. PC' OUN FÜR WÜRTTEMBERG BADEN HESSEN ELr SASS - LOTHRIN* STUTTGART, 26. MAI 1906 HUMMER 21 Inhalt: Der Mtiiisterplatz zu Ulm. — Volksschule einer größeren Lanli Backsteinbau. — Eingang des Friedhofs in Ilsfeld. — Süddeutscher Hol Scheidung. — Vereinsmitteilungen. — Wettbewerbe. — Kleine Mitteilungen. entmörtel im Polizeiliche Ent- rionalien. — Bücher, Alle Rechte Vorbehalten Der Münsterplatz zu Ulm ) Die zuständigen Behörden Ulms haben im vorigen Jahr ein Preisausschreiben erlassen behufs Erlangung von Entwürfen für eine würdige Gestaltung des Münster ­ platzes. Dazu bringt Professor Th. Fischer in Stuttgart in der „Süddeutschen Bauzeitung“ (22. April 1905) einen Artikel „Zur Vorbereitung“. Fischer will keine geschicht ­ liche Behandlung im einzelnen, noch weniger eine kritische Abhandlung über Berechtigung oder Nichtberechtigung des Freilegens liefern, sondern er will nur den früheren Zustand des Platzes aus einer Beihe von Abbildungen nachweisen, bekennt aber dann offen, daß er die Frei ­ legung überhaupt für einen ästhetischen Irrtum halte. Darüber sind wohl alle ästhetisch Gebildeten einig, daß die Freilegung des Münsters ein sehr unnützes, ja be ­ klagenswertes Unternehmen ist, welches am besten unter ­ blieben wäre. Da nun aber einmal die Ulmer Bürgerschaft schon seit mehr als 30 Jahren die Freilegung des Münsters von allen Anhängseln und nach ihrer Ansicht unschönen und überflüssigen Gebäulichkeiten in seiner Umgebung angestrebt hat, so ist dagegen nicht aufzukommen. Fischer gibt in dem erwähnten Aufsatz eine kurze historische Darstellung der Veränderungen, welche die Umgebung des Münsters seit ca. 100 Jahren erfahren hat. Diese bedarf einiger Ergänzungen und Berichtigungen. Zunächst was die Bauhütten anbelangt. Seit alter Zeit standen auf der Nordseite des Münsters zwei Bauhütten, wovon die vordere, die sogen. „Hütte“, bis zum Jahr 1899 die ßaubureaus, eine Wohnung für den Münsterwerk ­ meister und verschiedene Werkstätten enthielt. Zu reichs ­ städtischen Zeiten befand sich dort das städtische Bau ­ amt und die Aufsichtsbehörde über das Kirchen- und Schulwesen, später diente es als Schule und Lehrer- wohnuug und wurde erst beim Beginn der Münster ­ restauration wieder als Bauhütte verwendet. Die hintere (östliche) Bauhütte, die sog. Wasserraannsche Hütte, war ebenfalls ein älteres massives Bauwerk und diente als Steinhauerwerkstätte; sie wurde erst 1895 eingerissen. Diese Hütten waren durch eine Mauer verbunden, welche die ganze engere Umgebung des Münsters einfriedigte und so gleichsam das Gebäude von seiner profanen Um ­ gebung absonderte. Nur der Platz im Westen vor dem Hauptportal war frei und hier hatte man auch den schönsten Ueberblick über das imposante Bauwerk. Der südliche Münsterplatz war einst Kirchhof, der Name *) Vergl. die Artikel in Nr. 28 1904 und Nr. 50 1905. erhielt sich noch bis in die neuere Zeit herein, dort stand der von den Bayern im Jahr 1807 entfernte Oel ­ berg und die St. Valentinskapelle, welche von Thrän in den sechziger Jahren restauriert wurde, leider nicht mit der gehörigen Pietät für das Alte; es war ein Werk des Matth. Ensinger, dessen Zeichen sich an dem jetzt durch gotische Wimberge mit Eckfialen gezierten Keller ­ portal befand. Die Westseite zwischen Münster und dem 1812 neuerbauten Klemmschen Haus war noch bis in die dreißiger Jahre hinein durch einen Staketenzaun abgeschlossen, früher war dort eine Mauer mit Zinnen ­ krönung und spitzbogigem Portal, wie eine alte Ab ­ bildung zeigt; dagegen läßt sich das von Quaglio ge ­ zeichnete Portal bei der Valentinskapelle nicht nachweisen, es ist offenbar Phantasie des Künstlers, welcher auch die an die ganze Ostmauer angebauten Käuflerläden sich wegdenkt und dort Bäume einzeichnet. Diese Kram ­ läden, welche der dortigen Straße ihren Namen gegeben, wurden schon 1874 abgebrochen, eine gute Abbildung davon findet man in dem Ulmischen Führer von Osiander und Pfleiderer S. 37. Schon zu Anfang des 18. Jahr ­ hunderts wurde der ehemalige Kirchhof sowie der Platz im Norden des Münsters mit Linden bepflanzt; von solchen standen noch bis 1875 einige schöne Exemplare an der Nordseite des Chors. Verfasser hat sie noch ganz gut im Gedächtnis. Aus welchen Gründen sie ent ­ fernt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis; die Linden auf dem Kirchhof sind schon früher abgegangen; auf dem beigegebenen Situationsplan sind sie eingezeichnet. Die einschneidendste Veränderung der Münster ­ umgebung geschah in den Jahren 1874—79 mit Ab ­ tragung des ehemaligen Barfüßerklosters nebst Kirche. Wir möchten darauf noch einmal zurückkommen. Dieses Kloster wurde 1229 gegründet, die Kirche ist jedoch erst 1305 geweiht und zeigte die Formen jener Zeit, schmale spitzbogige Fenster neben breiteren, welche wahrscheinlich erst im 15. Jahrhundert eingefügt wurden. Der Grundriß war ohne Zweifel aus lokalen Rücksichten bedingt, zweischiffig und sehr unregelmäßig. Der lang ­ gestreckte schmale Chor war mit Kreuzgewölben über ­ spannt, deren Schlußsteine aus einfachen Rosetten be ­ standen. Links vom Chor waren zwei Kapellen eingebaut, welche noch gut erhaltene Wandgemälde enthielten. An der Südseite des Chors war unter den Fenstern das ganze Glaubensbekenntnis gemalt, und zwar; die Er ­ schaffung der Weit, Himmel und Erde, die Taufe Christi,