Die fiktionale oder mimetische Gattung 3t Ein Gefühl der tiefsten Einsamkeit überkam mich jedesmal unbesieglich, so oft und gern ich zu dem märchenhaften See hinaufstieg . . . Oft entstieg mir ein und derselbe Ge ­ danke, wenn ich an diesen Gestaden saß . . . Oft saß ich in vergangenen Tagen in dem alten Mauerwerke . .. Auch das Imperfekt dieser Stelle ist wie das Präsens der vorhergehenden auf das Jetzt des Erzählers bezogen. Es gibt eine Vergangenheit seines Lebens, die Jugendzeit, an, in der er in jener Gegend umhergestreift war. - Dann wird die Beschreibung des in Bezug auf den Ich-Erzähler gegenwärti ­ gen Schauplatzes in einen für ihn historischen Bericht übergeführt, d. h. er versetzt sich nun mit seiner Phantasie in eine weiter zurückliegende, von ihm nicht mehr erlebte Vergangenheit zurück: Und nun, lieber Leser, wenn du dich satt gesehen hast, so gehe jetzt mit mir um zwei Jahrhunderte zurück. Das Bild der Burg, wie sie die Phantasie aus der gekannten Burgruine her ­ stellt, wird dem Leser vor Augen geführt. Aber trotzdem beginnt damit die Romanhandlung noch nicht. Wir haben hier vielmehr ein literarisches Bei ­ spiel für den logisch-sprachtheoretischen Unterschied zwischen einer Phan ­ tasie und einer Fiktion, auf den oben bereits aufmerksam gemacht wurde: Denke weg aus dem Gemäuer die blauen Glocken und die Maßlieben und den Löwen ­ zahn ... streue dafür weißen Sand bis an die Vormauer, setze ein tüchtig Buchentor in den Eingang... Der Entwurf dieses Phantasiebildes, das vor den Leser hingestellt wird, ist eine Wirklichkeitsaussage, auch wenn ihr Inhalt ausdrücklich als Phan ­ tasie kenntlich gemacht ist. Denn sie ist bezogen auf das ‘redende Subjekt’, wird als sein Phantasiegebilde dargestellt, als ein nicht ganz unwirkliches überdies, da es in einer für den Erzähler bestimmten vergangenen Epoche lokalisiert ist. Die durch die Anwesenheit der erzählenden Ich-Origo ge ­ kennzeichnete Phantasieaussage setzt sich auch noch fort, als nun die Ge ­ stalten, die die kommenden Romanheldinnen sein werden, die beiden Töch ­ ter Heinrichs des Wittingshausers, vorgeführt werden. Denn sie ‘treten noch nicht auf’, sie werden vorgeführt wie, ja als zu dem Bilde gehörige Staffage ­ figuren : ... die Türen fliegen auf- gefällt dir das holde Paar? . . . Die jüngere sitzt am Fenster und stickt.. . Die ältere ist noch nicht angezogen .. . Auch das Präsens dieser Beschreibung ist kein historisches Präsens, das ein Imperfekt ersetzte, und zwar obwohl wir uns in der vom Erzähler eigens so bezeichneten historischen Vergangenheit befinden. Aber nicht darauf kommt es an, sondern auf die immer noch anwesende Ich-Origo des Er-