124 Die fikliomle oder mimetische Gattung so, nämlich redend, wie es ihr eigentlich nicht entspricht, nur als »eine Allo ­ tropie des entsprechenden wirklichen Charakters«, wie es an anderer Stelle im Balzac-Essay heißt 76 . Und mit ähnlichen Worten hat es Thomas Mann in seinem >Versuch über das Theater< (1910) ausgesprochen. Die Situation des Zuschauers vor der »abbreviierten« Bühnenwelt wird ihm symptoma ­ tisch für die ‘Silhouettenkunst’ des Dramas. »Wo ist der Dramenauftritt«, fragt er, »der eine moderne Romanszene an Präzision des Gesichts, an inten ­ siver Gegenwart, an Wirklichkeit überträfe! . . . Der Roman ist genauer, vollständiger, wissender, gewissenhafter, tiefer als das Drama in allem was die Erkenntnis des Menschen an Leib und Charakter betrifft, und im Gegen ­ sätze zu der Anschauung, als sei das Drama das eigentlich plastische Dicht ­ werk, bekenne ich, daß ich es vielmehr als eine Kunst der Silhouette und den erzählten Menschen allein als rund, ganz, wirklich und plastisch empfinde. Man ist Zuschauer in einem Schauspiel, man ist mehr als das in einer er ­ zählten Welt.« 77 Die Wirklichkeitsproblematik, die in diesen Äußerungen Hofmannsthals und Thomas Manns zur Rede steht, ist nun aber weit komplizierter als sie selbst diesen kraft ihres eigenen Schöpfertums in so hohem Grade initiierten, wissenden Dichtungstheoretikem erschien. Sie vergleichen die ‘Wirklich ­ keit’, die im Drama zur Gestaltung gelangen kann, mit derjenigen, die die erzählende Dichtung zu erschaffen vermag, zugunsten der letzteren, und setzen eben diese mit der eigentlichen, der vollkommenen Wirklichkeit gleich. Sieht man aber genauer zu, so entspricht letztlich die Situation des Zuschauers vor der Bühne - wo er, wie es Schiller gesagt, »streng an die sinn ­ liche Gegenwart gefesselt ist« 78 - weit eher dem fragmentarischen Charakter der erlebbaren Wirklichkeit in dem oben entwickelten Sinne, ist die drama ­ tische Gestalt und Welt dieser genauer angeglichen als die epische. Die Art, in der sich uns die epische Gestalt und die epische Welt darbietet, geht weit hinaus über das, was sich in der physischen und geschichtlichen Wirklichkeit präsentieren kann. Den Menschen in seinem »durchscheinenden Innern« können wir nur an einem einzigen ‘erkenntnistheoretischen’ Orte, in der erzählenden Dichtung, erleben. - als ‘Produkt’ der erzeugenden Erzähl ­ funktion, deren Wesen, erzeugend und nicht berichtend zu sein, ihren kräf ­ tigsten Beweis eben in dieser Erscheinung findet. Dort wo sie fehlt, in der dramatischen Dichtung, ersetzt sie sich durch eben jene auf Gestaltenbil ­ dung beschränkte dichtende Funktion, die durch die inversen Formeln ge ­ kennzeichnet ist, daß das Wort Gestalt und die Gestalt Wort wird. Diese Formeln beschreiben, wie nochmals betont sei, nur die gedichtete drama- 76. Prosali, S. 43 77. In Rede und Antwort, Bin. ’ii, 25 78. an Goethe 26. 12. 17