Die Begriffsbildung ‘Dichtung und Wirklichkeit' 7 was die Poetik und das allgemeine Bewußtsein als Dichtung versteht, die Lyrik, nicht, oder doch nicht unmittelbar, in die Begriffszuordnung Dich ­ tung und Wirklichkeit einbezogen. Diese ist denn auch in der Tat sinnvoll nur mit Bezug auf die beiden ersten Gattungen, während die Lyrik kein Demonstrationsmaterial dafür abgibt. Daß aber dieser Umstand nicht zu einem eigentlichen Problem wurde, hat offenbar seine Ursache darin, daß die Begriffe Wirklichkeit und Dichtung, so wie sie hier zusammen auftreten, keiner genaueren Bedeutungsanalyse unterzogen worden sind. Der Begriff der Dichtung aber stellt sich in seinem keineswegs eindeutigen Sinne erst her, wenn der der Wirklichkeit, in seinem hier in Frage stehenden Bezüge zur Dichtung, zur Klärung gekommen ist. Diese Klärung ist die Aufgabe der folgenden Untersuchung. Aber an diesem Ausgangspunkt unserer Problemstellung, und als ein Auftakt zu ihr, soll auf einen großen Kronzeugen verwiesen werden, dessen sozusagen noch unreflektierte, aber darum um so aufschlußreichere Ein ­ sicht in diesem Punkte bisher verdeckt geblieben ist: auf Aristoteles. Man hat allgemein die Tatsache, daß er in seiner >Poetik: nur Epos und Drama, nicht aber die Lyrik behandelt hat, auf den fragmentarischen Charakter des Werkes zurückgeführt, oder auch angenommen, daß Aristoteles die große griechische Lyrik des 6. und 5. Jahrhunderts darum nicht erwähnt, weil diese »gesungene« Poesie, d. h. von Instrumentalmusik begleitete gewesen sei und damit zur Musik zählte 5 . Doch erwähnt Aristoteles, wie wir gleich sehen werden, gesungene Poesie, nämlich den Dithyrambus, und sogar reine Instrumentalmusik als solche, aber eben der Zusammenhang, in dem dies geschieht, weist darauf hin, daß er diese nicht zur Lyrik, sondern eben zur iToiricris zählte, daß gerade das, was wir als lyrische Dichtung, und sogar als ‘Poesie’ im eigendichen Sinne bezeichnen, für Aristoteles keine ‘Dichtung’, nämlich Troir|CTis, war, sondern einem anderen Gebiete von ‘Sprachwerken’ angehört. Diese Verhältnisse aber enthüllen sich erst, wenn man die Tatsache be ­ achtet, daß Aristoteles den Begriff der TtoiriCTts durch den der nippais definiert und iToipais und nippcns daher bedeutungsidentisch für ihn sind. Die Be ­ achtung dieser Tatsache scheint einmal dadurch verhindert worden zu sein, daß man die Grundbedeutung der Begriffe ttoieIv und Trofpais, nämlich »machen, hersteilen« aus dem Auge verloren hatte, zum anderen dadurch, daß uiupcris durch imitatio übersetzt und mit dem Sinne der ‘Nachahmung’ belastet wurde. Als E. Auerbach sein bekanntes Werk »Mimesis«, mit dem Untertitel >Dargestellte Wirklichkeit« nannte, hatte er den verfemten Be ­ griff wieder zu Ehren gebracht und in seinem eigentlichen aristotelischen Sinne hergestellt. Denn eine genauere Betrachtung der Definitionen des 5. Irene Behrens: Die Lehre von der Einteilung der Dichtkunst. Halle, *40, 4