330 BAUZBITUNG Nr. 42 Speisesaal mit Nebenzimmer und Anrichte. In dem besonderen Küchenanbau sind Küche und Speisekammer untergebracht, darüber im oberen Stock die Dienstboten ­ räume und Zimmer für die Hausmutter mit Bad und besonderer Treppe. Alle Lieferungen für die Küche können direkt abgegeben werden. Ein von dem Speise ­ saal zugänglicher verglaster Wandelgang bildet vorläufig einen freundlichen Aufenthaltsraum nach den Mahlzeiten und später den Uebergang nach einem weiteren Bauteil. Garderobe und Aborte liegen in unmittelbarer Nähe des Eingangs und der Treppe; unter letzterer führt ein Ausgang in den hinteren Hof. Im ersten Obergeschoß befindet sich die Wohnung des Direktors mit sieben Zimmern, Küche, Bad und Speise ­ kammer sowie Mädchenkammer. Eventuell läßt sich die Wohnung später verkleinern. Eine. Anzahl Zimmer für Studenten schließt sich an. Das zweite Obergeschoß enthält lediglich Zimmer für Studenten nebst Bad und den erforderlichen Aborten. Im Dachstock liegen noch weitere Zimmer für Studen ­ ten, auch ist hier ein schönes Musikzimmer untergebracht. Ferner sind die nötigen Putz- und Wäschekammern, Trockenboden u. s. w. reichlich vorhanden. Im Untergeschoß liegen die Bäume für Kohlen und Heizung, Vorräte, Waschküche und Bügelzimmer, sowie Wirtschaftskeller. Die Küche besitzt einen Kohlenaufzug zur Erleichterung des Betriebes. Es sind im ganzen 33 Zimmer für Studenten im Hause untergebracht worden. Dieselben haben eine Breite von je 3,40 m bei 5,00 m Länge; die Größe ist von Tübinger Studierenden der Medizin als ausreichend anerkannt. Die Etagenhöhen sind folgende; Untergeschoß 3,00 m, Erdgeschoß 3,80 m, erstes Obergeschoß 3,50 m, zweites Obergeschoß 3,30 m, alles von Oberkante zu Oberkante Fußboden gerechnet. Die Ausstattung des Hauses ist in jeder Beziehung praktisch, einfach und gediegen. Wegen der beschränkten Mittel stand den Architekten zur Erreichung gefälliger Innenräume nur die Wirkung der guten Baum Verhält ­ nisse und freundlicher Farhstimmung zu Gebote. Der Bibliothekraum insbesondere konnte durch die gegebene Yertäferung — Bücherschränke — intim gestaltet werden. Der hell gehaltene Speisesaal zeigt eine Yertäferung mit reich geadertem Pitchpine. Die Wohnhalle ist in aparten, dunkelvioletten Farben eigenartig gestimmt, die blanken Beleuchtungskörper kommen in feiner Weise zur Geltung. In dem Flur des Erdgeschosses wurde für ausreichende Garderobegelegenheit gesorgt. Die Zimmer für Stu ­ dierende sind freundlich ausgestattet und sämtlich mit Zentralheizung und Gasbeleuchtung versehen. Die Aborte, welche Wasserklosetts besitzen und mit Plättchen ver ­ kleidet wurden, haben besondere Lüftungseinrichtungen. Ebenso wurden für die Säle und Küche besondere Abluft ­ kanäle angelegt, deren Saugwirkung durch eingelegte Dampfheizkörper beschleunigt werden kann. In allen Bäumen ist Germania-Linoleum auf Stein ­ holz- oder Gipsestrich-Unterboden verlegt worden. Das Aeußere ist in einfachen Formen gehalten, welche an die der alten Tübinger Bauten, wie Aula u. s. w., an ­ klingen. Es wurde versucht, den Typus eines „Instituts ­ gebäudes“ zu treffen und durch großzügige Massenvertei ­ lung monumental zu wirken. Der Sockel des Hauses ist von Pfrondorfer Steinen, die Architekturteile, als Gesimse und Bänke sowie Portal u. s. w., sind von Dettenhauser Stein hergestellt. Die Fronten sind naturfarbig mit Diara-Estrichputz rauh verputzt. Das Dach ist mit roten Biberschwänzen ein ­ gedeckt und hat eine Blitzableitungsanlage nach System Findeisen. Die Läden sind in blaugrauem Ton ge ­ halten. Der am vorderen Eck des Grundstückes stehende Pavillon ist weiß gestrichen und mit rotem Buberoid eingedeckt, das sich für derartige Deckungen vorzüglich eignet. Das auf dem Grundstück neben dem Institutsgebäude stehende alte Wohnhaus wurde zu einem Schwestern ­ heim umgebaut und durch einen Anbau erweitert. Die architektonische Gestaltung wurde dem Hauptgebäude so ­ viel als möglich angepaßt. Wegordimng Von Hans Yatter Fast gleichzeitig mit der Einführung der Eisenbahn ging man daran, die Straßen und Wege zu verbessern. Viele alte Steigen der Alb und im Schwarzwald, welche Jahrhunderte den Bedürfnissen genügten, verschwanden in derZeit des Aufblühens der Eisenbahnen und wurden durch Kunstbauten ersetzt. Durch die Eisenbahnen wurden die Anforderungen an die Straßen nicht herab ­ gesetzt, sondern im Gegenteil erhöht. Man will heute in jeder Gemeinde einen gut ange ­ legten und unterhaltenen Verbindungsweg zur Bahnstation haben. Mit den größeren Anforderungen, die man nun ­ mehr an die Verkehrswege stellte, wuchsen auch die Ausgaben. So stehen heute die Ausgaben für Wege in den Gemeindeetats in vorderster Beihe. Wenn daher von vielen Gemeinden der Wunsch geäußert wird, der Staat solle alle Straßen in Unterhaltung nehmen, so steht hier die finanzielle Not vorne an. Aber nicht allein dies, sondern auch der Umstand, daß das Verteiiungssystem oft ungerecht wirkt, lassen eine gewisse Unzufriedenheit mit der bestehenden Wegordnung aufkommen. Während manche Gemeinden in der glücklichen Lage sind, eine Staatsstraße zu besitzen, müssen andre oft mit bedeutendem Aufwand Straßen unterhalten, von welchen sie nur einen ganz geringen Nutzen haben. Gerade in dieser Beziehung hat die Ausdehnung des Eisenbahnnetzes wesentliche Verschiebungen in den Weg ­ lasten zur Folge gehabt. Man will heutzutage jeden ein ­ zelnen Ort von der Bahn aus auf einer gut unterhaltenen Straße erreichen können. Ist dies nicht der Fall, so sind ständige Klagen von Fußgängern, Badfahrern, Fuhr ­ werkbesitzern an der Tagesordnung. Es ist nun nicht anzunehmen, daß die neue Wegord ­ nung versucht, den größeren Teil der Vizinalstraßen in die Unterhaltung des Staates zu bringen. Viele gehen mit ihren Wünschen gar so weit, sämtliche Ettersstraßen an den Staat abzugeben. Manch wichtiger Straßenzug wird geeignet sein, in die Unterhaltung des Staates ge ­ nommen zu werden, und hat schließlich auch die Be ­ rechtigung so gut als wie andre bestehende Staatsstraßen, dagegen wird der große Teil der Vizinalstraßen wie seither zu unterhalten sein, mit entsprechenden Staatszuschüssen. Die neue Wegordnung kann dagegen auf die Unter ­ haltung der Straßen und auch auf die gerechte Ver ­ teilung der Unterhaltungskosten unter den Gemeinden von wichtigem Einfluß sein. Bei der Verteilung der Unterhaltungskosten sollte die Markungsgrenze keinen so ausschlaggebenden Einfluß ausüben. Der Verkehr und die Nützlichkeit eines Weges für eine Gemeinde sollten mitbestimmend sein. Es ist zum Beispiel für eine Gemeinde mißlich, wenn sie für eine andre Gemeinde mit großen Kosten einen stark benutzten Zufahrtsweg zu einer Bahnstation zu unterhalten hat, ohne selbst davon einen Nutzen zu haben. Die Verteilung der Weglasten unter den Gemeinden und die Höhe der Staatsbeiträge werden bei der neuen Wegordnung eine wichtige Bolle spielen müssen. Die alte Wegordnung macht für den Unterhaltungs ­ zustand von Straßen den Ortsvorsteher verantwortlich. Diese Verantwortung wird vielfach leicht genommen in ländlichen Gemeinden. Die Wegunterhaltung liegt oft