BMJZEmUN FÜR WÜRTTEMBE BADEN HESSEN SASS - LOTHRIN STUTTGART, i. AUGUST 1906 Inhalt: Bürgerliche Bauweise. — Die Baugewerbliohe Ausstellung im Landesgewerberauseum zu Stutt ­ gart. — Sammelsohulhaus in Stuttgart. — Die neue Äusterlitzbrüoke in Paris. — Kleinwohnungsbau. — Yereinsmitteilungen. — Wettbewerbe. — Kleine Mitteilungen. — Personalien. — Bücher. HALBTEIN- Alle Rechte Vorbehalten Bürgerliche Bauweise (Schluß) Von Fritz S Einfamilienhaus und Mietshaus Das Haus, wie wir es liier au der Hand unsrer neuzeit ­ lichen Bedürfnisse skizziert haben, wird wahrscheinlich den Eindruck machen, als ob es nur für die oberen Zehntausend berechnet sei. Wir sind in Deutschland bisher gewohnt, den Luxus des Komforts nur in Privatpalästen zu suchen und begnügen uns infolge der Mietshausgewöhnung im einfachen Bürgerhause noch mit weit primitiveren Einrichtungen. Sehr mit Unrecht. Daß man bei sehr sparsamen Bauten auf manche raffinierten Bequemlichkeiten verzichten muß, braucht ja nicht erst betont zu werden, aber es wäre ein völliger Irrtum, wollte man glauben, daß nur Luxusbauten sich die Annehmlichkeiten moderner Wohn- und Wirt- schaftshetriebe leisten können. Man findet in England und Amerika ganz bescheidene Cottages, die ihre Neben ­ treppe, ihre „Pantry“, ihren Aufzug, ihre Garderobe, ihre bewohnbare Halle, ihr bequemes Bad, ihre Zentral ­ heizung und alle diese Komfortmittel besitzen. Es ist eine Sache der Geschicklicklickeit des Architekten, sie einer Gestaltung fast unbemerkt abzugewinnen und durch den „Witz“ der Gruppierung so sparsam wie nur möglich zu erreichen. Je tüchtiger der Architekt, um so sparsamer wird man zum Ziele kommen können. Die Sache kommt schließlich darauf heraus, daß wir keine schematischen Häuser mehr gebrauchen können, sondern daß das Kulturbedürfnis glücklicherweise wächst, das Bauten verlangt, die individuell ihrem Platze und den Bedürfnissen und Eigentümlichkeiten ihrer Bewohner angepaßt sind. Diese letzte Forderung allerdings bedingt zu ihrer Er ­ füllung den günstigsten Fall, der in der Wohnungsfrage möglich ist, nämlich das eigne Haus. Hier liegt heute der große Unterschied auf diesem Gebiete: nicht das reiche und das sparsame Haus sind die Gegensätze, die können im Typus verhältnismäßig ähnlich sein und die Kulturbewegung geht dahin, sie immer ähnlicher zu machen, aber das eigne Haus, das Einfamilienhaus und das Mietshaus, die wei'den naturgemäß immer ziemlich verschieden bleiben müssen. Nicht daß nicht auch das Mietshaus im Sinne neuer Komfortsforderungen reformiert werden könnte. Die Reform wird hier zwar noch langsamer vor sich gehen, weil viel seltener wie beim Einfamilienhause eine künst ­ lerische Kraft zu dieser Aufgabe herangezogen wird, aber wir beginnen doch schon uns nicht mehr zu begnügen mit jenen Komplexen stallartiger Wandteilungen, die chumaoher gewöhnlich eine Zimmerreihe im Mietshause darstellt: bald eine Fensterachse, bald zwei, im günstigsten Falle ein Ecksalon, alles aufgereiht an einem langen, mangel ­ haft erleuchteten Korridor, alles schön verbunden mit großen Flügeltüren und ausgestattet mit palastartigen Herrlichkeiten von Stuck, Dekorationsmalerei und billigen Türaufsätzen. Wir beginnen, Gott sei Dank, nicht nur zu seufzen, sondern uns aktiv zu empören gegen diese Barbarei, in der unzählige gebildete Menschen heutzutage geradezu gezwungen sind, ihr Leben zu verbringen, arme Menschen, die sich schon glücklich preisen müssen, wenn es ihnen erlaubt wird, die bunten Decken weiß zu tünchen und die Tapete selber auswählen zu dürfen. An sich liegt nichts im Wege, auch die Räume einer Miets ­ wohnung trotz des neutraleren Charakters, den sie natür ­ lich verlangt, anständig und wirkungsvoll zu machen und ihr die kleinen Komforteinrichtungen der Neuzeit zuteil werden zu lassen; die eigentlich feineren Reize moderner Wohnungskultur bleiben ihr jedoch versagt. Das üebereinander verschiedener gleicher Stockwerke verhindert ein freies Gestalten des Raumes und seiner Fenster bis zu hohem Grade; Beleuchtungsfeinheiten, ein Ausnutzen der Gruppierung zu wirkungsvoller Erweite ­ rung der Grundform des Zimmers sind nahezu ausge ­ schlossen, und ganz verzichten muß man auf einen künst ­ lerischen Hauptreiz des Hauses, die Eingliederung der Treppe und ihres Raumes in den Wohnbezirk. So wird das Mietshaus im Innern meist nur einen blassen Ab ­ glanz der Möglichkeiten unsrer Wohnungskultur geben können, und auch im Aeußern wird es einer neuzeitlichen Umgestaltung viel größere Schwierigkeiten entgegenstellen als das Einzelhaus. Zumal das eingebaute Mietshaus fordert durch seine gleichen Etagenstreifen und das un ­ ausbleibliche regelmäßige Nebeneinander der Fenster immer wieder dazu heraus, seine ganz gewöhnliche natür ­ liche Bestimmung zu verdecken hinter dem Anschein der Achsenteilungen eines Palastes und dadurch dem Miß ­ brauch historischer Formen ein bleibendes Absatzgebiet zu verschaffen. Von dem Schwulst, der dadurch entsteht und der in den Treppenhäusern, die mit den Allüren des Fürstenpalastes zu ganz einfachen Bürgerquartieren führen, seinen verlogenen Gipfelpunkt findet, geben unsre Groß ­ städte ja genügend Zeugnis. Das Problem der künstlerischen Außengestaltung des eingebauten Etagenhauses, ragt unter allen Bauproblemen,