DIE LOGISCHEN GRUNDLAGEN i. Die Begriffsbildung ‘Dichtung und Wirklichkeit’ Das Grundthema der Logik der Dichtung ist letztlich kein anderes als die Begriffsbildung Dichtung und Wirklichkeit, die denn auch explizite oder implizite den dichtungstheoretischen Betrachtungen immer zugrundeliegt. Doch gilt es, die beiden in dieser bekannten, mehr oder weniger populär behandelten Begriffsbildung verbundenen bzw. einander gegenübergestell ­ ten Begriffe in dem Sinne ihrer Gegenüberstellung schärfer zu bestimmen, als dies im praktischen Gebrauche der Literaturbetrachtung zu geschehen pflegt. Was besagt diese Begriffsbildung? Sie besagt ein Doppeltes: daß Dich ­ tung etwas anderes als Wirklichkeit 4 ist, aber auch das scheinbar Entgegen ­ gesetzte, daß die Wirklichkeit der Stoff der Dichtung ist. Denn nur schein ­ bar ist dieser Widerspruch, da nur darum Dichtung von anderer Art ist als Wirklichkeit, weil diese ihr Stoff ist. Aber bereits indem wir dies in der All ­ gemeinheit dieser Begriffsbildung aussprechen, treten die ersten Schwierig ­ keiten auf, melden sich die Ungenauigkeiten und Unstimmigkeiten an, die in der traditionellen Betrachtungsweise enthalten sind. Sehen wir ab von der rein biographischen oder soziologischen Quellen- und Hintergrundsfor ­ schung, die auch den Schlüsselroman und das Personengedicht einbezieht, so stellt sich in der Zusammenordnung Dichtung und Wirklichkeit sozu ­ sagen stillschweigend die Beziehung auf die erzählende und die dramatische Dichtung her, doch ohne daß man den Begriff Dichtung auch bewußt und ausdrücklich auf diese beschränkte. Dennoch wird das dritte Gebiet dessen, 4. Der Begriff der Wirklichkeit ist besonders vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft und Logistik her problematisch geworden; und von ihm aus könnte gegen seine Verwendung in der vorliegenden Untersuchung der Vorwurf erhoben werden, daß er im Sinne eines (überholten) „naiven Realismus“ auftritt. Gegen einen solchen möglichen Einwand soll hier jedoch betont werden, daß der Begriff Wirklichkeit in seinem Gegensatz bzw. seinem Verhältnis zu dem der Dichtung, als der er hier ausschließlich behandelt wird, nicht als Gegenstand und Problem der philosophischen Erkenntnis ­ theorie und damit auch nicht unter dem Gesichtspunkt des naiven Realismus erscheint. Er meint, wie aus den folgenden Darlegungen gewiß genügend deutlich wird, nichts als die Wirklichkeit des mensch ­ lichen Lebens (der Natur, der Geschichte, des Geistes) im Gegensatz zu dem, was wir als den *Inhalt* von Dichtungen erleben, die Seinsweise des Lebens im Unterschied zu der, die die Dichtung erschafft und repräsentiert. Und es scheint mir nicht ganz abwegig zu behaupten, daß gerade in der exakten Be ­ stimmung dieses Unterschiedes sich das Phänomen Wirklichkeit jenseits aller wissenschaftstheoreti ­ schen Definition besonders prägnant hervorkonturiert. 6