28 Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart. No. 5 Die Thätigkeit des kulturtechnischen Personals wird sodann in neuerer Zeit häufig in Anspruch genommen durch die Be ­ arbeitung vonEntwürfen für Zufahrtssteige für den landwirt ­ schaftlichen Verkehr mit hochgelegenen Feldteilen und die Ausführung solcher Anlagen, wie sie im Hügelland mit oder ohne die Verbindung mit Feldbereinigungen häufig vorkommen. Vielfach wird sodann die Ausführung der sog. gemein ­ samen Anlagen bei Feldbereinigungen, welche die Herstellung der Wege, Dohlen, Durchlässe, Gräben umfassen, dem kultur ­ technischen Bureau übertragen. Auch über die Umteilung sog. Allmendflächen znm Zweck besserer Bewirtschaftung dieser, meist in kleinen Stücken an die Bürger ausgegebenen Gemeindegrundstücke wurden Pläne aufgestellt und die Aus ­ führung der Anlagen geleitet. Bei der Anlage von Zufahrtswegen, welche aufwärts mit geladenen Wagen befahren werden müssen, werden Steigungs ­ verhältnisse bis höchstens 10° /0 angewendet. Die Wegbreite beträgt meist 3,5—4,6 m. Zu den Dohlen werden in ausgedehntem Masse Zement ­ röhren verwendet. Auch Brücken und Durchlässe aus Beton mit Flacheiseneinlage finden vielfache Anwendung. In den letzten Jahren kam anlässlich des Gewitterschadens im Unterland im Jahre 1897 eine grössere Anzahl derartiger Wegbauten zur Ausführung, wozu den beteiligten Gemeinden Staatsbeiträge bis zu 40"/ 0 der Kosten, ausschliesslich der Grunderwerbung, bewilligt wurden. Die Ausnützung der zahlreichen in Oberschwaben zwischen die Moränenhügel eingebetteten oder längs der Flussläufe sich hinziehenden Moore zu Zwecken der Gewinnung von Brenn ­ torf und Torfstreu ist bis jetzt seitens zahlreicher Privaten, Grossgrundbesitzer und der staatlichen Forstverwaltung in um ­ fangreicher Weise betrieben worden. Die landwirtschaftliche Benützung derartiger Flächen be ­ steht meist nur in der Gewinnung von Streugras. Moorkulturen zur Futtergewinnung nach neueren An ­ schauungen sind nur wenige vorhanden. Es steht jedoch in Aussicht, dass in nächster Zeit einige Anlagen dieser Art geschaffen werden, welche als anregende Beispiele für weitere Kreise dienen dürften. Eine weitergehende Entwässerung der Moore und systema ­ tische Ausnützung des vorhandenen Brenntorfschatzes, verbunden mit intensivem landwirtschaftlichen Betrieb der ausgetorften Flächen durch Anlage von Futterwiesen wäre sehr zu wünschen. Zum Schluss erlaube ich mir, Ihnen noch eine Uebersicht über die in den letzten fünf Jahren von den Kulturingenieuren der Zentralstelle bearbeiteten Anlagen zu geben. An Meliorationen, Wegbauten und gemeinsamen Anlagen für Feldbereinigungen wurden ausgeführt und befinden sich zur Zeit im Stadium der Ausführung bezw. der Projektierung ca. 397 Unternehmen mit einem Kostenaufwand von 1 117 321 M.; es entfallen somit auf ein Jahr durchschnittlich 80 Unternehmungen mit rund 223 000 M. Aufwand. Ein Unternehmen kostet durchschnittlich 2 800 M. Im Vergleich zu anderen Staaten, die sich seit Jahrzehnten einer wohlausgebildeten Wassergesetzgebung und einer aus ­ reichenden Organisation des kulturtechnischen Dienstes erfreuen, sind diese Zahlen allerdings bescheidene zu nennen, allein es ist zu berücksichtigen, dass alles, was bis jetzt geschaffen wurde, auf dem Wege der freiwilligen Uebereinkunft der Beteiligten zu stände kam. Seitens des Staates wurden die ausgeführten Unternehmungen durch Beiträge bis zur Höhe von 25°/ 0 der thatsächlichen Ausführungskosten unterstützt und dadurch das Zustandekommen derselben wesentlich gefördert. Es ist zu hoffen, dass, nach ­ dem ein Wassergesetz nunmehr auch bei uns in Kraft getreten ist und eine Neuorganisation des kulturtechnischen Dienstes bevorsteht, der Umfang und die Zahl der ausgeführten Unter ­ nehmungen zunehmen werden. Meine Herren! Im allgemeinen sind die Meliorations ­ anlagen wenig in die Augen fallend, sie liegen abseits der grossen Heerstrasse und werden im Gegensatz zu den oft grossartigen Bauten des Bauingenieurs wenig bemerkt. Vielfach sind die hergestellten Anlagen nach der Ausführung überhaupt nicht mehr sichtbar und nur der Kundige bemerkt z. B. im Frühjahr an der helleren Farbe des Bodens, dass ein Feld entwässert worden ist. Um so mehr werden aber die Meliorationsanlagen von denjenigen geschätzt und gewürdigt, deren Grund und Boden verbessert worden ist. Sollte es mir gelungen sein, auch Ihre Teilnahme für diesen noch wenig bekannten und vielfach verkannten Zweig des Ingenieurwesens erweckt zu haben, so würde mich dies sehr freuen. Lassen Sie mich Schliessen mit dem Wunsche, dass das Wohlwollen, das sowohl die Regierung als auch die Stände dem Meliorationswesen bisher entgegengebracht haben, diesem immer erhalten bleiben möge. Die Vorführung der Abwasser-Reinigungs-Verfahren auf der Pariser Weltausstellung 1900.^ Von Dr. O h 1 m ü 11 e r, Geh. Regierungsrat im Kaiserlichen Gesundheitsamt. Wenn wir einen Blick in die Literatur über die Reinigung von Abwässern werfen, so lehrt uns schon die Fülle von Vorschlägen, wie schwierig die Lösung dieser Frage ist. Koenig führt in seinem Werke „Die Verunreinigung der Gewässer“ unter anderem 75 Verfahren an; damit ist also die Reihe der ­ selben noch nicht vollständig. Viele sind verschwunden so rasch, wie sie auftauchten, sie führen nur ein historisches Dasein in der Literatur; manche erfreuten sich der praktischen Anwendung, wurden bald wieder verlassen oder erschienen in abgeänderter, verbesserter Form wieder; neue sind hinzu ­ gekommen. Fast könnte man glauben, es sei in der Forschung der Abwasserreinigung ein System zu vermissen, und die vielen Ideen mögen im grossen und ganzen einem planlosen Herum ­ suchen ihren Ursprung verdanken. Dies ist jedoch nicht der Fall; schon die Entwicklung der Verhältnisse bedingte ein schrittweises Vorgehen, die Verschiedenartigkeit der Abwässer musste notwendig zur Folge haben, dass die Wege auseinander ­ gingen. Mit der zunehmenden Bevölkerung der Städte wurde deren Assanierung ein dringendes Gebot der Hygiene. Die durchlässigen Abortgruben, die Versitz- oder Schlinggruben mussten beseitigt werden, weil sie den Boden verunreinigten und damit Anlass zu weiteren Gefahren wurden, deren Folgen auch nicht ausblieben. Damit vermehrte sich die Menge der zu beseitigenden Abfallstoffe; sie wuchs noch mehr durch zwei weitere Massnahmen der Assanierung, durch die Einführung der zentralen Wasserversorgung und die im wesentlichen hierdurch bedingte Kanalisation der Städte. Nicht minder hatte das rasche Emporblühen der Fabriken eine stärkere Erzeugung von Ab ­ wässern im Gefolge. So sah man sich ziemlich plötzlich vor die schwierige Frage der ein wandsfreien Beseitigung der Ab ­ wässer gestellt; kein Wunder, wenn die Vorschläge so zahl ­ reich auftauchten, wenn sich unter diesen so mancher Missgriff befand. Häufig war der Misserfolg der verschiedenartigen Zusammensetzung der Abwässer zuzuschreiben, welche ja bei denen aus Fabriken je nach der Art des Betriebes wechselnder ist als bei denen aus Städten. Wenn bei den Fabriken die Art der Abwasserreinigung nur von Fall zu Fall an der Hand der obwaltenden Verhältnisse entschieden werden kann, so sind bei den städtischen Abwässern gewisse einheitliche Massnahmen zulässig, aber nur in be ­ schränktem Masse; denn die neuere Erfahrung hat gelehrt, dass auch hier Unterschiede in der physikalischen Beschaffen ­ heit auftreten, welche eine wechselnde Behandlung verlangen. Man kann daher die Entwicklung der Reinigungsverfahren von *) Mit gütiger Genehmigung des Herrn Verfassers und des Verlags entnommen der „Hygienischen Rundschau“ No. 2 vom 15. Januar 1902. (Verlag von August Hirschwald in Berlin.)