28 Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baükdnde in Stuttgart. No. 6 für Einfriedigung, Trottoir etc. von rund 4300 M. er ­ wachsen. Da für den Hochaltaraufbau nur ein niederer romanischer Retabel-Altar in Betracht kam, musste der Altar, um in der Kirche zur Geltung zu kommen, hoch gestellt werden. Es sind deshalb ausser den drei Altarstufen noch sechs weitere Chorstufen in zwei Abteilungen angeordnet, so dass der Altar bis an die Chorfenster heranreicht und mit denselben zusammen einen wirkungsvollen Aufbau ergibt. Statt des Ambo am Chorbogen, der im Grundriss ein ­ gezeichnet ist, ist eine Kanzel am ersten Schiffpfeiler ausgeführt worden. Das Kindergestühl am Chorbogen ist nicht ausgeführt, da 500 Sitzplätze vorerst genügen. Im Mittelschiff und Chor sind elf dreiteilige Fenster nebst zwei Fenstern am Westgiebel vorgesehen. Die Kirche erhält dadurch eine Fülle von Licht, und es sind jetzt auch diejenigen ängstlichen Gemüter beruhigt, welche angesichts der kleineren romanischen Seitenschifffenster diesen Stil mit Misstrauen be ­ trachten zu müssen glaubten. Die Holzdecken im Schiff, die Emporenbrüstung und die halbrunde Apsis hinter dem Hochaltar sind von Kunstmaler Loosen, Stuttgart, bemalt mit einem Aufwand von 2 100 M. Das Uebrige soll später, wenn weitere Mittel gesammelt sind, gemalt werden. Hochfeierlich wirkt die Malerei der Apsis mit dem Christus ­ kopf in zweifacher Lebensgrösse. Die Glasgemälde in den Chorfenstern sind ausgeführt von Van Treeck, München. Die drei Altarunterbauten und der Taufstein sind gefertigt von Bildhauer Schäfer in Zuffenhausen,, der Altaraufsatz in Eichenholz ist um den Preis von 2000 M. ausgeführt von Bildhauer Kaiser und Ulbig in Iggingen, die Kanzel von derselben Firma um 900 M., desgleichen die Ko mm union bank um 500 M. Die zwei Glocken im Gewicht von 248 und 425 kg hat Zoller, Biberach, geliefert; die Orgel mit zwölf Registern ist ausgeführt von Gebr. Späth, Ennetach, und kostet samt Gehäuse 4250 M. Die Konsekration der Kirche fand am 11. November 1902 statt. Die anwesenden Vereinsmitglieder nahmen mit Interesse und Dank Kenntnis von den gegebenen Erläuterungen. In der Tat fügt sich der Bau als eine würdige, wenn auch bescheidene Landkirche gut seiner Umgebung ein und zeigt in seinen Architekturformen eine charakteristisch kirchliche Haltung und gute Verhältnisse des inneren und äusseren Aufbaues. mm Die Eisenbahnen der Erde im 19. Jahrhundert. Nur wenigen dürfte es bekannt sein, welch ungeheuere Ar ­ beit das 19. Jahrhundert in seinen Eisenbahnen geleistet hat und welch immenser Kapitalwert in denselben angehäuft ist. Die Wirkungen aber, welche die Eisenbahnen in kultureller und sozialer Beziehung hervorgerufen haben, sind nicht weniger bedeutend als der materielle Aufwand für dieselben. Haben sie doch das ganze Erwerbsleben in völlig neue Bahnen ge ­ lenkt und eine vollständige Umwälzung hierin hervorgebracht. Länder und Völker sind einander näher gebracht, und ein reger, auf das leichteste zu bewerkstelligender Austausch der geistigen und materiellen Produkte ist auf das mächtigste angeregt und ge ­ fördert worden und noch in fortwährender Zunahme begriffen, an welchen die besten Hoffnungen geknüpft werden dürfen, wenn auch zu wünschen wäre, dass auch die ethischen Kräfte gleicherweise eine Stärkung und Steigerung erfahren dürften. Ein Rückblick auf die Eisenbahnen seit ihrer Entstehung und ihre Entwicklung bis zum Schlüsse des 19. Jahrhunderts, bei welchem den vom Reichseisenbahnamt und anderwärts gegebenen statistischen Aufzeichnungen gefolgt ist, darf daher gewiss des allseitigen Interesses sicher sein. Die Anwendung von Spurbahnen zur Fortbewegung von Lasten ist schon Jahrhunderte alt. Sicher ist, dass im Anfang des 16. Jahrhunderts in den Bergwerken am Harz, im Erz ­ gebirge und in Tirol hölzerne Spurbahnen zur Beförderung von mit Rädern versehenen Kästen (Hunde) benützt wurden. Diese Beförderungsweise soll zur Zeit der Königin Elisabeth durch deutsche Bergleute, die von dieser Herrscherin angeworben waren, in England bekannt geworden sein, wo sie im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts ausgedehnte Anwendung fand und wo die ursprünglich hölzerne Spurbahn sich nach und nach zu dem aus Holz und Eisen hergestellten Gleis entwickelte. Diese früheren Spurbahnen und Gleise, auf denen die Fort ­ bewegung der Lasten durch die Muskelkraft von Menschen oder Tieren erfolgte, hatten nur Wert für beschränkte örtliche Zwecke. Erst dem 19. Jahrhundert war es vorbehalten, durch die Verbindung der Spurbahn mit der Dampfkraft, die in ­ zwischen schon auf anderen Gebieten sich zu einer mächtigen Gehilfin des Menschen entwickelt hatte, die Eisenbahnen im heutigen Sinne des Wortes und damit ein Verkehrsmittel von grösster Leistungsfähigkeit zu schaffen, das bestimmt sein sollte, den gewaltigsten Einfluss auf alle Verhältnisse des menschlichen Lebens auszuüben und diesem Jahrhundert sein eigenartiges Gepräge aufzudrücken. Die erste für öffentlichen Verkehr bestimmte Lokomotiv- eisenbahn, die 21 km lange Strecke Stockton—Darlington in England, wurde am 27. September 1825 — also vor 77 Jahren —- eröffnet. Die grosse Bedeutung dieses neuen Beförderungs- J mittels wurde von einsichtsvollen Männern allerorten erkannt, und obgleich es auch nicht an Zweiflern und solchen fehlte, die Bedenken und Befürchtungen der mannigfachsten Art geltend zu machen suchten, fand die Eisenbahn doch sehr rasch weite Verbreitung: In England waren am Schlüsse des Jahres 1840 schon 1348 km Eisenbahnen im Betriebe. In Frankreich, wo die erste Lokomotivbahn zwischen Etienne und Andrezieux im Jahre 1832 eröffnet wurde, waren Ende 1840 497 km im Betrieb. Deutschlands erste mit Dampf betriebene Eisenbahn war die am 7. Dezember 1835 eröffnete 6 km lange Strecke Nürnberg—Fürth; wie richtig aber gerade auch in Deutschland gleich von Anfang an die Bedeutung der Eisenbahnen erkannt wurde, geht daraus hervor, dass hier Ende 1840 schon 549 km im Betrieb waren, also mehr als in Frankreich. In Belgien wurde die erste Eisenbahn zwischen Brüssel und Mecheln in demselben Jahre wie in Deutschland, 1835, eröffnet; bis Ende 1840 waren in dem industriereichen Lande 336 km im Betrieb. In Oesterreich-Ungarn wurde die erste Lokomotiveisenbahn zwischen Wien und Wagram im Jahre 1838 eröffnet; am Schlüsse des Jahres 1840 waren 144 km im Betrieb. In Russland wurde die erste Eisenbahn mit Lokomotivbetrieb, die 26 km lange Strecke St. Petersburg—Zarskoje-Ssalo, im Jahre 1838 eröffnet; es dauerte dann aber bis zum Jahre 1845, bis eine weitere Strecke (die Warschau—-Wiener Eisenbahn) zur Er ­ öffnung kam. Von den übrigen Ländern Europas begannen im vierten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts noch Italien und die Niederlande mit dem Eisenbahnbau, aber nur in sehr geringem Umfange; in Italien wurde als erste Eisenbahn die Strecke Neapel—Portici im Jahre 1839 eröffnet, in den Nieder ­ landen in demselben Jahre die Eisenbahn Amsterdam—Hartem. In allen übrigen europäischen Ländern wurde erst später mit dem Bau von Eisenbahnen vorgegangen. In unserem engeren Vaterlande Württemberg wurde im Jahre 1845 mit der 9,92 km langen Strecke Cannstatt—Esslingen die erste Eisenbahn er ­ öffnet, welcher dann — 1846 — die Strecken Cannstatt- Stuttgart—Ludwigsburg und Esslingen—Plochingen, sowie in rascher Folge die übrigen Strecken des Landes folgten. Mit besonderer Tatkraft wurde der Eisenbahnbau in den Vereinigten Staaten von Amerika in Angriff genommen. Dort wurde im Jahre 1830 die erste Eisenbahnstrecke zwischen Baltimore und Ellicotsmills eröffnet und der Bahnbau dann so gefördert, dass Ende 1840 schon 4534 km Eisenbahnen im Betriebe waren. Von den übrigen Ländern Amerikas haben im vierten Jahrzehnt die Insel Kuba und Britisch-Nordamerika (Kanada) mit dem Bahnbau begonnen. Auf den drei übrigen Erdteilen — Asien, Afrika und Australien — wurde der Bau von Eisenbahnen erst im Lauf des sechsten Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts in Angriff genommen. Am Schluss des Jahres 1840 waren demnach im ganzen rund 7700 km Eisenbahnen im Betrieb. Die weitere Ent ­ wicklung des Eisenbahnnetzes der Erde in den sechs Jahr ­ zehnten von 1840—1900 ergibt die am Schlüsse zusammen ­ gestellte tabellarische Uebersicht. Aus derselben ist zu ersehen,