FÜR WÜRTTEMBERG' BADEN HESSEN ELr SASS - LOTHRINGEN' STUTTGAET, 31. MÄRZ 1906 ALLE EECHTE VORBEHALTEN. - INHALT: DIE SITTLICHKEIT IM NACKTEN DER KUNST. - LAGERHAUS STUTTGART- OSTHEIM. - VEREINSM1TTEILUNGEN. — WETTBEWERBE. — KLEINE MITTEILUNGEN. — PERSONALIEN. - ANFRAGEN DIE SITTLICHKEIT IM NACKTEN DER KUNST* Es war vorauszusehen, daß man sich über die kühne Nacktheit des Menschenpaares im Ambergschen Fresko 1 bild in Kreisen, die man mit der gleichen Sicherheit im voraus hätte nennen können, nicht wenig „sittlich“ ent ­ rüsten würde — eine Tatsache, die ^a von keiner weiteren Bedeutung ist. Etwas andres ist, wenn solche Stimmen von Leuten kommen, die in einem näheren Verhältnis zur Kunst stehen. Nach Veröffentlichung des Amberg ­ schen Trauzimmers unter dem Geleite des Felgerschen Artikels, dem ich durchaus nicht in jedem Punkte bei ­ stimmte, der mir aber im allgemeinen geeignet schien, etwas zum Verständnis des Werkes beizutragen, erhielt die Redaktion eine Zuschrift, die im folgenden, aul aus ­ drücklichen Wunsch ihres Verfassers, des Herrn Ober ­ baurats Professor R. Baumeister in Karlsruhe, wieder ­ gegeben ist. Sie lautet: „Karlsruhe, 26. November 1905. Gestatten Sie mir, dem Artikel in Nr. 48 über das Trauzimmer in Heilbronn insofern zu widersprechen, als die Nacktheit der beiden Figuren im Hauptbild nur eine Verirrung des Künstlers zu sein scheint, welche an diesem Ort und zu der Stunde, wo es unter die Augen angehender Eheleute kommt, den natürlichen Anstand, vor allem das tceibliche Zartgefühl, empfindlich verletzt. Daß nach Ansicht des Berichterstatters eine Bekleidung ,die Wucht des Eindrucks auf gedankenlose Schönmalerei herabgedrückt' hätte, ist nicht bewiesen und tritt der Fähigkeit des Künstlers zu nahe, welcher doch wohl gleich manchen Vorgängern imstande gewesen wäre, auch mit bekleideten Figuren das Verhältnis zwischen Mann und Weib ergreifend zu gestalten. Möge der Berichterstatter mich zu den ,kunstbanausischen und prüden' Menschen rechnen, außer mir haben — von Heil- bronner Einwohnern zu schweigen — noch andre Mit ­ glieder der Abgeordnetenversammlung des Verbandes im August d. J. sich darüber erstaunt, wie hier die Kunst die auch für sie maßgebenden Grenzen des sittlichen Taktes überschritten hat. R. Baumeister, Oberbaurat und Professor.“ In Anbetracht des speziellen Interesses und der prin ­ zipiellen Wichtigkeit der Frage hielt ich es nach einem Briefwechsel mit Herrn Oberbaurat Professor Baumeister, in dem er um Veröffentlichung der obigen Zuschrift bat, für angebracht, Urteile von andern Herren zu erbitten, deren Stimmen hierbei von Wert sein dürften. Das Er ­ * Vgl. Nr. 48 des II. Jahrgangs der Bauzeitung zimmer im Rathause zu Ileilbronn von Ambekg.“ „Das Trau- gebnis dieser kleinen Rundfrage ist im folgenden wieder ­ gegeben. Geh. Hofrat Professor Dr. Georg Treu, Leiter der Skulpturensammlung in Dresden, schreibt: „Dresden, den 23. Dezember 1905. Ambergs Gruppen im Heilbronner Trauzimmer scheinen mir von hohem Ernst und tiefer Empfindung getragen. Wenn ich nun auch verstehen kann, daß weibliches Zart ­ gefühl hier und da an der Nacktheit der Gestalten Anstoß nimmt, so vermag ich dies bei kunstgewöhnten Herren weniger zu begreifen. Michelangelos Sixtinische Kapelle strotzt von Nacktheiten viel aufdringlicherer Art. Den ­ noch sollte sie religiöser Andacht dienen, und jeder ver ­ läßt den Raum gehoben und geläutert durch den Anblick jener mächtigen Gruppen. Meint der Einsender, daß sich auch dort durch bekleidete Gestalten ähnliche Wirkungen hätten erreichen lassen? Oder will er auch Adam und Eva aus den Kirchen und Trauzimmern ver ­ bannen?“ Professor Fritz ScHüMACHEE-Dresden äußert sich folgender ­ maßen ; „Ich bezweifle nicht, daß man das Thema des Menschen ­ paares, das sich zur Ehe verbindet, auch in bekleideten Gestalten künstlerisch lösen könnte. Ich bezweifle auch nicht, daß eine unbekleidete Dar ­ stellung bei manchen Beschauern Anstoß erregen wird. Dennoch freue ich mich einer Leistung, die im Vertrauen auf die Keuschheit einer keusch empfundenen Kunst wagt, das Problem in seiner allgemein-menschlichsten und damit in seiner idealsten Fassung zu geben. Maßgebend ist mir durchaus nicht der Gedanke: Was kümmert’s mich als Künstler, wenn es Leute gibt, die Anstoß nehmen; sondern maßgebend ist mir der Glaube, daß wenn man häufiger solche künstlerische Natürlichkeit wagt, schon die nächste Generation keinen Anstoß mehr nehmen wird. Dann ist man aber in der Kultur einen Schritt weiter gekommen und deshalb darf man auf die Uebergangserscheinungen zu diesem Ziel keine Rücksicht nehmen. In dem Kampf dafür, einer gesunden Scheidung zwischen künstlerischer Natürlichkeit und raffinierter Sinnlichkeit wieder allgemeines Verständnis zu erobern, kann der Privatmann wenig ausrichten, wirksam ist nur das Bei ­ spiel, das an öffentlicher Stelle gegeben wird. Ein Kunstwerk, das an öffentlicher Stelle steht, mag anfangs, so rein es auch sein möge, mit den unsachlichen Blicken der Neugier angesehen werden, man kann be ­ obachten, daß es bald als etwas Selbstverständliches be ­ trachtet wird; man weiß in einer Stadt von Jugend auf,