FÜR WÜRTTEMBE1 BADEN HESSEN SASS - LOTHRINGER STUTTGART, 17. FEBRUAR 1906 ALLE RECHTE VORBEHALTEN. - INHALT; DIE ERHALTUNG ALTER STRASSENNAMEN. - HAUS LANGE IN TÜBINGEN. — STÄDTISCHES ELEKTRIZITÄTSWERK HEIDENHEIM A. BRENZ. — DIE AUSSICHTEN DER MITTLEREN TECHNIKER IN WÜRTTEMBERG. - YEREINSMITTEILUNGEN. — WETTBEWERBE. - KLEINE MITTEILUNGEN. — BÜCHER. •üansmibi-. DIE ERHALTUNG ALTER STRASSENNAMEN VORTRAG VON MUSEUMSDIREKTOR PROF. DR. MEIER ­ BRAUNSCHWEIG, GEHALTEN AUF DEM SECHSTEN TAG FÜR DENKMALPFLEGE IN BAMBERG Wenn ich um meine Meinung befragt würde, welchem „Denkmal“ einer beliebigen Stadt, die zu inventarisieren wäre, seiner ganzen geschichtlichen Bedeutung nach der Platz an erster Stelle gebührt, so würde ich ohne weiteres Besinnen sagen; dem Grundriß der Stadt mit dem Laufe ihrer Straßen, der Lage und Gestalt ihrer Plätze, dem Zuge der Stadtmauern. Denn die innere und äußere Geschichte einer Stadt findet eigentlich auch in dem prächtigsten Dom oder dem schönsten Rathause nicht in dem Maße ihren klaren und unzweideutigen Ausdruck wie in dem Stadtplan, der eine Fülle von geschichtlichen Aufklärungen enthält. Man kann vielleicht sagen, der Grundriß einer Stadt ist die monumentalste Urkunde ihrer Geschichte, und man versteht eigentlich deshalb nicht, warum bisher eine umfassende Geschichte der Stadtpläne, namentlich des Mittelalters, das in erster Linie in Frage kommt, nicht geschrieben ist. Aber man begreift doch auch wieder diese Unterlassung, wenn man bedenkt, daß es sich bei dieser Arbeit darum handelt, sehr tief in die Geschichte jeder einzelnen Stadt einzudringen, und es auf der andern Seite doch auch wieder nötig ist, eine möglichst große Fülle von solchen Einzelunter ­ suchungen anzustellen. Aber die Arbeit, die geschrieben werden muß, ist doch auch wieder eine ganz außer ­ ordentlich lohnende, und vielleicht darf man auf einem späteren Denkmalpflegetage auch einmal die Frage er ­ örtern, ob denn nicht auch für die Erhaltung der alten Grundrisse in unsern Städten etwas getan werden kann, die bisher mehr oder weniger vogelfrei waren, und es wäre auch sehr zu wünschen, meine Herren, wenn in unsern Inventarisationen auf die Gestaltung und die Ge ­ schichte des Stadtplanes etwas mehr Gewicht gelegt würde. Indes, das ist nicht mein eigentliches Thema heute. Es handelt sich vielmehr darum, die Erhaltung der Namen der alten Straßen ins Auge zu fassen, denn auch diese Namen sind bisher — darüber kann ein Zweifel wohl kaum bestehen — vogelfrei gewesen. Der Name einer Straße ist nicht eine Etikette, die rein äußerlich auf eine Straße geklebt wird wie eine Etikette auf eine Flasche Wein, die vielleicht einen ganz andern Inhalt hat. Der Name ist fest verwachsen mit der Straße selbst, er ist entstanden aus ihrer Eigenart. Allerdings in heutiger Zeit — wir wollen ihr doch ja nicht unrecht tun — ist das nicht der Fall; aber es gilt unbedingt für die alten Straßennamen. Infolgedessen muß der Schutz, auf den ein jedes Denkmal Anspruch hat, auch auf diese Namen ausgedehnt werden. Auch der Name einer Straße ist zu bewahren und zu beschützen, weil er eine wertvolle geschichtliche Urkunde ist. Ich will mich hier ausschließlich auf Straßennamen beschränken — genau dasselbe ist aber selbstverständlich der Fall bei den Namen von Brücken, bei den Namen ganzer Stadtteile, bei den Namen schließlich auch der alten Ackerstücke, der Waldstücke, der Berge, Flüsse, Bäche u. s. w. — und wie bedeutend der geschichtliche Wert dieser Straßennamen ist, möchte ich zunächst an zwei Beispielen klarmachen aus meinem engeren For ­ schungsgebiete, an Beispielen aus der ehemaligen wöl ­ fischen Residenz Wolfenbüttel. Hier befand sich in der Nähe des Residenzschlosses eine kleine, unscheinbare Straße des Namens Lauenkuhle. Die Straße heißt aber seit 1896 Lauenstraße, und damit ist ein wertvolles ge ­ schichtliches Denkmal zerstört, ein kulturhistorisches Denkmal; denn wir wissen, daß Heinrich der Jüngere im 16. Jahrhundert sich Löwen durch Philipp den Groß ­ mütigen von Hessen kommen ließ, und wie etwa in Bern ­ burg die Bären noch heutzutage gehalten werden als das Wappentier des Anhaitischen Fürstenhauses, so ist es auch in Wolfenbüttel der Fall gewesen; in der Lauen ­ kuhle oder vielmehr in der Nähe dieser Straße war der Zwinger für die Löwen. Sehr viel wichtiger ist folgendes zweite Beispiel. Herzog Julius von Braunschweig, dessen Regierung in die Jahre 1568 bis 1589 fällt, wollte die Gründung seines Vaters, die kleine Stadt Wolfenbüttel, zu einer bedeutenden Landesfestung und zu einer wichtigen Handelsstadt er ­ heben. So hat er die alte Stadt zunächst erweitert durch eine neue Gründung, die nach ihm Juliusstadt genannt wurde. Er hat aber neben dieser erweiterten Stadt, die als Festung gedacht ist, auch eine mehr offene Vorstadt gründen wollen, wo der Handel frei sich bewegen konnte. Im Jahre 1579 hat er sogar ein Flugblatt ausgeschickt, das sich an den Adel von Böhmen, Oesterreich, Frank ­ reich, Dänemark, England, Lothringen, Schottland, Sachsen, Bayern, Burgund, in den Niederlanden und im Kurfürstentum Mainz richtete, das heißt, wie es in dem Plugblatte heißt, an solche Nationen, die um ihrer Religion wegen beschwert wurden. Nun bestand damals ja noch nicht das, was wir unter Religionsfreiheit verstehen, und der Herzog selbst ist ein strenger Lutheraner gewesen. Aber er hat sich trotzdem auch, wie es gleichfalls in dem Flugblatt heißt, an die Papisten und an die Cal- vinisten gewendet und sie zur Niederlassung eingeladen. Freilich, wenn er ihnen gewährte, daß sie ihrer Religion