1. September 1906 BAÜZEITUNG 279 Einrüstung der Brücke, links die Fahrrinne Tollstem Einklang mit dem, was das volkstümliche Schlag ­ wort „Fortschritt“ bezeichnet. Und dadurch eben hat er den allernützlichsten und größten Einfluß in sozialer Be ­ ziehung und verwirklicht den volkswirtschaftlichen Ge ­ danken: „daß ein Mensch, nach seinen Werken gemessen, um so mehr wert ist, je zahlreicheren Menschen sein Lebenswerk Nutzen oder Veredelung bringt.“ Van de Veldes Bedeutung liegt aber keineswegs beschlossen in dem vollendeten Gebrauche der Werkzeuge der Kunst, denn darin könnte er immer nur sich selbst offenbaren, sondern vielmehr ist ihm gelungen eine neue „Möglich ­ keit der Kunst“. Die konstruktive Tendenz, die ihm zu eigen ist, erstreckt sich auf das geringste seiner Orna ­ mente. Von dem Ornament einer Tapete verlangt und gibt er solche Eigenschaft, und er erreicht und hat es unter dem Einfluß gewisser moderner französischer Maler fertig gebracht, mit Linien von rein konstruktiver Tendenz Stimmungen zu schaffen. Die konstruktive Form erhob er zu geschlossener ornamentaler Wirkung, und es gelang ihm damit der Ausdruck und die Stimmung, welche die Kunst kennzeichnen. Und darin liegt sein besonderes Verdienst, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Harmonie von Körper und Seele ist ihm ge ­ lungen. Beides war seit den Zeiten der Gotik getrennt gewesen. Die Renaissance, „jenes verbrecherische Spiel des Lebens mit dem Tode“, hat er überwunden. Körper und Seele. Beides war getrennt gewesen, gewöhnlicher Realismus und eine leere Idealität. Adolf Lutz. Naturrote Tonplatten Vor einiger Zeit gab ein vom Geh. Oberbaurat 0. Hoß- feld im „Zentralblatt der Bauverwaltung“ veröffentlichter Aufsatz über Stadt- und Landkirchen Veranlassung zu einer ziemlich lebhaften Kontroverse zwischen Architekten und Keramikern. Oberbaurat Hoßfeld rühmte die Güte der kleinen und kleingemusterten harten Tonplatten nach Mettlacher Art, betonte aber, daß sie für den Kirchen ­ bau nicht geeignet seien, da sie aus dem Maßstabe des Raumes herausfallen. „In den Kirchenschiffen,“ sagt Hoßfeld,. „ist einer großen einfarbigen Fliese aus ge ­ branntem Ton oder Werkstein, sei es in einem durch ­ gehenden Farbentone oder in einer mit einfarbigen Fliesen erzielten Musterung, fast immer der Vorzug zu gehen.“ In technischer Hinsicht rügte Hoßfeld namentlich die große Glätte der Mettlacher Fliesen. Es ist dann manches für und wider diese Ansicht vorgebracht worden, ins ­ besondere wurde die zweifellos unzutreffende Ansicht Hoßfelds bekämpft, daß eine harte Tonplatte zugleich auch stets eine hervorragende Glätte aufweise, die sie für einen Fußboden, den man unter Umständen mit Schnee und Eis an den Füßen betreten muß, ungeeignet mache. Denn es lassen sich ebensogut auch hartgebrannte Ton ­ platten mit rauher Oberfläche erzeugen, während sich anderseits Fußbodenplatten aus weichem Naturstein leicht abtreten und abschleifen und dann gerade außerordentlich glatt werden. Aber in einer Hinsicht haben doch die Architekten vielfach Herrn Oberbaurat Hoßfeld zustimmen müssen: es ist nicht zu bestreiten, daß viele architek ­ tonische Aufgaben weder eine zu zarte Tönung, noch eine mehrfarbige Musterung der Fußbodenplatten vertragen. Was Hoßfeld hier von den Kirchen sagt, trifft auch für viele Anlagen der profanen Baukunst zu. Die Mett ­ lacher Platten werden aus Rücksicht auf ihre große Härte und Dauerhaftigkeit zu wahllos, mit zu wenig Verständ ­ nis für die gerade vorliegende technische oder architek ­ tonische Aufgabe verwendet. Die reichen, vielfarbigen Muster verleiten vielfach dazu, einen Luxus zu treiben, wo dieser gar nicht am Platze ist und wo mit schlichteren einfarbigen Platten schönere Wirkungen zu erzielen wären. Namentlich ist die Wahl so zarter Tönungen oder teppich ­ artiger Muster am wenigsten angebracht, wo der Fuß ­ boden eine ruhige Folie für eine schlichte, würdige Raumarchitektur bilden soll. Aber man ist darum noch keineswegs auf die großen, von Hoßfeld empfohlenen rauhen Fliesen aus gebranntem Ton oder Werkstein an ­ gewiesen, die in der Regel zu unkorrekt ausfallen und sich darum schwer verlegen lassen. Man hat früher häufig derartige Platten verwendet, aber die Baumeister sind davon mehr und mehr zurückgekommen, weil man mit dem korrekt gearbeiteten, hartgebrannten Material weit bessere Erfahrungen gewonnen hat. Nun besitzen wir aber in den hart gesinterten Friedländer Tonplatten von naturroter Färbung ein vortreffliches Material, das einerseits den erwähnten Anforderungen entspricht, ander ­ seits so korrekt gearbeitet ist, daß es sich leicht und bequem verlegen läßt. Diese Platten wollen mir für Kirchenbauten, wo eine würdige Schlichtheit angestrebt wird, wie überhaupt für monumental angelegte Räume ganz besonders geeignet erscheinen.