52 BAUZEITUNG NR. 7 Diele im Haus Lange in Tübingen. Von Professor Bernhard Pankok-Stuttgart. Außenansicht und Grundrisse um ­ stehend. Nach photographischen Aufnahmen von Dr. Pranok-Oberaspaoh nachleben könnten, so wurde doch die Beschränkung aus ­ gesprochen, daß sie für ihr Bekenntnis nicht Propaganda machen dürften und daß sie auch nicht eine Gemeinde zu bilden hätten. So ist denn diese Yorstadt, die an sich bereits im Jahre 1576 begründet ist, mit dem Namen „Gotteslager“ ausgestattet worden, also etwa: Nieder ­ lassung um Gottes willen, und ähnliche Gründungen, die auch den Namen Gottes in dieser Weise tragen, und zwar reformierte Ansiedelungen bestehen jetzt noch im nördlichen Hessen. Inzwischen begann aber zwischen dem Herzog und seiner ersten Stadt Braunschweig ein arges Zerwürfnis. Der Herzog, erbittert über den Wider ­ stand der Stadt, suchte sie und ihren Handel vollständig zu unterdrücken, und nun tauchen ganz phantastische Pläne auf, die gerade bei einem so nüchtern und ver ­ ständig denkenden Manne, wie Herzog Julius es war, ganz besonders auffallen. Es begann also der Plan ganz merkwürdig ins Ungemessene zu wachsen. Es sollten nicht weniger als zwölf Dörfer der Umgehung und vier Klöster in diese neue Stadt aufgenommen werden. Sie sollte an Größe Braunschweig weit übertreffen, und weil auch sie ja schließlich auf die Okerstraße angewiesen war, so hatte bereits der Herzog Julius den Gedanken, einen Kanal anzulegen, der um die Stadt Braunschweig herum ­ ging und schließlich die Verbindung mit der Aller und Weser suchte. Dieser Plan, meine Herren, konnte nicht verwirklicht werden. In den ersten Anfängen blieb die Yorstadt stecken; auch, nachdem sie später wegen Er ­ weiterung der Festungswerke hinausgeschoben wurde, blieb sie eine kleine, unscheinbare Yorstadt, die aber ihren Namen „Gotteslager“ auch an die neue Stelle mit ­ hinübernahm. Da war es im Jahre 1879, daß die Be ­ wohner darum einkamen, den Namen ändern zu dürfen. Es war nämlich, weil lauter kleine Leute im Gotteslager wohnten, allmählich der Ausdruck „Gotteslagerscher“ von einem recht Übeln Klang geworden. Freilich von diesem schlechten Ruf der Yorstadt war in dem Bitt ­ gesuch nicht weiter die Rede, sondern hier wurde aus ­ gesprochen, da nun die Yorstadt jetzt gerade 300 Jahre bestanden hätte und eigentlich ihrem Namen nicht mehr recht entspräche, weil ja jetzt kaum noch die Gefahr wäre, daß die Lutheraner in dem Lande Braunschweig verfolgt würden, wäre es wohl an der Zeit, den Namen zu ändern, und indem sie vor allen Dingen darauf auf ­ merksam machten, welche Bedeutung der Herzog Julius für diese Yorstadt gehabt hätte, meinten sie schließlich, daß es dieser Bedeutung wohl entsprechen würde, wenn die Vorstadt den Namen Juliusstadt erhielte. Das ist denn auch in der Tat geschehen. Es fragt sich freilich, meine Herren, ob es denn nun der Pietät besser entsprach, wenn man den Namen des Herzogs auf die Yorstadt übertrug, der eigentlich an einem ganz andern Teile von Wolfenbüttel haftete, oder wenn man den alten Namen Gotteslager, der ja so einzigartig ist, festhielt. Einige Jahre später wurde an der Stelle, wo das ursprüngliche Gotteslager gelegen hatte, ein Platz angelegt, und es fragte sich, wie er zu benennen wäre. Ich schlug damals vor, man sollte den alten Namen Gotteslager wieder ein ­ führen; aber die Stadtverwaltung entschied sich dafür, den Platz Herzog Wilhelm-Platz nach dem letzten Herzog aus wölfischem Stamme in Braunschweig zu nennen. So bestehen denn Lauenkuhle und Gotteslager nicht mehr für Wolfenbüttel. Was lehren uns nun diese Beispiele? Zunächst einen völligen Mangel an geschichtlichem Sinn. Freilich ist solcher ja bei den kleinen Einwohnern — es handelt sich in beiden Fällen um solche — nicht zu suchen. Aber man hätte doch vielleicht erwarten können, daß die Be ­ hörden ihn besaßen oder daß sie sich doch wenigstens in dieser Richtung belehren ließen. Beim Gotteslager lag die Sache insofern noch ganz besonders eigenartig, als mit der Umnennung die tatsächlichen Verhältnisse nicht aus der Welt geschafft wurden; denn was ehemals ein „Gotteslagerscher“ war, das war in nächster Zeit ja natürlich ein „Juliusstädter“, und es fragt sich, ob die guten Einwohner nicht nächstens noch einmal darum einkommen, ihre Stadt anders nennen zu können. Freilich, an sich ist ja eine Umnennung unter bestimmten Bedingungen nicht immer zu vermeiden. Wenn zum Beispiel eine Straße in einen besonders Übeln Ruf gerät, die Verhältnisse sich aber in ihr bessern, nun dann kann man es den Leuten nicht verdenken, wenn sie mit der Aenderung der Verhältnisse auch den alten Namen los sein möchten. So ist es zum Beispiel der Fall in Dresden bei der Fischersgasse, die jetzt die Brühlsche Gasse heißt, oder in Hannover bei der berüchtigten Umkehr, die freilich jetzt den unschönen Namen Tivolistraße bekommen hat. Aber in Wolfenbüttel sieht es doch eigentlich so aus, als wenn ein armer Mann einen neuen Rock angezogen und schließlich vergessen hat, auch die Wäsche zu wechseln. Bei der Lauenkuhle lag der Fall etwas anders. Hier war offenbar nur der Name Kuhle anstößig, man dachte