauvorschriften. Erwünscht scheint dem Verein noch eine Begutachtung des Entwurfts vom künst ­ lerischen, insbesondere architektonischen Standpunkte aus.* Die von Stadtbaurat Kölle in der Begleitschrift zu seinem Plan vorgeschlagenen Bauvorschriften entsprechen im allgemeinen den für eine zweckmäßige Bebauung des in Betracht kommenden Geländes zu stellenden Anforderungen. Die Durchführung dieser Vorschriften würde namentlich auch eine Gewähr für thunlichste Er ­ haltung des landschaftlich reizvollen Charakters der Umgebung Stutt ­ garts bieten. Der Verein hält es unter den gegebenen örtlichen Verhältnissen für notwendig und allein richtig, in den Außenbezirken der Stadt die offene Bauweise beizuhalten. Eine Ausnützung des Geländes der Stuttgarter Markung im Sinne der Rettich'schen Vorschläge, würde der Verein für einen nie wieder gut zu machenden Fehler halten, umsomehr als hiedurch dem Mangel an geeignetem Baugelände im Stutt ­ garter Thal nicht abgeholfen würde, die schöne Umgebung von Stutt ­ gart aber zerstört, und die Gemeindeverwaltung doch in verhältnis ­ mäßig kurzer Zeit genötigt wäre, anderweitig für Erschließung neuer Bauquartiere zu sorgen. Zu nachhaltiger Abhilfe des gegenwärtigen Mangels an Bau- * Ist inzwischen durch die bürgerlichen Kollegien eingeleitet worden. Plätzen, sowie zur Hintanhaltung der dadurch hervorgerufenen un gesunden Spekulation, hält der Verein folgende Mittel für geeignet a) Ausgiebige Erschließung neuer Bauquartiere durch Anlage neuer Straßen im Erweiterungsgebiet; b) Erleichterung des Verkehrs mit den benachbarten Gemeinden durch Anlage von Vorortbahnen mit billigen Tarifen. c) Weitere Ausdehnung der begonnenen Eingemeindung von Nachbarorten. Diese Kundgebung wurde mit nachstehendem Schreiben dem Gemeinderat von Stuttgart übergeben: Stuttgart, den 11. April 1900. An den Gemeinderat! Der württ. Verein für Baukunde hat schon bisher mit einer Reihe städtischer Fragen, welche das technische Gebiet berühren, sich befaßt, er hat auch zu der zurzeit akuten Frage der Stadt ­ erweiterung Stellung genommen und sie in einer Kundgebung zum Ausdruck gebracht. Ich erlaube mir diese Kundgebung in der Anlage ergebenst zu übermitteln. Hochachtungsvoll Der Vorstand des Vereins für Baukunde. Für den V orsitzenden: (gez.) Euting. Die Stadterweiteruiig von Stuttgart Erörterung, eingeleitet durch Baurat Frey, am 17. März 1900. Unter Bezugnahme auf das Protokoll vom 17. März d. I. in Heft 3 ds. Jhrggs. tragen wir das wesentlichste des Berichtes des Herrn Baurat Frey und die Aeußerung des Herrn Präsidenten von Schlier holz in jener Versammlung hiemit nach. Der Vortragende gab einen geschichtlichen Rückblick auf frühere Stadterweiterungspläne voraus, an denen die Vermeidung jeder schiefen Straßendurchschneidung und die Außerachtlassung jeder Rücksicht auf die Terrainverhältnisse charakteristisch sind. Mit Uebernahme der Vor ­ standsstelle des Tiefbauamts durch Stadtbaurat Kölle mußte die Stadterweiterung auch auf die Höhen ausgedehnt werden, da sich dort überall Baulust äußerte. Es bedurfte jahrelanger Arbeit, bis 1895 ein Plan, der fast die ganze Stuttgarter Markung umfaßt, dem Gemeinderat vorgelegt werden konnte. Ter neue Plan umfaßt eine bebaubare Fläche von 870 Hektar nach Abzug von Gärten, Straßen und mit Bauveibot belegten Flächen. Die angebauten Quartiere umfassen 567 Hektar, wovon noch 162 Hektar unüberbaut sind, so daß für bauliche Ausnützung noch etwa 1000 Hektar verfügbar bleiben. Baurat Kölle hat in weitgehender und geschickter Weise sich mit seinen Straßenzügen den schwierigen Terrainverhältnissen an ­ gepaßt, zu riefe Einschnitte (über 5 Meter) und zu hohe Auffüllungen sind vermieden, die Straßenbrciten sind thunlichst reduziert, auf der Bergseite sind meist erhöhte Vorgärten vorgesehen, welche die Ge ­ bäude noch herausheben. Besondere Aufmerksamkeit ist durchgehen ­ den Slraßenzügen geschenkt, die als Panoramastraßen an den Hängen entlang sich ziehen oder in gewundenen Linien mit mäßigen Steigungen aufwärts streben und das Thal mit den Höhen verbinden. Der Vortragende erläuterte die in einzelnen Erweiterung^ gebieten geplanten Straßenzügc des weiteren und gab seiner Ueber ­ zeugung dahin Ausdruck, daß der neue Stadterweitcrungsplan sowohl bezüglich des zu überwältigenden Verkehrs, als auch in Rücksicht auf ein interessantes Städtebild eine hervorragende Leistung darstelle. Seil dem Jahr 1898 liegt der, nach einigen Vorschlägen von Oberbaurat Prof. Baumeister-Karlsruhe und dem Vortragenden als Korreferenten in einzelnen Teilen umgeänderte Plan zur Ge ­ nehmigung vor. Der jetzige Stadtvorstand hielt es für angezeigt, den Plan auch noch nach der volkswirtschaftlichen Seite prüfen zu lassen und wenn es richtig ist, daß Stuttgart eine der teuersten Großstädte im deutschen Reich ist, dann ist es auch wohl Pflicht eines Stadt ­ vorstandes, über die Ursachen dieser Erscheinung Erhebungen nach allen Richtungen anstellen zu lassen. Mit dieser Prüfung wurde Gemeinderat Or. Rettich beauf ­ tragt. Die Einwände, die Rettich in seiner bekannten Schrift erhob, richten sich nicht gegen das geplante Straßennetz, sondern gegen die Bebauungsvorschriften und damit auch gegen unser, im Jahr 1897 unter reger Beteiligung des damaligen Oberbürgermeisters Rümelin, nach den vom Verein für öffentliche Gesundheitspflege aufgestellten Grundsätzen, neu revidiertes Ortsbaustatut. Charakteristisch an dem letzteren ist die Einführung des Zonensystems mit einer nach außen sich steigernden Weiträumigkeit der Bebauung. In Be ­ tracht kommen bezüglich der zu den 3 Zonen aufgestellten Vorschriften für die Gebäudeabstände 8 40, für die Gebäudehöhe § 27, für die Ausnützung des Bauplatzes § 44, für die Hintergebäude 8 49. Rettich hat nun berechnet, daß der neue Stadtbauplan für etwa 122 000 Menschen Wohngelegenheit biete, d. h. auf einem Gebiet, das 247 Prozent der zurzeit schon überbauten Fläche beträgt, würden nur 74 Prozent der gegenwärtigen Einwohnerzahl untergebracht werden, die Ausgaben pro Kopf für Beleuchtung, Reinigung und Unterhaltung der Straßen würden dadurch erheblich steigen und Stutt ­ gart zur höchstbesteuerten Großstadt machen. Sind diese Zahlen richtig, so erscheint allerdings eine Prüfung der Bebauungsvorschriften nicht unangezeigt, die Richtigkeit wird aber in wohlbegründeter Weise von Baurat Kölle, wie von Baurat Frey bestritten. Kölle, der die Rettich'sche Berechnung mittelst der Straßenfrontlängen beibehält, findet, daß auf dem noch vor ­ handenen Bebauungsgebiet 270 000 Menschen oder 170 Prozent der gegenwärtigen Einwohnerzahl Raum finden, und das wäre ganz und gar nicht ein beängstigendes Resultat. Frey weist nach, daß die Berechnung nach Straßenfrontlänge überhaupt kein richtiges Resultat liefern könne, da die Blocktiefe und Blockform wesentlich sei und hiebei nicht zur Geltung komme; er rechnet nach der Bebauungsfläche und kommt auf ca. 240 000 Einwohner, die noch untergebracht werden könnten. Dieses Ergebnis steht dem Kölle'schen sehr nahe. Er warnt deshalb davor, sich durch die Rettich'sche Berechnung zu Maßnahmen drängen zu lassen, die in hygienischer wie ästhetischer Beziehung verwerflich sind und später schwer bereut werden würden. Redner bedauert, daß seinerzeit der von Oberbaurat Reinhard für die