66 BAUZEITUNÖ Nr. 9 Ländliche Bauten Abb. 3 und Thüringen das bezügliche Material zur Verfügung gestellt hat, können wir einige charakteristische Ent ­ würfe zeigen. Abb. 1 gibt von drei Seiten her die Ansicht eines Kornspeichers, wie er leider nun gebaut ist; Abb. 2 zeigt, wieviel hübscher er gebaut sein könnte und ohne wesentliche Mehrkosten. Der Saalanbau zum Gasthofe (Abb. 3 u. 4) weckt trübe Erinnerungen, denn so roh und meist roher noch, wie er ursprüglich von einer fühllosen Hand an das hübsche Eachwerk des alten Hauses geklebt wurde, steht er zu Tausenden auf unsern mitteldeutschen Dörfern. Der Vorschlag, der das Fachwerk weiterführt und die Baumasse durch Erker und Seitengiebel anmutig gliedert, spricht für sich selbst, ist aber leider für den Besitzer nicht „modern“ genug. Dagegen ist es dem Ausschüsse gelungen, an Stelle des entsetzlichen Schulgebäudes (Abb. 5) einen verbesserten Entwurf (Abb. 6) durchzu ­ setzen, und auch das Familienwohnhaus (Abb. 7) konnte anstatt der formlosen Maurermeisterphantasie (Abb. 8) ausgeftihrt werden. Die Beispiele erweisen zum mindesten, daß wir auch hier langsam, Schritt für Schritt, vorwärtskommen können, wenn wir zäh und mutig bei der Sache sind. Die Einhaltung der festgesetzten Bausumme ist Voraus ­ setzung für jeden derartigen Erfolg. Aber in manchen Fällen sind die Besitzer oder die Bauherren selbst dann nicht zur Annahme der verbesserten Entwürfe zu bewegen, wenn diese billiger veranschlagt sind als die unförmigen Gegenbeispiele. „Wenn das richtig wäre“ — rief gelegentlich der Beratung des Heimatschutz ­ gesetzes ein Abgeordneter im preußischen Landtag aus —, „dann möchte ich den Schildbürger sehen, der das täte. Hier auf den Tisch des Hauses möchte ich ihn gelegt sehen!“ Wir könnten, meint der Gewährsmann des Kunst ­ wart, mit solchen „Schildbürgern“ aufwarten, wenn sie sich nur gutwillig nach Berlin transportieren ließen. Die Erfahrungen des Ausschusses sowie der Aemter, die seine Bestrebungen zum Teil sehr einsichtig und wirksam unterstützen, bestätigen immer wieder, daß sie in einer Anzahl vorhanden sind, für deren Aufnahme man einen besonders geräumigen „Tisch des Hauses“ anschaffen müßte. Wer im Sommer auf dem Lande Gelegenheit findet, im Sinne der vorgelegten Beispiele aufklärend und unaufdringlich zu wirken, der sollte es tun. Wir müssen alle dazu helfen, daß es besser werde. Die Stellung der Architekten und Ingenieure in den öffentlichen und privaten Verwaltungen Ueber diesen Gegenstand, der bekanntlich auf der Abgeordneten- und WanderverSammlung des Verbands deutscher Architekten- und Ingenieurvereine in Danzig 1908 eingehend behandelt worden ist, ist auf Grund der damals gefaßten Beschlüsse von dem hierfür gewählten Ausschuß eine Denkschrift ausgearbeitet worden, die nun ­ mehr im Druck vorliegt und von dem Verbands Vorstand den Mitgliedern übersandt worden ist. Sie enthält die vor ­ jährige Rede des Verbandsvorsitzenden Reverdy-München, die daran anknüpfende Besprechung in der Wanderver ­ sammlung, sodann drei Hauptsätze mit Erläuterungen in der Fassung, welche der in Danzig eingesetzte Ausschuß festgestellt hat. Bei der großen und allgemeinen Bedeutung der hier berührten Frage darf auch an dieser Stelle ein näheres Eingehen auf den Gegenstand nicht unterbleiben. Zu ­ nächst die Rede Reverdys. Diese Rede, im Aufbau und ihrer Entwicklung und Inhalt ein Meisterwerk, hat in Danzig einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer hinter ­ lassen. Man kann nur jedem Techniker raten, sie nicht einmal, sondern mehrmals zu lesen und den Inhalt ganz in sich aufzunehmen. Hier mögen die Hauptsätze im Wortlaut folgen, da eine Wiedergabe im ganzen sich des Raummangels wegen verbietet. Nach einer Einleitung, die den Fortschritt und Werde ­ gang der Technik in den letzten hundert Jahren, das Ringen der Techniker um Anerkennung, die dabei gemachten Fehler u. s. w. behandelt, heißt es: „Das Freudengefühl, wirkungsvoll am Webstuhl der der Zeit zu schaffen, ist den Architekten und Ingenieuren, ungeachtet der Einschränkungen, die sie persönlich er ­ fahren haben, nicht verloren gegangen. Dieses Freuden ­ gefühl wollen wir auch in unsern Nachfolgern entzünden, indem wir, bewußt dessen, was wir geleistet, wie dessen, was wir verfehlt haben, sie auf die alten und neuen Ziele hinweisen, die ihrer harren. Diese Ziele lassen sich kurz in zwei Sätzen ausdrücken: Die Technik als solche zu schaffen und zu entwickeln, ist die Arbeit der Architekten und Ingenieure des neunzehnten Jahrhunderts gewesen. Die Technik auch als Kulturfaktor, d. h. in