Die fiktionale oder mimetische Gattung einzig das Plusquamperfekt stehen. Es kann im Romansatz zwar heißen: Morgen war Weihnachten, niemals aber: Gestern war Weihnachten 4 , son ­ dern nur: Gestern war Weihnachten gewesen. Dies einzig mögliche Plus ­ quamperfektin der Verbindung mit dem deiktischen Vergangenheitsadverb ist für das fiktionale Erzählen ebenso aufschlußreich wie die nur in die ­ sem mögliche Verbindung des Zukunftsadverbs mit dem Imperfekt. Und beiden Tempusphänomenen liegt dasselbe Gesetz zugrunde: daß das ‘epi ­ sche Ich’, auch ‘Erzähler-Ich’ oder ‘Erzähler’ genannt kein Aussagesubjekt ist. Es bedeutet dasselbe, wenn wir sagen: daß das Erzählte nicht auf eine reale Ich-Origo, sondern auf fiktive Ich-Origines bezogen, also eben fiktiv ist 5 . Die epische Fiktion ist dichtungstheoretisch allein dadurch definiert, daß sie i. keine reale Ich-Origo enthält und 2. fiktive Ich-Origines enthalten muß, d.h. Bezugssysteme, die mit einem die Fiktion in irgend einer Weise erlebenden realen Ich, dem Verfasser oder dem Leser, erkenntnistheoretisch und damit temporal nichts zu tun haben 6 . Eben dies bedeutet umgekehrt, daß sie nicht-wirklich, fiktiv, sind. Diese beiden Bedingungen aber besagen ein und dasselbe und sind nur der Deutlichkeit wegen in eine negative und eine positive Behauptung auseinandergelegt. Denn erst das Auftreten bzw. das erwartete Auftreten der fiktiven Ich-Origines, der Romanpersonen, ist der Grund dafür, daß die reale Ich-Origo verschwindet und zugleich, als logische Folge, das Präteritum seine Vergangenheitsfunktion ablegt. Ehe 4. Nur im Dialogsystem eines Romans, als direkte Rede einer Romanfigur kann der Satz auch in dieser Form Vorkommen, d.h. als Erzähltes nicht als Erzählen; s. unten S. 47. 5. Die Deutung dieser Zusammenhänge durch Brugmann läßt wiederum erkennen, daß der Unter ­ schied zwischen historischem und fiktionalem Erzählen, nicht bewußt geworden ist. Brugmann meint, daß „es an der Natur der ichdeiktischen Pronomina nichts ändert, daß sie zum Teil auch in der Erzäh ­ lung vergangener Ereignisse gebraucht werden. Wenn nämlich Demonstrativa räumlicher oder zeit ­ licher Bedeutung, wie sie für die Anwesenheit und Gegenwart vom Standpunkte des Sprechenden aus gelten, in der Erzählung auftreten, so ist dies dramatische Gebrauchsweise, ähnlich wie wenn in der Erzählung das Präsens statt eines Vergangenheitstempus angewandt wird. So: er saß den ganzen Tag traurig da: er hatte heute (statt an dem Tage) zwei Hiobsposten erhalten“ (Brugmann: Demonstrativ ­ pronomina, 41 f.). Gewiß ist es richtig, daß der Gebrauch der ichdeiktischen Pronomina sich in der im Imperfekt erzählten Geschichte nicht ändert. Was sich ändert, ist Funktion und Bedeutung des Imper ­ fekts, das auch in Brugmanns Beispiel nichts Vergangenes aussagt und nur darum mit den Deiktika stehen kann, weil es dies nicht tut. Diese Verhältnisse werden verdeckt, wenn man sie auf ‘Dramati ­ sierung’ schiebt. Was vorliegt ist ein Mittel der Fiktionalisierung, dessen gerade das Drama nicht bedarf. 6. So sagt Dagobert Frey, als willkommene Bestätigung der hier sprachtheoretisch ermittelten Ver ­ hältnisse: „In der Epik ist Raum und Zeit des Geschehens rein objektiver Natur. Sie haben mit der räumlich zeitlichen Bestimmung des Subjektes überhaupt nichts zu tim, weder mit der des Dichters noch der des Zuhörers; sie sind zu dieser in keinerlei Beziehung zu setzen. Dadurch unterscheidet sich ja auch Geschichte von der dichterischen Erzählung, indem sie zwar ebenfalls rein objektiver Natur ist, aber räumlich und zeitlich grundsätzlich immer in den konkreten Raum und die konkrete Zeit, wie sie im subjektiven Erleben gegeben sind, eingeordnet ist.“ (Gotik und Renaissance, Augsburg ’29, 213). - Diese Einsicht, wie auch unsere Darlegungen, richten sich gegen die recht verbreitete, mit der Ver ­ gangenheitstheorie nahezu mitgegebene Auffassung, daß der epische Erzähler, d.h. der Dichter in einem zeitlichen Verhältnis, einer „Erzähldistanz“, zu dem Erzählten stünde. Sie wird neuerdings prin ­ zipiell von FStanzel: Die typischen Erzählsituationen im Roman (Wiener Beiträge zur engl. Philologie, Bd. 53, Wien ’55) vertreten und durchgeführt.