tmmmmmmmi 34 BAUZEITUNG NK. 5 gaben, die da und dort zu erfüllen sind? Der kirchlichen Malerei und Plastik tut vor allem das Verinnerlichen not. Was empfinden wir denn bei den meisten unsrer neuen Altarblätter und Skulpturen hauptsächlich als Mangel? Ich glaube, es ist, vom Technischen abgesehen, in erster Linie das Fehlen des Ausdruckes, der Beseelung, des inneren Lebens, was uns gegenüber diesen Werken so kalt läßt. Daher blicken wir auch so gerne auf die alten Bilder und Figuren; denn in ihnen finden wir gerade das, was wir an den neuen meist vermissen. Seit Jahren hat die moderne Malerei eine reiche Ent ­ wicklung aufzuweisen. Wie gering an Zahl sind die Werke in unsern Kirchen und Rathäusern, die späteren Generationen von dieser Entwicklung Zeugnis geben können! Viele tüchtige Künstler harren der monumen ­ talen Aufgaben — der Aufgaben, die ihnen nicht oder nur in verschwindend geringem Maße gestellt werden. Man verweist und vertröstet sie in der Regel auf die Ausstattung von Neubauten. leb hörte vor kurzem den Satz: In den alten Kirchen ist nur Raum für die alte Kunst, d. h. für die altertümelnde Kunst, die moderne Kunst soll sich zufrieden geben mit den neugebauten Kirchen. Es war ein Künstler, der so sprach, ein sehr angesehener Künstler. Welch verkehrte Anschauung, welche unheilvolle, folgenschwere Verirrung! Hätte man in früheren Jahrhunderten so gedacht und gehandelt, wo wäre da die abwechslungsreiche Kunstentwicklung ge ­ blieben, deren Schöpfungen uns eben wegen ihrer Mannig ­ faltigkeit so erfreuen und innerlich ergreifen? Wäre man so verfahren, so hätten wir zum Beispiel keinen Bam- berger Dom, einen Bau, der uns durch den schrittweisen Uebergang vom romanischen zum gotischen Stil die be ­ wegenden Kunstideen seines Zeitalters in so lebendiger Weise beleuchtet. Wahrhaftig, Leute mit solchen Grund ­ sätzen hätten im 13. Jahrhundert die Gotik, die ja sprung ­ weise da und dort aus Frankreich nach Deutschland übertrat, nicht ins Land hereingelassen. Und dreihundert Jahre später hätte die Renaissance vor den Grenzen kehrt machen müssen. Wie lange noch werden die vielen tüchtigen Maler und Bildhauer, die nicht in alten Manieren schaffen wollen, es ruhig mitansehen, daß man ihnen und ihren Werken in der Regel systematisch die Türen der alten Kirchen und Baudenkmäler verschließt? Doch, was sage ich, ruhig mit ­ ansehen! Eingeweihte wissen, mit welch ver ­ haltenem, stillem Grimm ein großer Teil der Künstlerwelt dem einseitigen, alles Neue und Selbständige rücksichtslos ausschließenden Be ­ gehren gegenübersteht. Versuchen wir es doch, weniger engherzig zu sein, versuchen wir es — ich bitte darum —, der lebenden Kunst auch in alten Bauten mehr Freiheit, mehr Luft zu gewähren. Wo es sich um neue Zutaten, um Neuschöpfungen in und an unsern alten Bauten handelt, hat die lebende Kunst das Recht, sich mitzubetätigen, sie hat mindestens den Anspruch auf wohlwollende und vorurteilslose Prüfung der Entwürfe; sie darf verlangen, nicht von vorn ­ herein nur deshalb ausgeschlossen zu werden, weil sie neue Bahnen geht. Doch da taucht drohend ein Gespenst vor uns auf, ein Gespenst, das so viele schöne Vorsätze verscheucht, so viele schöne Pläne hintertreibt: der Kostenpunkt. Kopien sind um billiges Geld zu bekommen, und auch Bilder, die nur mit Anlehnung an alte oder mit Benutzung alter Motive gemalt sind, kosten weniger als selb ­ ständig konzipierte Werke talentvoller, hervor ­ ragender Künstler. Und in unsrer Zeit, wo nicht mehr die reichen Quellen früherer Jahr ­ hunderte für Kunstzwecke fließen, heißt es bei Restaurationen und Neuanschaffungen besonders haus ­ hälterisch sein. Der Künstler ist seines Lohnes wert. Warten wir daher, bis die ausreichenden Mittel für gute Kunstwerke gesammelt sind, bescheiden wir uns, lieber wenig, das Wenige aber gut herzustellen! Freilich, unsre nervös erregte, schnellebige Zeit kann sich mit langsamem Schaffen nur schwer abfinden. Wir treffen auf kein Verständnis, wenn wir erinnern, wie langsam unsre mittelalterlichen großen Kirchen in der Regel ge ­ baut wurden, gebaut je nach dem Zufließen der Mittel. Die Gegenwart hält es lieber mit der flotten und frischen Bravour der Stukkatoren und Maler der Barock- und Rokokoperiode, die in wenigen Monaten die größte Kirche von oben bis unten, von vorne bis hinten mit einheitlichem Prunkgewand ausstatteten. Die Kostenfrage, das Streben, um möglichst wenig Geld möglichst viel zu erhalten, spielt auch vor allem in einem besonders wunden Punkte unsers Restaurationswesens mit, in der Beiziehung der Kunstanstalten. Es ist ja bisweilen — nicht immer — finanziell vorteilhafter, einem Unternehmer die ganze Restauration oder Neuausstattung eines alten Baues zu übertragen, als mit den einzelnen Künstlern selbständig in Beziehung zu treten. Es ist auch vor allem viel bequemer, hilft über den Mangel an Organi ­ sationstalent hinweg und sichert die Möglichkeit, eine be ­ stimmte Person finanziell haftbar zu machen. Gar oft hat man über diese Kunstanstalten geklagt, man rät immer und immer wieder, ohne die Vermittlung der An ­ stalten die einzelnen Künstler beizuziehen. Gewiß wird dieser Weg, wenn beim Kirchenvorstand ein gewisses Ver- waltungs- und Organisationstalent vorhanden ist, am besten zum Ziele führen. Aber die Kunstanstalten sind ein Wirtschaftsprodukt unsrer Zeit, sie sind Organisationen, wie wir sie ähnlich auf andern Gebieten treffen. Wir kommen vielfach in die Lage, mit ihnen zu arbeiten. Wir müssen streben, sie den Zwecken der Kunstpflege in unserm Sinne dienstbar zu machen. Wir müssen von den Kunstanstalten verlangen, daß sie tüchtige Künstler beiziehen, die dann unter Umständen auch selbständig mit den Kirchenverwaltungen über ihre Arbeiten ver ­ handeln können. Doch zurück zu unsern Beispielen! Da liegt irgendwo eine alte Stadt mit mehreren mittel ­ alterlichen Kirchen, mit zahlreichen alten Häusern vom 15. bis ins 18. Jahrhundert. Auf dem Markt ­ platz, an dem besonders viele alte Häuser mit malerischen Giebeln stehen, brennt ein Haus ab, das vor 30 Jahren in den nüchternsten Linienverhältnissen und Einzelformen völlig neu gebaut worden war, so recht ein Schandfleck seiner Umgebung. Was ist nun zu tun? Die baupolizeilichen lokalen Vorschriften verlangen, daß bei einem Neubaue der Umgebung Rech ­ nung getragen wird. Da nimmt der Meister des Neubaues ein in der Nähe stehendes altes Renaissancebaus des 16. Jahrhunderts zum Muster, kopiert aber zugleich manche dekorativen Einzelheiten auch von andern ungefähr gleich ­ zeitigen Häusern der Stadt. In wenigen Jahren, wenn Schmutz und Rauch das neue Baumaterial etwas gefärbt haben, kann das Haus dem flüch ­ tigen Beschauer als alt gelten. Wohl fügt es sich dem malerischen Gesamtbild des Platzes ein. Aber ganz unbewußt hat der Baumeister mit seiner Stilübung den Wert der wirklich alten Häuser in der Nähe beeinträchtigt. Die Aufgabe, wie sie nach unsrer heutigen Auf ­ fassung in solchen Fällen sich gestaltet, war gründlich verkannt. Nicht darauf kam es an, einen Bau mit gleichen oder ähnlichen Einzel ­ formen, mit gleichem oder ähnlichem Aufbau mitten unter die alten zu stellen; es handelte