21 DIE FIKTIONALE ODER MIMETISCHE GATTUNG i. Die epische Fiktion Historisches und fiktionales Erzählen Den direktesten Zugang zu dem logischen System der Dichtung gewin ­ nen wir durch die Analyse der epischen oder erzählenden Dichtung. Dabei bedeutet aber die Rede von einem direkten Zugang nicht, daß diese Analyse von einfacher Art wäre. Es handelt sich vielmehr um die kompliziertesten Verhältnisse, die es im Bereiche nicht nur der Dichtung, sondern der sprach ­ lichen Funktionen wohl geben kann. Aber wenn es in didaktischer Hinsicht sich oftmals so verhält, daß man von einfachen Verhältnissen zu kompli ­ zierten fortschreiten muß, so bietet die Struktur der Dichtung den umge ­ kehrten Fall dar: die einfacheren Strukturen erhellen sich für die Erkenntnis erst aus der komplizierten Struktur der erzählenden Dichtung. Die Ursache dieser Kompliziertheit ist das Erzählen der erzählenden Dich ­ tung selbst, das denn auch nicht ohne Grund allmählich zu einem zentralen Gegenstand der literaturtheoretischen Betrachtungen geworden ist. Wenn aber die Literaturtheorie bisher das Wesen des epischen Erzählens nicht klargelegt hat, so liegt das daran, daß sie den Vorgang des Erzählens als einen homogenen aufgefaßt hat, d. h. das Erzählen der epischen Dichtung, das wir das epische oder fiktionale Erzählen nennen werden, für einen Vor ­ gang von gleicher Beschaffenheit wie das nicht-epische, und das heißt das historische Erzählen oder, wie wir gleich sagen können, die Wirklichkeits ­ aussage gehalten hat. Der kontradiktorische Gegensatz episches und nicht ­ episches Erzählen hat hierbei seinen guten Sinn. Denn das nicht-epische Er ­ zählen ist darum identisch mit dem historischen Erzählen, weil es überhaupt nur diese beiden, voneinander strukturell verschiedenen Formen des Er ­ zählens gibt. Das heißt: diese Formen unterscheiden sich nicht nur, ja über ­ haupt nicht dadurch, daß ihnen, wie es Ingardens Theorie von den Quasi ­ urteilen zugrunde liegt, in dem einenFalle der Sinn der Nicht-Wirklichkeit, im anderen der der Wirklichkeit beigemessen würde. Sondern es handelt sich um zwei völlig verschiedene, verschiedene Zwecke verfolgende Funk ­ tionen des Erzählens, durch die es bewirkt wird, daß die erzählende Dich ­ tung, und in ihrem sozusagen systematischen Gefolge die dramatische, aus dem Aussagesystem der Sprache ausgeschieden werden. Hier aber muß aus ­