118 BAUZEITUNG Nr. 19 Projekt A für ein Miethaus in Wien von Robert Farsky.*) Ans der Wagner-Schule, Verlag Baumgärtner-Leipzig Künstler muß der Göttin folgen auf ihrem Siegeslauf durch die Zeiten; nur der rastlos Strebende bleibt Künstler, der auf errungenem Standpunkt Verharrende sinkt zum Handwerker herab, der erlernte Handgriffe ausübt und glaubt noch immer der Kunst zu dienen, während ihn die Göttin schon längst verlassen, zurück ­ gelassen hat. Der Künstler lernt nie aus, er kann nie etwas schaffen, das er nicht schon beim nächsten Ver ­ such zu übertreffen trachtet, er schreitet immer mit der Muse fort, — nur eines bleibt stehen, bleibt ewig und unabänderlich das gleiche: der Kunstgedanke, das Prinzip der Kunst, die Basis seines Schaffens. Diesen Fortschritt der Kunst zu fördern, ein Weniges beizutragen zu dem Schaffen der Kunstwelt, zu helfen der Muse den Weg zu ebnen, das ist der Wille, der die ganze Schule beseelt, der sie zu rastlosem Ringen hinreißt. Von diesem Standpunkte aus sind auch ihre Arbeiten zu betrachten; nicht etwas abgeschlossen Geschaffenes sollen sie sein, sondern ein Produkt des *) Die beiden Projekte A und B sind für ein Miethaus Ecke Stubenring-Kai in Wien. Das Grundstück hat die Form eines spitzen Winkels mit weggeschnittener Spitze. Strebens, eine Anweisung, ein Hinweisen auf noch zu lösende Probleme. Es sind keine fertigen Ar ­ beiten, sie sind nur so weit fertig gestellt, als es die Lösung der Aufgabe erheischt, daß der Grund ­ gedanke frank und frei dastehe, aber nicht so mit Tand behängen, mit Details überladen, daß man aus all den Einzelheiten nicht den Kern der Sache findet. Diese Grundprinzipien hat unser hochverehrter Meister der Schule als Seele eingehaucht und sein Odem lebt in uns fort; wir wollen ihm folgen in seinen Bestrebungen, das Schaffen der Kunstwelt in die richtigen Bahnen zu leiten, wollen unter seiner Führung, an seiner Seite den Kampf mit ­ kämpfen gegen die starrsinnig verteidigten Doktrinen über die Anwendung stilreiner und gut kopierter Formen vergangener Jahrhunderte, gegen das Hand ­ werksmäßige in der Kunst, wollen mit unsern jungen Kräften ihm helfen bei dem Titanenwerke. Wir wollen die Aufgabe erfüllen, zu der er uns berufen hat, durch Tat und Wort und Schrift seinen Geist verbreiten, seine Lehren verkünden, sein Werk för ­ dern, wollen sein Wort wahr machen; „Sie werden Kinder ihrer Zeit sein; ihre Werke werden den eignen Stempel tragen, sie werden ihre Aufgabe als Fort ­ bildner erfüllen, ihre Sprache wird der Menschheit verständlich sein, in ihren Werken wird die Welt das eigne Spiegel ­ bild erblicken. Wien. Karl Maria Kerndle. lieber die Grartenstadtbewegimg‘ äußert sich das Jahrbuch der Wohnungs ­ reform (II. Jahrgang, herausgegeben vom Deutschen Verein für Wohnungsreform, verfaßt von Otto Meiß- geier unter Mitwirkung von Dr. K. v. Mangoldt) in bemerkenswerter Weise. Nach Ausführungen über die Bedeutung einer konsequenten staatlichen Verkehrspolitik heißt es S. 30—33; „Eine weitblickende Verkehrspolitik wird gewiß viel zur Dezentralisation der Bevölkerung und der Industrie beitragen, doch muß sie durch eine plan ­ mäßige Ansiedelungspolitik ergänzt werden; denn es läßt sich nicht bestreiten, daß eine Dezentralisations ­ bewegung, die ohne einen bestimmten Plan, nament ­ lich bezüglich der Verteilung der Wohn- und Arbeitsstätten, nur der Ausweitung des Verkehrs folgt, manche Mängel aufweist. So lassen sich be ­ sonders gegen eine zu weite Entfernung von Wohn- und Arbeitsstätte gewisse Bedenken geltend machen. Aus den schon genannten Untersuchungen des badischen Fa- brikinspektors Dr. Fuchs über ,Die Verhältnisse der Industriearbeiter in 17 Landgemeinden bei Karlsruhe' geht zum Beispiel hervor, daß es für die Arbeiter, die in der Stadt ihre Beschäftigung haben, kein großer Ge ­ winn ist, weit draußen auf dem Lande zu wohnen . . . Es ist daher zweifelhaft, ob Dezentralisationsbestrebungen, die darauf hinauslaufen, fern von dem Erwerbsleben der Großstadt reine Wohngemeinden zu gründen, wenigstens für den Arbeiter viele Vorteile bringen werden. Nun sind zwar in vielen Fällen die Nachteile der weiten Entfernung zwischen Wohnung und Arbeitsstätte aufgehoben worden, indem die Industrie selbst an die Peripherie der Städte oder auf die Vororte gewandert ist. Aber auch hier sind vorderhand noch mannigfache Schwierigkeiten zu überwinden. Es wird damit vielfach die Entstehung von Arbeitervororten gefördert. Eine derartige Absonderung einzelner Bevölkerungsschichten ist einmal aus sozialen Gründen nicht zu empfehlen, dann sind aber auch solche Vororte finanziell wenig leistungs-